Unverheilte Wunden

Viele Traumata bestehen 40 Jahre nach Ende des britisch-argentinischen Kriegs um die Malwinen fort

Ihre Lederjacken können die Männer beiseitelegen, ihre Erinnerungen nicht.
Ihre Lederjacken können die Männer beiseitelegen, ihre Erinnerungen nicht.

Die Medaillen hängen schwer an der linken Brusttasche der Veteranen, mit jedem Jahrestag ein bisschen schwerer. Die Medaille zum 40. Jahrestag ist die größte von allen. Ihre Lederjacken können die Männer beiseitelegen, ihre Erinnerungen nicht. »Wenn wir uns zum Asado (Grillen), treffen«, erzählt Eduardo Armua mit ruhiger Stimme, »dann reden wir, machen Scherze. Aber über das Thema sprechen wir nicht.« Mit dem Thema meint er: den Krieg, die Splitter zwischen Wasser und Öl, das eiskalte Meer, die toten Kameraden. Kriegstraumata, über die die Veteranen jahrzehntelang geschwiegen haben. »Nicht mal meiner Frau und meinen Kindern habe ich davon erzählt«, sagt Armua. Erst, weil es verboten gewesen sei, über das Thema zu sprechen. Dann, weil niemand mehr nachgefragt habe.

Eduardo Armua, Sohn einer Familie aus dem ländlichen Tucumán im Norden Argentiniens, geht mit 16 Jahren zur Marine. Er ist gerade 19 Jahre alt, als seine Kameraden am 2. April 1982 auf den Malwinen landen. Die Malvinas, wie sie in Argentinien genannt werden, oder Falklands, wie sie im Vereinten Königreich heißen, sind seit 1833 von Großbritannien besetzt – das war 23 Jahre nach der Unabhängigkeit Argentiniens. Sie liegen mehr als 13 000 Kilometer vom britischen Mutterland und 600 Kilometer von der argentinischen Küste entfernt. Nach ergebnislosen Verhandlungen unter dem Dach der Uno seit 1965 will die argentinische Militärdiktatur ihren Souveränitätsanspruch auf die Gebiete 1982 militärisch durchsetzen. Zu dem Zeitpunkt stecken sowohl Großbritannien als auch Argentinien in einer schweren Krise: In Europa steht Margaret Thatcher kurz vor den Unterhauswahlen und hat mit wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen. In Argentinien ist die Militärjunta unter General Leopoldo Galtieri wegen ihrer brutalen Repression und der wirtschaftlichen Talfahrt in innenpolitischer Bedrängnis.

Als die argentinischen Soldaten in einer Nacht-und-Nebel-Aktion am 2. April die Hauptstadt der Inseln, Port Stanley, einnehmen, ist die Siegeseuphorie in Argentinien groß. Als Großbritannien den Gegenschlag ankündigt, kann sich das argentinische Militär vor Freiwilligen kaum retten.

Am 2. Mai 1982, einen Monat nach Kriegsbeginn, steht der nun 20-jährige Marineoffizier Armua auf der Kommandobrücke des Kriegsschiffs General Belgrano und hört einen Knall. »Ich dachte, der Schlag käme vom Wellenbruch und habe nur darauf gewartet, dass Wasser über unser Schiff spritzt.« Doch er bemerkt kein Wasser. »Dann kam der Kommandant und rief: Ein Torpedo ist eingeschlagen.« Eduardo Armua kann nicht schwimmen. Das habe sonst nichts gemacht, sagt er, er habe ja an Deck gedient: »Auf dem Schiff waren wir Gott, unten nichts.«

Der Krieg zwischen Großbritannien und Argentinien gleicht einem Duell zwischen David und Goliath. Auf der einen Seite steht die ehemalige Imperial- und Seemacht Großbritannien, auf der anderen Seite Argentinien mit einem Heer aus 20-jährigen Männern, viele von ihnen ohne Kampferfahrung. Mit einer riesigen Kampagne werden in Argentinien Spenden gesammelt für die jungen »Helden«, wie die Zeitschriften fast täglich skandieren. In Buenos Aires stehen die Menschen Schlange, um ihren Schmuck abzugeben. Andere sammeln Geld auf der Straße ein oder packen Päckchen für die Front. Eine Bekannte aus Mendoza erinnert sich, wie sie in der Schule gesessen und aus Lederplatten Schuhsohlen geschnitten habe. Frauen treffen sich und stricken Schals, Kinder schreiben Briefe an unbekannte Empfänger und stecken sie in Schokoladentafeln. Kurz: Das ganze Land schwimmt 1982 auf einer Welle des Patriotismus. Und wenn es nach den Zeitungen geht, ist der Sieg nur eine Frage der Zeit.

Am 2. Mai 1982 erlebt Argentinien seinen größten Verlust. 323 Soldaten sterben, als das Kriegsschiff General Belgrano außerhalb der Sperrzone von zwei britischen Torpedos getroffen wird und sinkt. Eduardo Armua kann sich von der Kommandobrücke auf ein Boot retten. Er sieht einen Mann mit Brandstellen am ganzen Körper.

»Spring!«, ruft Armua. »Ich kann mich nicht bewegen, Negro«, antwortet der Mann. »Negro« (Schwarzer) ist Armuas Spitzname. »Negro«, sagt Armua, nenne ihn nicht jeder. Er stockt und starrt auf den Tisch. Eduardo Armua erkannte seinen Freund damals nicht, so verbrannt sei dieser gewesen. Es sammeln sich Tränen in seinen Augen, als er das erzählt, aber er möchte seine Erinnerungen aussprechen. Auch die an seinen Freund Fabián, der gerade schlief, als der Torpedo im Schlafraum einschlug. Der hatte ihm wenige Tage vorher noch von seinem Traum erzählt: »Ein Schlag weckt mich. Ich wache auf und sehe einen Funken auf dem Boden. Irgendetwas schneidet das Metall auf. Ich will raus, aber finde die Leiter nicht. Es kommt Wasser rein und Öl. Ich finde die Leiter nicht und sterbe.«

Am 14. Juni verliert Argentinien den Krieg. Ein paar Monate später überreicht die Marine Eduardo Armua einen Anstecker, zwei mal einen Zentimeter groß, darauf ein Stern, die argentinische Flagge und zwei Linien in rot und schwarz. Das Rot soll für das vergossene Blut, Schwarz für die Trauer stehen. Armua steckt ihn sich an sein Hemd. Ein Zeichen, dass er an vorderster Front für den argentinischen Patriotismus kämpfte. Doch als er damit vor den oberen Militärs in Ushuaia gestanden habe, sagt er, während er kurz innehält und sich mit dem Taschentuch über die Augen wischt, habe er nur Verachtung in den Augen der Ranghöheren bemerkt: »So als wären wir schuld daran, verloren zu haben.« Armua nutzt den Anstecker nie wieder.

Der verlorene Krieg um die Malwinen beschleunigt den Übergang zur Demokratie. Die Militärregierung muss bald abtreten. Aus den freien Wahlen 1983 geht Raúl Alfonsín als Sieger hervor. Es beginnt ein Prozess der »Demalwinisierung« – die Medien schweigen über den vergangenen Krieg, das Militär befiehlt den Soldaten, nicht über ihn zu sprechen. Plötzlich seien die »Helden« die »Verrückten aus dem Krieg« gewesen, sagt Armua, man habe sie ignoriert. Viele ehemalige Soldaten haben Schwierigkeiten, Arbeit zu finden. Wer die Malwinenfrage thematisiert – und sei es abseits der Diktatur als Teil eines antikolonialen Kampfes – wird der Kollaboration mit dem Staatsterrorismus bezichtigt. Die Medaillen und die Pensionen kommen erst zehn Jahre später.

Wer sich in Ushuaia zum 40. Jahrestag auf die Suche nach Männern macht, die heute wieder als »Helden« gefeiert werden, findet sie zum Beispiel im Zentrum der Ex-Kämpfer, zusammensitzend um einen Tisch mit Käse-Schinken-Sandwichs. Sie trinken Orangenlimonade und Cola. Ihre Jacken, schwer wie Einkaufstüten, hängen über Stuhllehnen und an Garderobenständern. Direkt beim ersten Gespräch sprechen sie von »posttraumatischen Belastungsstörungen« und »psychischen Problemen«. Ein Mann sagt: »Wir haben nie eine Psychotherapie gemacht.« Ein anderer erzählt, sie hätten hier alle Diabetes als Folge der Belastung.

In Ushuaia wird der 2. April 2022 unter dem Motto »40 Jahre Heldentat« (40 años gesta heróica) gefeiert. Die Anzeige auf den öffentlichen Bussen springt immer wieder zu »40 Jahre Malwinen« um. Das Stadtlogo, die menschengroßen leuchtenden Buchstaben von Ushuaia, wurden um einen leuchtenden Umriss der Inseln ergänzt. In keiner anderen Region Argentiniens ist die Malwinenfrage präsenter als auf Feuerland.

In Ushuaia organisiert die Stadt einen Streetartwettbewerb zum Thema »Malvinas«. Zehn Künstler*innen aus dem ganzen Land und eine Künstlerin aus Uruguay haben sich mit ihren Entwürfen durchgesetzt. Nun setzen sie Wandbilder um, die meisten von ihnen in einem Stadtviertel am Beagle-Kanal, das nach den Inseln benannt ist. Ítala Gordillo, 42, aus Caleta Olivia in Santa Cruz, sagt, sie habe sich bewusst gegen eine ikonenhafte Heldendarstellung entschieden. »Ich wollte noch mehr die menschliche Seite zeigen, die Gefühle«, sagt sie. Zunächst habe sie nicht damit gerechnet, dass ihr Vorschlag angenommen wird. Er zeigt einen Soldaten, mit einem Hund auf Augenhöhe. »Ich habe mir vorgestellt, dass die Soldaten in diesen Situationen von Einsamkeit, Trauer und der Ungewissheit, ob man den Tag überhaupt überleben wird, einen Zufluchtsort suchen und ihn vielleicht in den Tieren finden konnten.«

Andere Wandbilder zeigen neben klassischen Heldendarstellungen der Soldaten auch Frauen, die Schals stricken oder fünf junge Pflegerinnen. Die Rolle der Frauen in dem Krieg wurde erst in den vergangenen Jahren sichtbarer. Noe Cor, 35, aus Montevideo/Uruguay betont, sie wolle Frauen nicht als Heldinnen zeigen, »so als wäre es eine Leistung, dass sie gemeinsam mit den Männern im Krieg waren«. Eine Leistung wäre es, sagt sie, Kriege zu verhindern. Doch sie will mit dem Bild der Pflegerinnen zeigen, dass auch sie einen entscheidenden Beitrag geleistet haben und als Teil der Geschichte im Gedächtnis bleiben müssen.

Die Veteranen des Kriegs 1982 sind nun in ihren 60ern und je öfter einer von ihnen stirbt, desto dringender stellt sich ihnen die Frage: Was bleibt? »Was uns bleibt, sind die Kinder. Sie können den Prozess weiterführen«, sagt Veteran Eduardo Armua. An den Schulen müsse weiter über die Gründe des Kriegs aufgeklärt werden. Ein anderer sagt: »Das Wichtigste ist es, den Kindern zu zeigen, dass die Inseln friedlich zurückgewonnen werden können.«

In den Zentren der Veteranen treffen sich inzwischen auch die Kinder der Veteranen, um über ihr Erbe in der ganzen Sache zu sprechen. Viele von ihnen sind längst über 30, kennen die Traumata ihrer Väter oftmals nicht, da sie ihnen nie erzählt wurden. Zum 40. Jahrestag haben die Kinder der Veteranen in Ushuaia eine Kapsel gebaut, in der sie Briefe eingeschlossen haben. Die Kapsel wird in einem Denkmal eingeschlossen und soll erst im Jahr 2082 geöffnet werden oder an dem Tag, an dem die Malwinen offiziell argentinisch werden. Zu dem offiziellen Akt spielt eine junge Band, sie hat den Veteranen ein Lied geschrieben: »Ich überreiche mich, ein Geschenk an das Vaterland, so wie an jenem Tag, dem 2. April.« Die Veteranen stehen aufgereiht vor ihnen, ihre Mimik bleibt stumm.

Später erzählt ein Veteran, sein Sohn sei vor zwei Jahren in dem Alter gewesen, in dem er in den Krieg musste – 19 Jahre. »Ich würde niemals wollen, dass er in einen Krieg geht«, sagt er, »deswegen braucht unser Land unbedingt eine friedliche Lösung«. Der Sohn erzählt später, als der Vater nicht dabei ist, wie stolz er auf seinen Vater sei. Würde er jemals wieder in einen Krieg ziehen, wenn es dazu käme? Er überlegt und sagt dann: »Ja, für meinen Vater.«

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