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»Ich habe einfach die Wand angestarrt«

Stefanie Rosin ist alleinerziehend und führte lange ihr eigenes Café. Dann kam das Burn-out

  • Von Birthe Berghöfer
  • Lesedauer: 8 Min.
Stefanie Rosin in den
Stefanie Rosin in den "Delphin-Werkstätten" in Berlin Pankow

Sie haben einen elfjährigen Sohn, den Sie ohne den Kindsvater großziehen. Wie ist es, in Deutschland alleinerziehend zu sein?

Ich denke, dass ich in einem Land lebe, in dem mir als Alleinerziehender zum Glück viele Möglichkeiten gegeben sind. Wenn es nicht Vater Staat ist, der mich im Notfall unterstützt, gibt es noch die Caritas und etliche engagierte Frauenverbände. Und ich bin kein Jammermensch, sondern für jede Kleinigkeit dankbar. Wenn ich glücklich sein will, bin nur ich dafür verantwortlich. Allerdings sind Alleinerziehende oft mit fürchterlicher Bürokratie konfrontiert. Ich war mehr als einmal der Verzweiflung nahe, wenn wieder ein Amt von mir gefordert hat, noch zwanzig Anhänge auszufüllen, Kopien und Nachweise nachzureichen.

Seit wann sind Sie alleinerziehend?

Seit mein Sohn fünf Monate alt war. Damals wollten der Kindsvater und ich in eine größere Wohnung ziehen und hatten den Mietvertrag schon unterschrieben. Abends hat er Muffensausen gekriegt, die Koffer genommen und war weg. Deshalb bin ich wieder zurück nach Karow gezogen, im Berliner Bezirk Pankow, wo meine Mutter und Schwester und auch alte Freundschaften in Reichweite waren.

Konnten Sie Kind und Beruf miteinander vereinbaren?

In der Elternzeit hatten meine Cousine und ich die Idee, uns mit einem Café selbstständig zu machen. Ich wollte auf keinen Fall zurück in meinen alten Beruf als Hörgeräteakustikerin. Meine Cousine verfolgte diese Idee schlussendlich nicht weiter, aber ich habe angefangen, Existenzgründerzuschüsse zu beantragen, Schulungen zu machen, und mir schließlich meinen großen Traum erfüllt. Damals war mein Sohn zwei Jahre alt, und das alles ging nur, weil ich ein Eltern-Kind-Café hatte und ihn so immer mitnehmen konnte. Erstens war ich Chefin, und zweitens hatte ich einen riesigen Spielebereich und Spielfreunde für das Kind. Häufig haben mich auch meine Schwester und meine Mutter unterstützt, wenn mich die Arbeit am Wochenende voll vereinnahmte. Ich bin oft spät noch einkaufen gefahren und war morgens um fünf wieder auf der Arbeit, um Torten zu backen. Sechs Jahre habe ich das gemacht.

Was ist dann passiert?

Dann bin ich Anfang 2017 zusammengebrochen. Mein damals siebenjähriger Sohn hat mich auf der Erde liegend gefunden und gedacht, Mutti stirbt. Da habe ich gemerkt, genau das ist der Punkt, an dem ich die Notbremse ziehen muss. Mein Traum hat mich körperlich und seelisch erschöpft und krank gemacht. Ich habe oft einfach nur dagesessen und die Wand angestarrt.

Wie sah diese Notbremse aus?

Ich habe mein Unternehmen aufgelöst - mit professioneller Hilfe. Dieser komplexen Abwicklung war ich schon aufgrund meiner psychischen Situation nach dem Burn-out gar nicht gewachsen. Ich hatte überlegt, mir auch psychologische Hilfe zu holen, aber man kommt ja nicht an Therapieplätze ran. Entweder gehen die Menschen in dieser Zeit völlig kaputt, oder sie berappeln sich. Ich habe damals gemerkt, wenn dieser ständige Druck weg ist und nicht alle von rechts und links kommen und was von mir wollen, dann ist meine Welt langsam wieder rund. Und ich habe es am Ende aus eigener Kraft geschafft.

Wie lange hat das gedauert?

Ein Vierteljahr war es besonders akut. Ich habe mir morgens über meine Schlafanzughose eine andere Hose gezogen und über das Oberteil nur einen Wintermantel. So habe ich mein Kind in die Schule gebracht. Dann bin ich wieder nach Hause, habe mir den Wecker auf 13 Uhr gestellt und mich einfach so, wie ich war, wieder ins Bett gelegt. Um 13 Uhr habe ich wieder quasi im Schlafanzug das Kind abgeholt und einfach funktioniert, bis er um 19 Uhr ins Bett ging. Oft bin ich dann auch schlafen gegangen. Ich habe jahrelang fehlenden Schlaf nachgeholt, weil ich vorher mit drei oder vier Stunden auskommen musste.

Nach meinem Burn-out bin ich noch mal kurz in die Gastronomie, habe mir dann aber einen Bürojob gesucht, weil ich geordnete Arbeitszeiten brauchte. Ich konnte ja nie bei Familienfeiern dabei sein, musste an allen Feiertagen und jedes Wochenende arbeiten und habe daher mein Kind oft jemandem mitgegeben. Ein Jahr lang habe ich dann als Personaldisponentin im medizinischen Bereich gearbeitet und Leasingkräfte in Altenpflegeheime und Krankenhäuser vermittelt. Der Job war nur nicht meine Erfüllung. Also bin ich in die Assistenz der Geschäftsleitung einer Jungunternehmerin gewechselt und habe nebenher noch meinen Buchhalter gemacht.

Das klingt nach einer Menge Arbeit - macht Ihnen Buchhaltung denn Spaß?

Nein, die buchhalterische Tätigkeit erfüllt mich nicht. Ich muss mit Menschen arbeiten, nicht mit Tabellen. Aber ich habe während meiner Selbstständigkeit gemerkt, dass ich in dem Bereich ein Defizit hatte. Was die Bürokratie betraf, war ich damals blauäugig. Es war mir nicht klar, welche Lawine da auf mich zurollt, und ich habe versäumt, mich um Steuersachen termingerecht zu kümmern, oder wusste nicht, was erforderlich ist, bis die Mahnungen kamen. Aber ich hatte Glück, dass Freundinnen aus dem Buchhalterischen mir geholfen haben. Dieses Defizit wollte ich nicht mehr vor mir hertragen. 2020 habe ich dann meine Buchhalter-Prüfung bestanden.

Und dann kam die Corona-Pandemie. Wie erging es Ihnen in dieser Zeit?

Mein Arbeitsvertrag bei der Jungunternehmerin wurde erst mal ruhen gelassen. Finanziell habe ich das verkraften können. Während des ersten Lockdowns habe ich meine zwei Nichten, meinen Sohn und noch ein anderes Schulkind genommen und zu Hause betreut. Das ging etwa zwei Monate. Dann wurde ich von einer Freundin gebeten, beim Sozialdienst katholischer Frauen einen Teil der Buchhaltung zu übernehmen. Das waren erst zwei Tage die Woche; mit der Zeit habe ich aber immer mehr Aufgaben übernommen und schließlich 30 Stunden die Woche gearbeitet. Mein Kind war tatsächlich mit zehn Jahren bereits recht selbstständig. Er ist einfach ein Gastro-Kind, selbstbewusst, kann sich notfalls selbst Essen machen und läuft alle Wege, ohne Angst, allein. Um den musste ich mir erst mal keine Sorgen machen.

Auch nicht um das Homeschooling?

Die Zeit der geschlossenen Schulen war ganz furchtbar und mit einem unfassbaren Stresspegel verbunden. Ich war drei Tage die Woche im Homeoffice, und an den zwei Tagen, die ich im Büro war, klingelte teilweise stündlich das Telefon. Dann hat mir mein Sohn ein Foto von der Matheaufgabe geschickt, die er nicht verstand. Und ich saß gerade an einer komplexen Excel-Tabelle mit gut zweihundert Datensätzen und sollte ihm helfen, weil er seine Schulaufgaben nicht verstand. Oder: »Mama, der Hund hat was.« - »Mama, wo ist denn das Essen?« - »Mutti, der PC ist abgestürzt.« Ich kann nur sagen, meine Chefin war toll. Ich durfte auch mal bei der Arbeit etwas für die Schule ausdrucken, und sie hat versucht, es uns Eltern in dieser Zeit so einfach wie möglich zu machen.

Was machen Sie da beim Sozialdienst katholischer Frauen?

Wir kümmern uns um Alleinerziehende, um obdachlose Frauen, um Frauen in Gefangenschaft und darum, ihnen danach wieder ins Leben zurückzuhelfen. Wir haben Notunterkünfte, machen Schwangerschaftsberatung und helfen bei häuslicher Gewalt, was gerade zu Corona-Zeiten ein großes Thema war. Außerdem haben wir die Delphin-Werkstätten, in denen es verschiedenste Projekte für Menschen mit Behinderung gibt, die auf dem ersten Arbeitsmarkt nicht Fuß fassen können.

Gibt es etwas, das Sie sich von der Politik während der Pandemie gewünscht hätten?

Wir haben, bis von der Schule das Angebot kam, einen Laptop zu bekommen, nicht am Homeschooling teilnehmen können. Zwischenzeitlich gaben uns Freunde ihren alten Laptop zur Überbrückung. Ich hatte auch keinen Internet-Router zu Hause und musste das erst einmal besorgen. Das sind zusätzliche Kosten, die ich jetzt tragen muss. Bis auf die 150 Euro Kinderzuschuss, die jeder erhalten hat, gab es keine zusätzliche Unterstützung vom Staat.

Und von Freunden, der Familie oder anderweitigen Netzwerken?

Abgesehen davon, dass mir das Zwischenmenschliche gefehlt hat, hatte ich während Corona nicht das Gefühl, dass mir meine sozialen Kontakte weggebrochen sind. Ich war an manchen Tagen so froh, dass ich ins Büro durfte und mich nicht mehr »nur« mit einem Zehnjährigen unterhalten musste. Da fehlen einem ehrlicherweise auf Dauer anspruchsvolle Erwachsenengespräche und geistiger Austausch.

Wohin soll es für Sie in Zukunft gehen?

Ich will wieder in die Gastronomie, und genau das ist es, was ich gerade zunehmend mache: Aktuell ersetze ich die Küchenleitung in der Kantine der Delphin-Werkstätten. Die Arbeit mit behinderten Menschen macht mir sehr viel Spaß. Dass ich jetzt wieder so glücklich bin, sieht auch mein Sohn. Er durfte mir auch »erlauben«, wieder Vollzeit gastronomisch zu arbeiten, denn ich möchte, dass er bei solch elementaren Dingen in unserem Leben mitbestimmt.

Die Arbeit dort geht einher mit einer sonderpädagogischen Zusatzausbildung, damit ich die Führung und Leitung in der Arbeit mit behinderten Menschen übernehmen darf. In Kürze übernehme ich dann die Gruppenleitung unseres Cafés »Agnes Neuhaus« in Niederschönhausen. Das bedeutet auch einen Sprung auf der Karriereleiter und ein besseres Einkommen, mit dem ich dann mir und meinem Sohn ein sorgenfreieres Leben ermöglichen kann. Diese neue Perspektive in meinem Leben macht mich sehr glücklich.

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