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Leben mit einer Waffe am Kopf

Der Film »Abenteuer eines Mathematikers« erzählt vom Manhattan-Projekt und dem Bau der ersten Atombomben

Obwohl im Film keine toten Soldaten zu sehen sind, ist der Krieg immer präsent.
Obwohl im Film keine toten Soldaten zu sehen sind, ist der Krieg immer präsent.

In Friedrich Dürrenmatts legendärem Theaterstück »Die Physiker«, das hierzulande schon seit Jahrzehnten zum Kanon der Schullektüre gehört, geben sich drei Wissenschaftler als Verrückte aus und lassen sich in die Psychiatrie einsperren, um nicht an der Forschung für eine Massenvernichtungswaffe mitarbeiten zu müssen. Ganz anders agieren da die jungen Wissenschaftler in Thorsten Kleins Film »Abenteuer eines Mathematikers«, der vom Manhattan-Projekt erzählt. Bei dem arbeiteten ab 1942 mehr als 150 000 Menschen vor allem in der Wüste Neu-Mexikos an Entwicklung und Bau der ersten Atombomben, mit denen schließlich im August 1945 die japanischen Städte Nagasaki und Hiroshima zerstört und mehr als 200 000 Menschen ermordet wurden.

Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive des jungen Mathematikers Stanislaw Marcin Ulam (Philippe Tłokiński), dessen 1976 erschienene Autobiografie gleichen Titels Grundlage des Films ist. Stan Ulam, wie der 1909 als Sohn einer jüdisch-polnischen Familie in Lwiw geborene Mathematiker in den USA hieß, lebte schon ab 1938 in den Staaten, wo er als Fellow an der Elite-Uni in Harvard forschte. 1943 erhielt er die amerikanische Staatsbürgerschaft. Seine Familie wurde von den Nazis ermordet.

Wie andere junge Wissenschaftler schließt Ulam sich 1942 dem Manhattan-Projekt an und sieht im Bau der Atombombe vor allem ein Mittel, um gegen Nazi-Deutschland zu kämpfen und Hitler beim Bau einer nuklearen Bombe zuvorzukommen. In den zahlreichen Diskussionen zur moralischen und ethischen Verantwortung, die die jungen Wissenschaftler im Film alle Nase lang in New Mexico führen, wird die Bombe immer wieder als Teil eines Bedrohungsszenarios in einem Wettrüsten gegen die Faschisten verstanden. Dass die Bombe wirklich eingesetzt werden könnte, kann und will sich niemand vorstellen. Wobei der Film das langsame Erodieren der Gewissheit, mit der Forschung an der Atombombe alles richtig zu machen, gut in Szene setzt.

»Wollen wir den Rest unseres Lebens mit einer Waffe am Kopf verbringen?«, fragt Stan Ulam beim wissenschaftlichen Briefing unmittelbar vor dem ersten Atombombentest in der Wüste, an dem er eher leise protestierend gar nicht teilnimmt. Ganz im Gegensatz zu John von Neumann (Fabian Kociecki), gerne als einer der Väter der Informatik bezeichnet, ein enger Freund Stan Ulams, der ihn 1942 zum Manhattan-Projekt brachte. Neumanns Entsetzen und Verstörung nach dem Test, als er die Zerstörungswucht der Bombe mit eigenen Augen gesehen hat, geht unter die Haut.

Jahre später verstirbt Neumann an Krebs, unter Umständen eine Folge des Atomwaffentests, womit er nicht der Einzige aus der Gruppe der beim ersten Test anwesenden Wissenschaftler ist, der dieses Schicksal erleidet. Nachdem Ulam, Neumann und die anderen in kleinen Holzhäuschen in der Wüste lebenden Wissenschaftler im Mai 1945 begeistert die Niederlage Nazi-Deutschlands feiern, reißen die Atombombenabwürfe im August 1945 auf Japan das Wissenschaftsteam schnell auseinander. Es wird laut gestritten, sich angeschrien, und mit unglaublicher Wut im Bauch schmeißt der Mathematiker John Williams Calkin (Sam Keeley) seine Arbeit hin und verlässt das Manhattan-Projekt.

»Abenteuer eines Mathematikers« erzählt nicht nur von der Arbeit der Wissenschaftler, sondern auch von ihrem Privatleben, von familiären Zerwürfnissen, von verzweifelten Versuchen, die in Europa zurückgelassenen Angehörigen zu kontaktieren oder herauszuholen. Stan Ulam bricht, als er vom Tod seiner Schwester hört, zusammen, verbringt Wochen im Krankenhaus und ist für einige Zeit nicht einmal mehr in der Lage als Mathematiker zu arbeiten.

Auch wenn es die ganze Zeit in dem Film um den Krieg geht, sehen die Zuschauer keine Bilder der Zerstörung, der Verfolgung und des Mordens. Die gesamte Handlung spielt sich quasi im wissenschaftlichen Elfenbeinturm ab, wenngleich der Krieg allgegenwärtig ist. Es wird ständig darüber geredet, wer was im Krieg macht, um gegen Faschisten und Antisemiten zu kämpfen. Soll Stan Soldat werden und versuchen, an die Front in Europa zu kommen, wo seine Familie ist? Das tut ein Familienangehöriger seiner aus Frankreich stammenden jüdischen Frau Françoise (Esther Garrel).

Die Notwendigkeit, angesichts des Krieges etwas zu tun, und die Frage, was das Sinnvollste für jeden Einzelnen sein kann, sind immer wiederkehrende Themen. Insofern besitzt »Abenteuer eines Mathematikers« angesichts des Krieges in der Ukraine (auch wenn sich die dortigen Ereignisse keinesfalls mit dem Zweiten Weltkrieg und der Shoa vergleichen lassen) und der Debatten um die richtigen politischen Einschätzungen und Entscheidungen eine brisante Aktualität. Der Film bildet hervorragend ab, wie die Akteure von der Logik und der Dynamik des Krieges vereinnahmt werden. Er zeigt aber auch die historische Herkunft der atomaren Abschreckung, die uns derzeit immer wieder beschäftigt und ganz zu Recht Sorgen bereitet.

»Abenteuer eines Mathematikers«, Deutschland 2020. Regie und Drehbuch: Thorsten Klein. Mit: Philippe Tłokiński, Sam Keeley, Sabin Tambrea, Philipp Christopher, Anne-Catrin Märzke. 98 Minuten. Start: 30. Juni.

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