Die armen Nachbarn trifft keine Schuld

Durchmischung würde die sozialen Probleme in Großsiedlungen wahrscheinlich nicht lösen

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 4 Min.

»Ich habe immer eine Schwierigkeit damit, wenn man sagt: 50, 60, 80 Prozent sozialer Wohnungsbau. Was passiert denn da? Da passiert High-Deck-Siedlung, da passiert Köllnische Heide.« Dort geschehe genau das: »Ein Zuviel an sozialen Problemen an einem Platz. Dann kippen die Quartiere.« Man müsse die gute Mischung erhalten. So hat es Franziska Giffey (SPD), die am 21. Dezember vergangenen Jahres Regierende Bürgermeisterin von Berlin wurde, fünf Monate zuvor formuliert.

Matthias Bernt vom Leibnitz-Institut für raumbezogene Sozialforschung in Erkner zitiert das am Mittwochnachmittag, um zu belegen, dass Politiker klare Vorstellungen davon haben, dass es nicht zu viele Sozialwohnungen in Großsiedlungen geben solle. Auch Journalisten haben so ein Bild vor Augen, wenn sie Bernt anrufen und ihn fragen, ob es auch in Deutschland schon so sei wie in den berüchtigten Vorort-Ghettos von Paris, und falls nicht, wann es so weit sein werde. Über die Großsiedlungen gebe es zahlreiche Vorurteile: Da gibt es nur Ramschläden. Wer da wohnt, bekommt keine Arbeit. Wer da aufwächst, studiert nicht. Doch die Wissenschaft sei skeptisch, ob und wie das alles miteinander zusammenhängt, sagt Bernt.

Klar erwiesen ist, dass in den Innenstädten immer weniger arme Menschen leben und dass sie sich dafür immer mehr in den Großsiedlungen in Randlage konzentrieren. Aber hilft die soziale Mischung überhaupt, die entstehen würde, wenn in diese Siedlungen auch teure Quartiere eingestreut würden, vielleicht sogar Eigentumswohnungen? »Kinder, die in Armut aufwachsen, wachsen nicht nur mit armen Nachbarn auf, sondern in einer armen Familie«, erklärt Bernt. Würde es diesen Kindern helfen, einen begüterten Nachbarn zu haben? Braucht nicht vielmehr die arme Familie Hilfe?

So sieht es auch Quartiersmanagerin Susen Engel. Sie kümmert sich um das Falkenhagener Feld Ost, wo in den 70er Jahren Punkthochhäuser gebaut worden sind. In dieser Siedlung im Berliner Bezirk Spandau haben 45 Prozent der Schulkinder Sprachdefizite, 20 Prozent haben keine Kita besucht, erläutert Engel. Nicht einmal die Hälfte von ihnen schaffe einen vernünftigen Schulabschluss, obwohl die Bildungsstätten gut und die Lehrer engagiert sind. Es mangele aber an sozialer Infrastruktur, um frühzeitig einzugreifen und die Defizite auszugleichen. Wenn Susen Engel bei sich zu Hause im Bezirk Pankow aus der Haustür tritt, sind fünf Kinderärzte fußläufig zu erreichen. Im Falkenhagener Feld gebe es auf 40 000 Einwohner nur zwei Kinderärzte, beklagt sie. »Ich finde das ungerecht«, sagt die Quartiersmanagerin. »In solchen Quartieren die Klassen halbieren und die Lehrerzahl verdoppeln«, schlägt sie vor. Pädagogen haben ihr berichtet, welche erfreulichen Lernfortschritte die Kinder plötzlich machten, als die Klassen in der Corona-Pandemie phasenweise geteilt unterrichtet wurden.

Helene Böhm vom kommunalen Wohnungsunternehmen Gesobau sieht es teilweise ähnlich wie Engel. Sie erinnert sich, dass sie Mitte der 2000er Jahre mal die Rückmeldung erhielt, in der Großsiedlung Märkisches Viertel in Berlin-Reinickendorf lebe kein einziger Abiturient. Es müsse doch aber ein Aufstieg durch Bildung möglich sein. Anders war die Situation noch lange nach der Wende in DDR-Neubaugebieten wie Hellersdorf. Es zeichnete sich aber schon die soziale Entmischung ab. Wenn man da die alten Mieter gefragt habe, was ihre Kinder von Beruf sind, habe es geheißen: »Ingenieur, Bankangestellter, hat eine Firma.«

Während in der DDR der Betriebsdirektor sprichwörtlich in einem Aufgang mit dem Hausmeister wohnte, zogen von denen, die sich das leisten konnte, nach der Wende viele um. Jörn-Michael Westphal, Geschäftsführer des kommunalen Wohnungsunternehmens Pro Potsdam, hat heute ein schlechtes Gewissen, dass sein Unternehmen durch eine unbedachte Belegung freier Wohnungen im Stadtteil Drewitz eine Entwicklung beförderte, die ihm erst klar geworden sei, als eine Schulleiterin erzählte: Früher habe es dort ein problematisches Kind pro Klasse gegeben, heute seien es acht oder neun. »Die Stadt wollte: Die Mieten sollen bezahlbar sein. Das ist ja ein legitimer Wunsch. Aber damit tragen wir zur Entmischung bei.« Westphal hielte es für angeraten, in den einzelnen Quartieren Wohnungen in verschiedenen Preislagen anzubieten.

Die Sozialwohnungsquote zu senken, wie es zuweilen gefordert wird, das will Ralf Protz vom Kompetenzzentrum Großsiedlungen Berlin ja gar nicht verlangen, wie er sagt. Aber die ewig unveränderten Einkommensgrenzen für einen Wohnberechtigungsschein müssten endlich mal angehoben werden. Protz bedauert, dass es Bevölkerungsschichten, die früher mal in Sozialwohnungen einziehen durften, heute verwehrt sei. Selbst Lehrer und Polizisten hätten Probleme, eine bezahlbare Wohnung zu finden. Wenn man die soziale Entmischung der Innenstädte negativ sehe, müsse man den Versuch der Durchmischung von Großsiedlungen positiv betrachten, meint Protz.

Wissenschaftler Bernt lehnt eine Anhebung der Einkommensgrenzen jedoch genauso ab wie eine geringere Sozialwohnungsquote. »Wenn der Kuchen zu klein ist, ist es keine Lösung, immer mehr Leute zur Party einzuladen«, argumentiert er. Wenn es zu wenige Sozialwohnungen gebe und bei einer Besichtigung schon 200 Bewerber anstehen, helfe es nicht, noch mehr Menschen einen Wohnberechtigungsschein zu geben.

Auch Quartiersmanagerin Engel winkt ab: »Wenn man sich die Wohnungsnot der Armen anschaut, sind die Wohnungsprobleme der Mittelschicht ein Luxusproblem.« Den Armen müsse akut geholfen werden und nicht mit dem vagen Versprechen auf Besserung in etlichen Jahren durch eine soziale Mischung.

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