Es bleibt der Gang zum Pillendealer

Anti-Abtreibungsurteil in den USA schlägt weiter hohe Wellen und zwingt Frauen in die Illegalität

  • Von Anjana Shrivastava
  • Lesedauer: 5 Min.
Kritiker der Abtreibungsentscheidung demonstrieren vor dem Obersten Gerichtshof in Washington.
Kritiker der Abtreibungsentscheidung demonstrieren vor dem Obersten Gerichtshof in Washington.

Die Schockwellen nach dem Anti-Abtreibungsurteil des Obersten Gerichts lassen sich überall wahrnehmen: Schwangere, Ärzt*innen, Richter*innen, Apotheker*innen und Politiker*innen rechnen alle bereits mit einer anderen Zukunft. Alle stehen sie vor einer neuen Situation, auch wenn die Details noch im Übergang sind: In 26 Bundesstaaten wird eine restriktivere Gesetzgebung erwartet. In den 16 Bundesstaaten, wo das Recht auf Abtreibung bereits in der Landesverfassung verankert ist, werden die Kapazitäten in Frauenkliniken vielerorts erweitert, um schon jetzt anreisende Patientinnen versorgen zu können.

Das Epizentrum der Krise ist ein kleines, niedriges, rosafarbenes Haus in Jackson, Mississippi, die Jackson Women’s Health Organisation. Sie muss wohl bald ihre Tür für immer schließen, sobald das Urteil aus Washington in Mississippi juristisch umgesetzt ist. Denn es war diese letzte Abtreibungsklinik im armen Bundesstaat, die gegen das scharfe Abtreibungsgesetz des Bundesstaates klagte – wo Abtreibung nach 15 Wochen Schwangerschaft verboten ist – was von den konservativen Richtern in Washington abgeschmettert wurde. »Dobbs versus Jackson« hat nun die »Roe vs. Wade«-Entscheidung des Jahres 1973 gekippt.

Die wohl letzten Tage des Zentrums gleichen einer gefährdeten Botschaft in den Wochen vor einer Evakuierung. Seit Jahren ist das Haus Zentrum heftiger Proteste. Die letzten Patienten wurden noch gegen ein wütendes Spalier von Anti-Abtreibungs-Demonstrant*innen von ehrenamtlichen Schützer*innen begleitet. Die Betreiberin der Klinik, Diane Derzis, überlegt nun, in New Mexiko neu anzufangen. Die behandelnde Ärztin aus Massachusetts, Cheryl Hamlin, die bisher Abtreibungen in Jackson durchgeführt hat, kommt bald nicht mehr und muss bangen, dass Mississippi demnächst, wie Texas, Anklagen von Privatbürgern gegen sie erlaubt und von ihrem Bundesstaat eine Auslieferung ihrer Person verlangen könnte.

Doch ist Massachusetts Vorreiter, indem es sich bemüht, Ärzt*innen und ihre Kliniken vor solchen Übergriffen rechtlich abzusichern. Überhaupt machen sich Gynäkolog*innen Sorgen: Die Hälfte macht die Fachausbildung in Bundesstaaten, wo Abtreibung bald restriktiver behandelt oder gänzlich verboten wird. Schon jetzt gibt es eine chronische Unterversorgung, denn das Fach ist mit hohem Druck und Versicherungskosten verbunden.

Solche neuen Konstellationen machen auch Jurist*innen zu schaffen. Das neue Strafgesetz in Texas erinnert an die Situation im 19. Jahrhundert vor dem Bürgerkrieg, als die Südstaaten entlaufene Sklav*innen oder ihre Helfer*innen vor Gerichte im Süden zu zerren versuchten. Dies brachte immense Spannungen, die maßgeblich zum Auseinanderfallen der Union führten. Im Urteil aus Washington liegt eine ähnliche Sprengkraft. Doch in den konservativsten Staaten Texas, Utah und Louisiana haben Richter die sogenannten »Triggergesetze«, also automatisch eintretende Abtreibungs-Verbote, nach dem Urteil des Obersten Gerichtes erst einmal blockiert. Der juristische Kampf auf beiden Seiten ist erst am Anfang.

Anderswo sind es Apotheker*innen und Drogerieketten, die mit einem immensen Anstieg der Nachfrage nach Abtreibungspillen konfrontiert sind, und die jetzt folglich das Medikament bereits rationieren. 50 Prozent aller Abtreibungen im Land werden laut dem Guttmacher-Institut bereits durch solche Medikamente und oft zu Hause durchgeführt. In den 26 Staaten, wo Abtreibungen sehr restriktiv gehandhabt oder gar verboten werden, also im Süden und Mittelwesten, wird diese Methode mit Sicherheit vorherrschen, wenn Frauen an diese Medikamente kommen können. Auch in Staaten, wo es Ausnahmen bei Vergewaltigung, Inzest oder Eileiterschwangerschaften gibt, ist es nahezu unmöglich, einen operierenden Arzt zu finden. Solche Frauen sind auf Tele-Medizin per Internet angewiesen, und auch das dürfte polizeilich überwacht werden.

Der letzte Ausweg ist der Gang zum Drogendealer – wie in Brasilien, wo Abtreibungen ebenfalls illegal sind. Es war in Brasilien, wo irgendwann zufällig entdeckt wurde, dass das Medikament Cytotec gegen Magengeschwüre auch einen Abtreibungs-Nebeneffekt hat. Die Pillen waren bald darauf auf dem Schwarzmarkt zu kaufen. Erst dann entwickelte die Pharmaindustrie das Medikament explizit als Abtreibungspille. Nun wird die brasilianische Situation, in all ihren Facetten, in den USA reproduziert – für Frauen ein Schritt in das Negativste des Globalen Südens.

Auch in Bundesstaaten wie South Dakota werden Frauen nicht nur keine Abtreibungen unternehmen können, sondern sie werden die kostenlose Schwangerschaftsvorsorge verlieren. Sierra Wolcott vom Sisseton-Wahpeton-Stamm sagt, dass Frauen nun nach Minnesota oder Colorado ausweichen müssen. Im Süden entwickeln sich neue Netzwerke von »Schwangerschafts-Zentren«, meist christlich geführt, die Vorsorge wie Ultraschall und Gespräche anbieten. Aber die Versorgung ist meistens schlecht: In Mississippi gibt es die höchste Rate von Teenager-Schwangerschaften im ganzen Land. Geschätzt 62 Prozent der Schwangerschaften sind ungeplant.

So überrascht es nicht, dass sich nach einer CBS/Yougov-Umfrage 60 Prozent aller US-Amerikaner*innen gegen die Entscheidung des Obersten Gerichts äußern und zwei Drittel der Frauen. 52 Prozent beschreiben die Neuerung als Schritt zurück. Dass die Republikaner sich eher bedeckt als triumphierend verhalten, zeugt von dieser Grundstimmung. Besonders in stark umkämpften Bundesstaaten werden die November-Wahlen für die Republikaner eher komplizierter. Nicht zu übersehen dagegen sind die neuen Spannungen unter den Demokraten. Präsident Joe Biden und sein Kreis behaupten stets, dass »Roe versus Wade« im November auf dem Wahlzettel stehe, also seien unbedingt die Demokraten zu wählen.

Doch die Progressiven in der Partei wollen sich damit nicht abspeisen lassen. Alexandra Ocasio-Cortez und Elizabeth Warren verlangen die Erklärung des medizinischen Notstands und dass Frauenkliniken auf den großen Ländereien des Bundes, zum Beispiel an den Rändern von Nationalparks, errichtet werden. Auch wollen Sie eine Erweiterung des Obersten Gerichtes. Die Biden-Regierung findet diese Maßnahmen jedoch unpraktikabel und verweist darauf, dass die Regierung den Zugang zu Abtreibungspillen schon während der Pandemie auf Dauer erleichtert hat.

Die Demokratische Partei unter Biden ist eine Partei der Toleranz, aber auch der geringen Mittel. Die Kongressabgeordnete und Black-Lives-Matter-Aktivistin Cori Bush aus Missouri sagte der »Washington Post«: »Wir können unseren Unterstützern nicht sagen: ›Nun wähle doch einfach – wähle deine Probleme weg.‹ Sie schauen uns dann nur an und sagen: Wir haben euch schon gewählt.« Die Schockwellen des Urteils kehren jetzt nach Washington zurück. Aber keiner weiß, mit welcher Wirkung.

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