Wenn Hitze tödlich wird

Berliner Aktionsbündnis will angesichts steigender Temperaturen Schutzmaßnahmen entwickeln

Nicht nur ein Glas Wasser hinstellen, sondern auch darauf achten, dass es getrunken wird.
Nicht nur ein Glas Wasser hinstellen, sondern auch darauf achten, dass es getrunken wird.

Die Waldbrände in der Region, ausgelöst im Zuge der Hitzewelle des vergangenen Wochenendes, sind noch nicht vollständig gelöscht. Und es werden in diesem Sommer ganz sicher nicht die letzten gewesen sein. Klar ist: Die Temperaturen steigen, die Zahl der Hitzetage in der Region nimmt zu, und die Hitzeperioden werden länger.

«Hitze tötet Menschen», nimmt Peter Bobbert, Präsident der Ärztekammer Berlin gegenüber «nd» am Dienstag dramatische, aber realistische Worte in den Mund. «In den Jahren 2018 bis 2020 gab es allein in Berlin und Brandenburg rund 1400 Hitzetote. Hitze ist für Menschen mit Vorerkrankungen, Schwangere, kleine Kinder und alle, die im Freien arbeiten, eine konkrete Gefahr», betont der Mediziner. Für ältere und vorerkrankte Menschen und insbesondere für diejenigen, die alleine wohnen, sind Hitzewellen lebensbedrohlich. Es wird unterschätzt, wie viele Menschen schon heute infolge der Klimakrise auch hier in Berlin sterben«, sagt Bobbert.

Aus diesem Grund haben sich die Ärztekammer Berlin, der Verein Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit (Klug) und die Senatsverwaltung für Wissenschaft, Gesundheit, Pflege und Gleichstellung mit Akteuren des Gesundheitswesens zusammengetan und Hitzeschutzpläne für Berlin erarbeitet. Sie wollen mit dem »Aktionsbündnis Hitzeschutz Berlin«, das am Montag vorgestellt wurde, dafür sorgen, dass schnell und nachhaltig Sorge getragen wird, dass man sich in Einrichtungen der Pflege und der Gesundheitsversorgung der größer werdenden Gefahr bewusst wird. Zugleich müsse auch die gesamte Stadtgesellschaft verstehen, wie man sich vor Hitze schützen kann – individuell jeder Einzelne, aber auch gemeinschaftlich.

»Hitzeschutz kann jeder, aber in dieser Angelegenheit darf keiner alleingelassen werden«, erklärt Peter Bobbert. »Es handelt sich vielmehr um eine zutiefst solidarische und gemeinschaftliche Aufgabe.« Die Sorge müsse in diesem Zusammenhang vor allem älteren und allein lebenden Menschen gelten, so der Ärztekammer-Präsident. Das betreffe den Alltag wie auch die Einrichtungen.

Gesundheitsrisiken durch Hitze können schnell und deutlich reduziert werden, sagt auch Martin Hermann vom Klug-Vorstand. Wenn man die Gefahren gut versteht und die Hitzeschutzpläne schnell umsetzt. Denn »Pläne allein retten keine Menschen«, ergänzt Peter Bobbert.

Derzeit gibt es leider noch nicht einmal diese. Allein das Hubertus-Krankenhaus kann bislang einen Hitzeschutzplan vorhalten – als einziges in der Hauptstadt. Auch Bobbert sagt, schneller und machbarer Schutz sei »kein Zauberwerk« – aber es muss ihn geben.

Der »Musterhitzeschutzplan für stationäre Pflegeeinrichtungen, Tages- und Kurzzeitpflegeeinrichtungen und Pflege-Wohngemeinschaften«, den das Bündnis erarbeitet hat, umfasst alle wesentlichen Maßnahmen, die vor und während einer Hitzeperiode bedacht und ergriffen werden sollten, damit Menschen, die der Pflege in ambulanten oder stationären Einrichtungen bedürfen, nicht ausgerechnet dort einem erhöhten Risiko ausgesetzt sind.

An erster Stelle steht die Ernennung eines oder einer Hitzeschutzbeauftragten, Schulungen müssen durchgeführt und von technischer Seite aus der bauliche Zustand von Gebäuden untersucht werden. Denn von klimatisierten Krankenhäusern sei man noch weit entfernt, erläutert Bobbert auf Nachfrage. Im Gegenteil. So seien bis vor Kurzem immer noch Stationen gebaut worden, bei denen Hitzeschutzmaßnahmen keine Rolle gespielt hätten. »Wir müssen regelmäßig ganze Stationen evakuieren«, schildert der Internist die Lage. Man habe das Thema Hitze »komplett verschlafen«.

Vor diesem Hintergrund wäre festzulegen, wie mit den vorhandenen Mitteln effektiv zu haushalten ist. Wie im privaten Bereich auch müssen Fenster dann tagsüber geschlossen und die Zimmer mit einem Sonnenschutz dunkel gehalten werden und – so es die Hygiene erlaube – die Türen geöffnet. Gelüftet wird nachts und in den Morgen- und Abendstunden.

»Es ist keine Frage des Geldes und des Personals«, betont Bobbert. Dennoch muss die Personalplanung bei einer Hitzeperiode angepasst werden. »Denn es ist nicht damit getan, ein Glas Wasser neben das Bett einer älteren, gebrechlichen Patientin zu stellen, es muss zugleich dafür Sorge getragen werden, dass sie das Wasser erreichen kann und dann auch trinkt«, erklärt Peter Bobbert anschaulich und berührt damit das wohl größte Problem in der aktuellen Gesundheitsversorgung: den Personalmangel.

Denn Hitzeschutz im einfachen aber auch effektiven Sinne bedeutet für Pflegekräfte, mehr Zeit bei und mit den Patient*innen zu verbringen, diese noch intensiver zu betreuen. Und selbst wenn das Wasser getrunken ist, muss noch kontrolliert werden, wann das nächste Glas fällig wäre. Auch das Thema Arbeitsschutz ist ein Punkt. Denn nicht nur Patient*innen müssen geschützt werden, auch die Mitarbeiter*innen müssen mehr auf sich achten.

Berlins Gesundheitssenatorin Ulrike Gote (Grüne) erklärt im Rahmen der Vorstellung des Hitzeschutz-Bündnisses, die Klimakrise erfordere es, sich anzupassen, »damit unsere Städte lebenswerte Orte für alle bleiben«. Gote wirbt dafür, die Hitzeschutzpläne zügig im Berliner Gesundheitswesen bekannt zu machen und umzusetzen. »Denn die nächste Hitzewelle mit Gefahren für die Gesundheit der Berliner Bevölkerung kommt bestimmt.«

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