Der Schmerz ist der größte Schatz

Der Aufbruch der Menschheit wird einmal mehr verschoben: Das war das »Wettlesen« um den Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt

Wo ist der Gärtner? Die Klagenfurter Wettbewerber*innen analog und Teile der grundaggressiven Jury digital im Hintergrund im Garten des ORF-Theaters in Klagenfurt
Wo ist der Gärtner? Die Klagenfurter Wettbewerber*innen analog und Teile der grundaggressiven Jury digital im Hintergrund im Garten des ORF-Theaters in Klagenfurt

Der Klagenfurter Wettbewerb um den Bachmannpreis wird auch als »Wettlesen« bezeichnet. Das ist zugleich missverständlich und äußerst treffend. Stünden allein die Autorinnen und Autoren im Zentrum, müsste man vom Wettvorlesen sprechen. In Klagenfurt aber geht es ebenso sehr um Lektürekompetenz, um die präzisere Beschreibung, die originellere Deutung, um Lese-Kunst also.

In der Jury für diese »46. Tage der deutschsprachigen Literatur« traten von Donnerstag bis Sonntag mittag wieder sehr unterschiedliche Temperamente und Typen aufeinander und in Konkurrenz: Da wäre die jede Zeile genau studierende, sich mitunter aber eben auch in den Details verlierende Brigitte Schwens-Harrant, die begeisterungsbegabte Vea Kaiser oder die einer Detektivin ähnelnde Jury-Präsidentin Insa Wilke, die in Struktur, Motivik und Grammatik herumwühlte, jeden Buchstaben umdrehte, immer auf der Suche nach einer Tradition, einer noch unentdeckten Lesart, die sie, während die anderen noch mit der Lupe suchten, bereits triumphierend der Kamera präsentierte.

Nur bei höhnischen Nachfragen ihres Kollegen Philipp Tingler verlor Wilke die Contenance, ließ ihren Stift auf das Pult knallen oder griff hastig nach ihrem Wasserglas. Tingler gefiel sich einmal mehr in der Rolle des Enfant terrible. Der jung gebliebene Zürcher zeigte sich allzeit bereit, seine persönlichen Vorlieben zu absoluten Maßstäben für Literatur zu erklären, unterstellte einem Kollegen, die von ihm vorgeschlagenen Texte aus Prinzip nicht zu goutieren, fegte Beiträge der anderen auch mal mit einem gedehnten »Langweilig!« vom Tisch.

Nicht nur Wilke, auch Klaus Kastberger, der Professor in kurzen Hosen und »Österreich«-T-Shirt, lief immer wieder rot an. Dem Unterhaltungswert hat diese Grundaggressivität nicht geschadet. Sie beförderte jedoch jene aus Diskussionen zwischen Experten bekannte Dynamik, die unbemerkt und mehr oder weniger wahllos einige wenige Kriterien zum Maßstab für die besprochenen Gegenstände erhebt. In früheren Jahren waren es die Welthaltigkeit, die Originalität oder die politische Relevanz, nun fielen immer wieder die Begriffe »Konventionalität« (als negatives Attribut) und »Gegenwärtigkeit« (als erstrebenswertes).

Wobei letztere Forderung nur eingeschränkt gelten durfte, denn der Ukraine-Krieg spielte in den Texten keine Rolle und konnte es auch nicht. Die Erzählungen sind bereits einige Monate vor dem »Bewerb« zur Prüfung eingegangen. Man kann dankbar hierfür sein, sind doch alle Texte des Jahrgangs, die sehr offensichtlich ein gegenwärtiges Thema anpacken, auf die eine oder andere Art an ihrem Vorhaben gescheitert. Da wäre Leona Stahlmanns Erzählung über eine Frau, die wegen einer vom Klimawandel bedrohten Zukunft mit ihrer Entscheidung zur Mutterschaft hadert. Andreas Moster wiederum adaptierte das Schlagwort »#Regrettingmotherhood «recht grobschlächtig auf die Vaterschaft eines allein erziehenden Leistungssportlers, wechselte also lediglich die geschlechtsspezifischen Vorzeichen. Diesen Texten war die Maxime der Aktualität deutlich anzumerken, man hört stets die verfolgten Absichten heraus. Elias Hirschls flache Satire auf die Startup-Economy und die Arbeitsumstände bei Lieferdiensten enttäuschte aus demselben Grund. Den Publikumspreis bekam er gleichwohl verliehen, was nicht erstaunen darf. In Österreich ist Hirschl weltberühmt.

Überraschend fiel hingegen die Entscheidung über den mit 25 000 Euro dotierten Hauptreis aus, den die in Niederösterreich lebende Slowenin Ana Marwan erhielt. In ihrer Erzählung versinkt eine junge Frau in Einsamkeit, ihr Mann ist offenbar wochenlang verreist, ohne ihn scheint sie nichts zu tun zu haben, außer Termine mit dem Gärtner zu vereinbaren, den schlechten Zustand des Pools zu begutachten und Pakete anzunehmen. Eine unerwartete Schwangerschaft (ein wiederkehrendes Thema des Jahrgangs) bringt etwas Aufregung in die Tristesse, die Erzählerin steht nun vor einer Entscheidung. Soll sie das Kind bekommen und in dieser eintönigen Existenz heimisch werden?

Das Ende fällt recht plump aus, es könne »alles abgesaugt werden«, sagt sie dem Mann, der sich um den Pool kümmert. Klaus Kastberger brachte den Text in seiner Laudatio mit der Isolation in Zeiten von Corona in Zusammenhang. Auch eine feministische Volte wollten Teile der Jury entdeckt haben, doch blieben sie eine Erklärung schuldig, was es mit Emanzipation zu tun haben soll, wenn eine weibliche Figur im Jahr 2022 völlig abhängig ist von den Männern um sie herum, und schließlich erstmals so etwas wie eine eigene Entscheidung trifft. Marwan schließt mit ihrem Text kaum, wie von Mara Delius behauptet, an die feministische Tradition an, sie begibt sich eher tief in diese hinein mit dem Effekt, dass ihr Beitrag tatsächlich aus der Gegenwart herausfällt.

Sehr einleuchtend ist hingegen die Entscheidung, Alexandru Bulucz mit dem Deutschlandfunk-Preis auszuzeichnen (12 500 Euro Preisgeld). Der Lyriker legte einen Text über einen Exilanten vor, der vor vielen Jahren aus einem untergegangenen Staat »Einige Landesgrenzen weiter östlich, von hier aus gesehen« (wie der Titel lautet) floh, doch niemals ankam, keine neue Heimat finden konnte. Diese liegt für immer verloren, ist kein Ort, sondern eine Zeit, die Kindheit, die er auf einem Gehöft in jenem Land verbrachte. Fast eine kommunistische Utopie beschwört der Erzähler im Rückblick herauf: »Jeder wusste, seinen Körper zu gebrauchen, ihn durch Gebrauch und die Anwendung richtiger Techniken erst entstehen zu lassen. Jeder war alles, Beschaffer von Holz und Reisig, Getreideschwinger, Hirte gepfiffener Sprachen, Jäger, Holzhacker, Koch, Melker, Pflücker, Sammler, Schlächter, Senser, Wasserträger und vieles andere mehr – und immer braungebrannt.« Doch ist dasselbe Land eben auch dasjenige, das seine Familie auf dem Gewissen hat. Der Schmerz des Erzählers ist dessen größter Schatz, weshalb er seine Depression, denn so könnte man seinen Zustand ganz unliterarisch bezeichnen, bewahrt, weshalb er die Heilung seiner Seele ablehnt. Wenn schon die Heimat verschwunden ist, so soll wenigstens ihr Fehlen noch bestehen dürfen.

Weniger avanciert gab sich Leon Engler, der in seinem mit dem 3Sat-Preis (7 500 Euro) ausgezeichneten Text »Liste der Dinge, die nicht so sind, wie sie sein sollten« einen Schauspieler vorstellte, der sich völlig von Fremdzuschreibungen einnehmen lässt, davon besessen ist, endlich der zu sein, der er werden will: erfolgreich, charismatisch, in sich ruhend. Auf dem Weg zu diesem, natürlich unerreichbaren, Ziel, muss er aber zunächst noch viele Demütigungen erleben, die beim Zuhören leidlich Spaß machen. Auch diese Preisentscheidung geht in Ordnung, ist aber auch einem eher mittelmäßigen Jahrgang geschuldet.

Aus diesem ragte neben Bulucz vor allem Juan Guse heraus, ihn hätte man auch weiter oben auf dem Treppchen vermuten dürfen. Letztendlich sprang immerhin der mit 10 000 dotierte Kelag-Preis heraus. Guses Text »Im Falle des Druckabfalls« ist eine flirrende, intelligent komponierte und äußerst witzige Geschichte. Im Taunus wurde eine bislang unbekannte Ethnie gesichtet. Wissenschaftler, Journalisten, Politiker und auch Schriftsteller schlagen ein Lager auf, um mit ihnen in Kontakt zu treten. Guses Hauptfigur, eine Gesandte der Vereinten Nationen namens Inés, freundet sich mit dem ebenfalls anwesenden Autor Wolfram Lotz an.

Im Gespräch diskutieren sie die Vermutung, dass die Suche nach dem unbekannten Stamm damit zu tun haben könnte, dass die Menschheit komplett zu sein wünsche, dass man sagen wolle: »Wir sind jetzt vollständig. Wir wissen jetzt, wo alle sind. Das ist die Menschheit. Los geht‹s.« Was dürfte dann wohl losgehen? Guses Text ist viel zu clever, um sich allzu leichter Lesbarkeit auszusetzen, doch rührt diese Stelle an die Probleme, mit der sich die Menschheit als Einheit, als Ganzes konfrontiert sieht, wie der Klimawandel oder die Bedrohung einer atomaren Verseuchung.

Der Aufbruch der Menschheit wird jedoch einmal mehr verschoben, denn auf ihrer Expedition finden Inés und die Wissenschaftler keine Siedlung mit primitiven Hütten, sondern einen Nachbau des Frankfurter Flughafens. Sie werden in eine Maschine gesetzt und womöglich zum Verschwinden gebracht. Warum? Vielleicht eben darum, damit es immer noch Gründe gibt, zu sagen: Wir müssen noch warten, wir haben noch nicht alle gefunden, es kann noch nicht losgehen. Um große Fragen geht es also in Guses Text, während ihn zu lesen, zunächst einfach ein Vergnügen darstellt. Auch in dieser Hinsicht gelang ihm ein idealer Bachmann-Text, er nahm den »Bewerb« als das ernst, was er – zum Glück – auch in diesem Jahr war: Beste Fernsehunterhaltung für gebildete Menschen, eine Art Deutschland sucht den Superstar für Akademiker.

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