Landesweit gegen Abtreibungsverbot

In über 450 Orten in den USA demonstrieren Tausende für Recht auf Schwangerschaftsabbruch

  • Von Isabella Caldart, New York
  • Lesedauer: 4 Min.
Landesweit - wie hier in New York - protestierten Zehntausende gegen die Kriminalisierung von Abtreibungen.
Landesweit - wie hier in New York - protestierten Zehntausende gegen die Kriminalisierung von Abtreibungen.

Es sind etwa 3000 Menschen, die sich am Samstag auf dem Union Square, einem zentralen Platz in Downtown Manhattan, einfinden, um erneut gegen die drohende Aufhebung des Gerichtsurteils Roe vs. Wade zu demonstrieren. Angesichts von mehr als acht Millionen Einwohner*innen in New York City ist das zwar keine große Masse, aber es gibt in der Stadt noch weitere Demos, darunter einen von der NGO Planned Parenthood organisierten Protestzug über die Brooklyn Bridge nach Manhattan.

Dennoch: In Anbetracht der Tatsache, dass die neun Richter*innen des Supreme Courts (darunter sechs Männer und Frauen, die zu den Republikanern gehören) über die reproduktiven Rechte aller Frauen und Menschen mit Uterus in den USA entscheiden können, sind in New York erstaunlich wenige Menschen auf der Straße. Die Bewegung aber ist landesweit – zeitgleich wurde am Wochenende in über 450 weiteren Städten und Orten in den USA zu Kundgebungen und Protestmärschen aufgerufen. In der Hauptstadt Washington DC etwa kamen mehrere Tausend Menschen zusammen. Landesweit werden Proteste sowohl von radikalen Aktivist*innen oder den Organisator*innen der Womens Marches, die Anfang 2017 gegen die Amtseinführung von Donald Trump protestierten, als auch von älteren und etablierteren Organisationen wie Planned Parenthood organisiert, die den Demokraten nahe stehen. »Acht von zehn Amerikanern unterstützen das legale Recht auf Abtreibung. Wir sind die Mehrheit«, erklärte die Frauenorganisation Naral im Kurznachrichtendienst Twitter. In der Tat zeigen Umfragen, dass nur eine Minderheit von etwa einem Drittel für ein Abtreibungsverbot ist.

In New York ist die Stimmung in der sehr diversen Menge am Union Square gut; eine Art produktive Wut liegt in der Luft. »Overturn Roe – hell no!« lautet das Motto. Es bezieht sich auf den Namen jenes Supreme-Court-Urteils von 1973 im Fall »Roe versus Wade«, das den Schwangerschaftsabbruch in den USA faktisch legalisierte. Aufgerufen zur Demonstration hat Rise Up 4 Abortion Rights, eine Initiative, die bereits im Januar gegründet wurde, also wenige Monate, bevor das Nachrichtenmagazin »Politico« das Dokument leakte, laut dem der Supreme Court das Recht auf Abtreibung kippen will.

Wie schon bei der Demonstration anderthalb Wochen zuvor, die nach Bekanntwerden des Dokuments spontan initiiert wurde, erinnern die Sprecherinnen daran, dass es bei einem Abtreibungsverbot vor allem darum gehe, die Körper von Frauen zu kontrollieren. Und dass dieses Verbot in erster Linie Women of Color, migrantische Frauen, arme Frauen und queere Personen treffe. Anders als bei dieser ersten Demo ist dieses Mal die Polizei nahezu unsichtbar. Ausschreitungen werden offensichtlich nicht erwartet.

Sunsara Taylor, eine der Gründerinnen von Rise Up 4 Abortion Rights, kritisiert in ihrer Rede die Demokratische Partei scharf, ruft aber auch zum Schulterschluss aller Personen auf, die sich um Gerechtigkeit sorgen, gleich, ob man die Demokraten wähle oder »gegen das System« sei. Tausende Jahre »Zorn und Wut« von Frauen sollten gegen »christliche Faschisten und Theokraten des finsteren Mittelalters« entfesselt werden, fordert Taylor, die auch eine direkte ideologische Verbindung zwischen Vorstellungen von White Supremacy (»Weißer Überlegenheit«), Polizeiterror und Gewalt gegen Migrant*innen sieht. Für besonders viel Applaus sorgt der Redebeitrag der 15-jährigen Schülerin Zoey, die mahnt, trans Männer und nicht-binäre Personen bei dem Protest nicht zu vergessen, und die mit Leidenschaft ins Mikrofon ruft: »We will not be silenced!« (»Wir lassen uns nicht zum Schweigen bringen«).

Ein Versuch der Demokraten, das Recht auf Abtreibung bis zur 23. Schwangerschaftswoche, wie es bislang durch das Grundsatzurteil Roe vs. Wade geregelt ist, in Gesetzesform zu gießen, scheiterte Ende vergangener Woche. Das mit knapper Mehrheit von den Demokraten kontrollierte Repräsentantenhaus hatte zwar schon lange zuvor den Womens Health Act verabschiedet. Doch vergangenen Mittwoch stimmten im Senat alle Republikaner und auch der Abtreibungsgegner und konservative Demokraten-Senator Joe Manchin gegen das Gesetz. Man wolle zeigen, wo »alle stehen«, erklärte Demokraten-Mehrheitsführer Chuck Schumer, der die Abstimmung offenbar vor allem aus symbolischen Gründen angesetzt hatte.

Pünktlich zum Beginn des Marsches in New York beginnt es zu regnen. Jeder neue Regenschauer wird mit Applaus begrüßt, den ganzen Weg skandieren die Demonstrierenden laut ihre Slogans. Die Protestbewegung gegen das drohende Verbot von Abtreibungen, die in den USA seit nunmehr 49 Jahren grundsätzlich legal sind, hat erst begonnen.

Die Initiative Rise Up 4 Abortion Rights hat große Pläne: Am 19. Mai sind Schüler*innen dazu aufgerufen, um 12 Uhr ihre Klassenräume zu verlassen und sich um 13 Uhr am Union Square zu treffen. Eine Woche später soll der Verkehr im ganzen Land zum Erliegen gebracht werden. Mit der Entscheidung des Supreme Court wird Ende Juni, vielleicht auch erst im Juli gerechnet.

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