Ohnmächtig dem Feuer gegenüber

Die Klimakrise verschärft die Waldbrandgefahr. Die Feuerwehr ist bereits an der Belastungsgrenze

  • Von Louisa Theresa Braun
  • Lesedauer: 6 Min.
Beelitz am 19. Juni: Einsatzkräfte legen Gegenfeuer, um die weitere Ausbreitung des Brandes zu verhindern.
Beelitz am 19. Juni: Einsatzkräfte legen Gegenfeuer, um die weitere Ausbreitung des Brandes zu verhindern.

Seit über einer Woche ist Christian Kunert, Gemeindewehrführer der Freiwilligen Feuerwehr in Seddiner See, südwestlich von Berlin, im Dauereinsatz. Seit am 24. Juni die Wälder anfingen zu brennen. An diesem Nachmittag wurde die Ortsfeuerwehr Neuseddin zum Brand in den Treuenbrietzener Ortsteil Frohnsdorf beordert. Kunert war Zugführer von sechs Tanklöschfahrzeugen, vor Ort mussten viele verschiedene Kräfte koordiniert werden. »Dazu wurde ich gleich verhaftet«, berichtet er »nd«. Das heißt, er musste die sich ständig verändernde Lage beurteilen und weitere Fahrzeuge und Feuerwehrleute anordnen. Erst gegen 4.30 Uhr am nächsten Morgen wurde Kunert abgelöst.

Gut geschlafen habe er aber nicht, und als es am nächsten Tag auch noch windig wurde, »hatte ich schon ein sehr ungutes Gefühl«, erzählt er. Denn der Wind heizt das Feuer weiter an. Das Gefühl bestätigte sich: Einen Tag später brach ein weiteres Feuer im Wald zwischen Beelitz und Ferch aus. »Da waren unsere Tanklöschfahrzeuge aber immer noch in Frohnsdorf und wir konnten nur mit dezimierten Kräften dorthin«, sagt Kunert. Auch hier sei er wieder für die Koordinierung der Feuerwehren zuständig gewesen, die mit einigen Hindernissen konfrontiert waren: mit dem unwegsamen Gelände und den Gleisen der Bahnstrecke von Berlin nach Bad Belzig. Da konnten die Löschfahrzeuge nicht einfach drüber fahren. Da außerdem einige Brücken nicht passierbar sind, mussten längere Umwege in Kauf genommen werden. »Theoretisch können wir einen Brand in 15 Minuten löschen, aber wenn wir uns erst mal 30 Minuten dahin quälen müssen, breitet sich das Feuer aus«, sagt Kunert. Mit einer Geschwindigkeit von fünf Metern pro Sekunde seien die Flammen auf die Kamerad*innen zugerast, insgesamt brannten etwa 200 Hektar Wald. »Wir standen vor einer Riesenfeuerwand. Für mich war das eine Situation der Ohnmacht«, erzählt der Gemeindewehrführer, der seit 30 Jahren bei der Feuerwehr ist. Er habe sich an seinen ersten Einsatz 1992 erinnert. Damals, mit gerade mal 16 Jahren, sei er das erste Mal mit einem so großen Brand konfrontiert gewesen.

An diesem Sonntag sei er immer wieder die Feuerwand abgefahren und jede Minute habe sich ein neues Bild ergeben. In einem Moment hätten sie löschen können, »im nächsten mussten wir schon wieder fliehen«, berichtet der Wehrführer. Erst am Montagmorgen um 6 Uhr sei der Brand weitgehend unter Kontrolle gewesen. Dann setzte zum Glück auch der Regen ein. Damit sei eine schwere Last von ihm abgefallen. »Wir können sehr stolz auf uns sein. Wir machen das alle ehrenamtlich, die Belastung war enorm, aber wir haben gute Arbeit geleistet«, findet Christian Kunert. Unterstützt wurden die Ortsfeuerwehren von Einsatzkräften aus anderen Landkreisen und Hilfsorganisationen sowie von Bundeswehr und Landwirt*innen, die mit Traktoren beim Löschen halfen. Dankbar ist Kunert auch den Bürger*innen, die den Einsatzkräften Essen und Getränke brachten. Ein Bäcker habe sogar extra Brötchen und Kuchen gebacken. Kinder hätten sie mit »Danke«-Schildern empfangen. »Das ging unter die Haut«, so Kunert.

Vorbei ist es nun aber noch nicht, denn es gibt noch viele Glutnester, die unterirdisch weiterbrennen und in der vergangenen Woche immer wieder aufflammten, sodass es weiter tägliche Lagebesprechungen und vereinzelte Einsätze gab. Hinzu kommt, dass auch das übliche Tagesgeschäft der Feuerwehr gewährleistet werden muss: Mal brennt ein Auto, mal eine Mülltonne. Außerdem sind die meisten Menschen ehrenamtlich bei der Feuerwehr und müssen ja noch ihren eigentlichen Jobs nachgehen. Kunert selbst nennt sich zwar »Feuerwehrmann mit Leib und Seele«, ist von Beruf aber Sachbearbeiter für Brandschutz.

Auch andere Teile Brandenburgs sind gefährdet: Am Donnerstag brach in der Gohrischheide in Sachsen ein Waldbrand aus, der sich am Freitag in Richtung des brandenburgischen Mühlberg ausweitete. Zeitweise standen bis zu 800 Hektar in Flammen, zwei Ortschaften mussten evakuiert werden. Inzwischen ist der Brand zwar unter Kontrolle, doch mitten im Naturschutzgebiet kann die Feuerwehr nicht gut löschen, wie Einsatzleiter Matthias Heydel am Sonntag mitteilte.

Christian Kunert sagt, seiner Erfahrung nach haben Waldbrände in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Mit der Klimakrise werde die Gefahr wohl noch weiter steigen. Das bestätigt auch Kirsten Thonicke, Wissenschaftlerin am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung: »Mit zunehmender Erwärmung nimmt auch die Häufigkeit und Heftigkeit der Hitzewellen zu. Damit steigt auch die Gefahr, dass diese Extremereignisse Waldbrände hervorrufen«, erklärt Thonicke auf nd-Anfrage. Die Situation in Brandenburg sei zwar nicht mit der im extrem waldbrandgefährdenden Kalifornien vergleichbar. Dennoch »werden wir uns wohl daran gewöhnen müssen«, dass hierzulande bei starker Hitze und warmen, trockenen Winden immer wieder neue Feuer entstehen, so die Wissenschaftlerin. Da sich Waldbrände nicht komplett verhindern ließen, sei es wichtig, die Feuerwehren entsprechend auszurüsten und speziell für die Bekämpfung von Waldbränden auszubilden.

Bei den Waldbränden vor einer Woche seien die Feuerwehren in Beelitz und Treuenbrietzen bereits »an der Belastungsgrenze« gewesen, sagt Christian Kunert. Falls es mal ein noch größeres Feuer geben sollte, hätten die betroffenen Orte ein Problem. Um der Waldbrandgefahr vorzubeugen, müsse der Waldumbau voranschreiten. In Frohnsdorf habe dieselbe Fläche gebrannt wie bereits 2018, da habe die Aufforstung also wohl nicht besonders gut funktioniert, vermutet er. Außerdem könne es nicht sein, dass Waldwege nicht frei und Brücken nicht nutzbar seien, denn »Zeit ist der größte Faktor«. Da müsse die Politik mehr tun, findet Kunert.

Auch viele Beelitzer*innen haben Angst. Erst 200 Meter von den ersten Wohnhäusern entfernt konnte das Feuer gelöscht werden, einige Straßen mussten evakuiert werden. »Ich hatte schon die Koffer gepackt, aber musste zum Glück nicht evakuiert werden. Trotzdem war es erschreckend«, erzählt ein Spargelverkäufer auf dem Wochenmarkt. Er habe vor drei Jahren erst sein Haus gebaut: »Da bekommt man schon finstere Gedanken.« Auch auf seinen Spargelfeldern hätte der Brand viel zerstören können. In Anbetracht der Klimakrise rechne er mit noch schlimmeren Bränden, sagt er.

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