Reparieren statt konsumieren

Gerade reichere Menschen müssen vom Energiesparen überzeugt werden

  • Von Louisa Theresa Braun
  • Lesedauer: 3 Min.
Fahrräder ausleihen oder reparieren: Das kann man zum Beispiel schon in der Kreuzberger Regenbogenfabrik.
Fahrräder ausleihen oder reparieren: Das kann man zum Beispiel schon in der Kreuzberger Regenbogenfabrik.

Haushalte mit höherem Einkommen verursachen bis zu viermal mehr CO2 als Geringverdiener*innen. Und laut einer Studie des Wuppertal Instituts von 2020 gelten Energieeinsparungen und Klimaschutz nur bei einem geringen Teil dieser Gruppe als ein Motiv für Verhaltensänderungen. Wenn Berlin seine Klimaschutzziele erreichen will, müssen also gerade reichere Menschen noch mehr zu ihnen beitragen. Dafür startet an diesem Donnerstag das Pilotprojekt »Klimaschutz 100 Pro« der Berliner Energieagentur und des Bundes für Umwelt- und Naturschutz (BUND) Berlin.

»Wir wollen ansprechen: Wie wohne ich und wie kann ich Energie einsparen?«, erklärt Mechthild Zumbusch, Prokuristin und Bereichsleiterin für Beratung der Berliner Energieagentur. Für Geringverdiener*innen bietet die Energieagentur in Kooperation mit der Caritas schon seit 2008 den Stromspar-Check an, der von Energiearmut betroffene Haushalte zum Beispiel durch den Austausch alter energieintensiver Geräte entlasten soll. Im Herbst habe die auftraggebende Senatsumweltverwaltung dann die Ausschreibung für ein Beratungsangebot für Menschen mit mittlerem und höherem Einkommen gestartet, in der sich Energieagentur und BUND durchsetzen konnten.

Starten soll das auf ein Jahr angelegte Pilotprojekt in den Kiezen Boxhagener Platz und Möckernkiez/Dragonerareal. »Wir wollten Kieze, die sich städtebaulich verändern, in denen gewohnt und gearbeitet wird und in denen viele Familien leben«, sagt Zumbusch. Der Möckernkiez zeichne sich zum Beispiel durch genossenschaftliches Wohnen und viele Neubauten mit hochpreisigen und größeren Miet- sowie Eigentumswohnungen aus, in denen also überwiegend genau jene Zielgruppe zu Hause sein dürfte.

Themen der Beratungen sollen neben Energieeinsparungen auch bewussterer Konsum, Umgang mit Wasser, Mobilität, Reisen und Energieerzeugung sein. Statt kaputte Geräte wie Mixer oder Toaster wegzuwerfen, sollen Angebote zur Reparatur stärker in den Fokus rücken, die Vorteile des Umstiegs aufs Fahrrad aufgezeigt und über Solargemeinschaften informiert werden.

Für die Umsetzung wurden verschiedene Formate entwickelt, von Infoständen über Fahrrad-Selbsthilfewerkstätten bis hin zu Kiezspaziergängen, auf denen zum Beispiel Leih- und Lastenfahrradangebote, Repair-Cafés oder Bioläden in der Nachbarschaft vorgestellt werden. »Wir wollen Klimaschutz im Wohnumfeld erlebbar machen«, sagt Zumbusch. Ab Herbst seien außerdem »Klimapartys« für Menschen verschiedener Generationen und Gewerbetreibende geplant, zu denen alle klimafreundliches Essen mitbringen können. Ergänzt werden die Angebote durch schnell aufsuchende »Guerilla-Beratungen« bei den Menschen zu Hause.

Auch wenn Kosteneinsparungen für Menschen ohne finanzielle Sorgen vielleicht nicht so wichtig sind: »Die enormen Energiepreissteigerungen können auch Familien mit hohem Einkommen treffen, und jetzt mitzumachen, kann davor schützen, in die Falle zu laufen«, betont Mechthild Zumbusch. Viele Menschen mit gutem Einkommen seien erstaunt, wie groß ihr CO2-Fußabdruck ist, und durch den zunehmenden Einfluss der Klimabewegung wachse der soziale Druck zur Reduktion. Ziel des Projekts sei auch, den Klimaschutz »aus der Öko-Ecke rauszuholen«, sodass sich mehr Menschen davon angesprochen fühlen. Während des Probejahrs soll es ein genaues Monitoring geben, um zukünftig auch ein landesweites Beratungsprogramm entwickeln und noch mehr Menschen für das Klima sensibilisieren zu können.

An diesem Donnerstag, 16 bis 18 Uhr, startet »Klimaschutz 100 Pro« mit einem Infostand vor dem LPG-Markt am Mehringdamm 20–30 in Kreuzberg. Am 30. Juni, 16 bis 18 Uhr, beginnt der erste Kiezspaziergang ab Möckernkiez 4. Und am 9. Juli gibt es von 10 bis 14 Uhr einen Infostand auf dem Boxhagener Platz.

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