Werbung

Interaktives Gedenken

Das Projekt Dekoloniale schuf für die diesjährige Netzkonferenz Republica digitale Erinnerungsräume

Kamerun war von 1884 bis 1919 eine deutsche Kolonie.
Kamerun war von 1884 bis 1919 eine deutsche Kolonie.

Die Pandemie hat die Digitalisierung für Museen und bildungspolitische Akteure, die sich im Rahmen der Erinnerungskultur bewegen, auf neue Weise zu einem dringenden Problem gemacht. Welche Möglichkeiten und neue Blickwinkel sich dabei ergeben können, wurde am Mittwochabend auf der diesjährigen Berliner Netzkonferenz Republica bei einer Diskussion mit dem Titel »Digital Memory« erörtert.

Nadja Ofuatey-Alazard, Co-Geschäftsführerin und künstlerische Leiterin der Berliner Community-Bibliothek Each One Teach One (EOTO) sowie Teilprojektleitung des von EOTO, der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland sowie Berlin Postkolonial in Zusammenarbeit mit der Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa initiierten Modellprojektes Dekoloniale, stellte in diesem Rahmen eine interaktive Weltkarte vor, die auf der Website des Projektes abrufbar ist.

Es handele sich um eine »kuratierte Karte, die redaktionell bearbeitet wird und auf der ausgewählt wird, was repräsentiert werden soll.« Dekolonialen Initiativen werde so die Möglichkeit gegeben, so Ofuatey-Alazard, ihre Arbeit sowohl in Deutschland als auch außerhalb darzustellen. Im Rahmen einer vierteljährlichen Denkwerkstatt in dem Themenfeld »Lern- und Erinnerungsort deutscher Kolonialismus« habe es direkt zu Beginn auch »Gespräche mit muslimischen und queeren Communitys«, aber auch mit Initiativen von Sinti*zza und Rom*nja gegeben, um die Diskussion innerhalb der eigenen Community zu bereichern. Ein Austausch mit dem Schwulen Museum über Schwarze queere Geschichte sei ebenfalls angestoßen worden, so Ofuatey-Alazard weiter.

Interessierte haben zunächst noch bis Freitagabend um 18 Uhr die Möglichkeit, am Stand zu »Digital Memory«, den sich die Dekoloniale mit anderen Berliner Museen und Gedenkstätten teilt, die interaktive Karte per Touchscreen selbst zu erkunden. Bei der Gestaltung sei auf ein gesüdetes Modell zurückgegriffen worden, »um Europa aus dem Zentrum zu rücken«, so Maresa Pinto und B’net Rahal, die als studentische Mitarbeiterinnen für die Dekoloniale arbeiten und den Stand betreuen, gegenüber »nd«. Das zentrale Thema der Karte seien »der deutsche Kolonialismus und seine Auswirkungen«, so Ofuatey-Alazard. Sie ermögliche es, historisch situierte Verbindungen und Bewegungen von Menschen aus den Kolonien, etwa im Rahmen der Kolonialausstellung 1896 im Treptower Park, sowie deren Lebensgeschichten nachzuverfolgen.

Eine Biografie, die sich auf der Karte lokalisieren lässt, ist die des aus Kamerun stammenden Kommunisten Joseph Ekwe Bilé, zu dem mehrere Stationen und Hintergrundrecherchen hinterlegt sind. Auch die Pressemitteilung zur Widmung einer Berliner Gedenktafel für Bilé ist dort dokumentiert. Der Bezug zu konkreten Orten und aktuellen Fragen der Erinnerungspolitik lässt sich also auch je nach Eintrag finden. Eike Stegen von der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz, der das Gespräch moderierte, merkte an, dass die Dekoloniale auch immer wieder mit Stadtteilmuseen zusammenarbeite, um an lokale Geschichten zu erinnern.

Jedoch sei es auch wichtig, dauerhaft Erinnerungsräume für Schwarze Menschen zu schaffen, darin waren sich Stegen und Ofuatey-Alazard einig. Zwar finde die Dekoloniale schon jetzt in der Wilhelmstraße an einem für die Kolonialgeschichte symbolischen Ort statt, waren hier doch wichtige Regierungsbehörden des Deutschen Reiches angesiedelt. Doch die Einrichtung dezidierter Orte der Erinnerung stehe noch aus. »Ich glaube, das wird sich in den nächsten Jahren noch zeigen, weil gerade viele verschiedene Prozesse in verschiedenen Städten anlaufen. Jetzt stellt sich die Aufgabe, diese in den nächsten Monaten und Jahren zu verknüpfen«, erklärt Projektmitarbeiterin Pinto auf Nachfrage des »nd«, ob es einen oder mehrere zentrale Orte der Dekoloniale geben sollte. Damit im Zusammenhang steht auch die zukünftige Erweiterung der Karte, die als offenes Archiv noch lange nicht vollständig ist.

Eine Person, die die Diskussion verfolgt hat, wies auf die Veränderungen in der Kulturlandschaft hin, die in den letzten Jahren in diesem Kontext erfolgt seien. So sei es vor einiger Zeit noch undenkbar gewesen, dass jemand in einer Position wie Bürgermeister und Kultursenator Klaus Lederer öffentlich von der Notwendigkeit von Provenienzforschung spreche. Sie betonte gegenüber »nd« allerdings auch ihre Befürchtung einer Vereinnahmung der dekolonialen Bewegung durch die institutionelle Anbindung und dadurch politische Abhängigkeit.

Die bisher in Museen vorherrschende Perspektive des Sammelns und Ausstellens müsse hinterfragt werden, sagte Rahal von der Dekoloniale. »Viele Objekte – oder eigentlich Subjekte – sollten nicht ausgestellt werden in der Art und Weise, wie der Westen solche Dinge behandelt.« Pinto ergänzt: »Weil wir diese Orte auch besuchen und sie Teil unseres Alltags sind, ist es wichtig, sie trotzdem mit einzubeziehen, aber das ändert nichts an dem Dilemma.«

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal