Eine große Klappe für Kostüme und Requisiten

Neues Depot für die Sammlungen des Filmmuseums in der Medienstadt Babelsberg

  • Von Andreas Fritsche, Potsdam
  • Lesedauer: 4 Min.
Im künftigen Schaudepot des Potsdamer Filmmuseum.
Im künftigen Schaudepot des Potsdamer Filmmuseum.

Auf Knopfdruck öffnet sich im Erdgeschoss der Marlene-Dietrich-Allee 12 in Potsdam-Babelsberg ein Rolltor. Doch der Lastwagen mit dem Fahrstuhl aus dem Film »Grand Budapest Hotel« von 2014, historischen Projektoren und einem kleinen Kamerakran benötigt noch ein paar Minuten.

So zeigt Christine Handke, Direktorin des Potsdamer Filmmuseums, den Gästen am Dienstag zunächst den eiskalten Kellerraum, in dem noch leere Rollregale darauf warten, historische Filmrollen aufzunehmen, und im Obergeschoss einen Raum, in dem bereits Kartons mit dem Nachlass zahlreicher Filmschauspieler gelagert sind, darunter jener von Stummfilmstar Henny Porten (1890–1960). Auch für den Nebenraum mit Filmplakaten ist noch Zeit.

Früher lagerten die wertvollen Sammlungen des ältesten deutschen Filmmuseums in Baracken an der Bornstedter Pappelallee. Seit April werden sie in einen Neubau an der Marlene-Dietrich-Allee verlagert. Bis Oktober wird sich das noch hinziehen. Doch am Dienstag wird der Neubau nun »so richtig eröffnet«, wie Museumsdirektorin Handke sagt.

Kulturministerin Manja Schüle (SPD) sagt, sie habe selten eine Frau so über Fußböden und Türklinken schwärmen hören wie Christine Handke, mit der sich die Ministerin das neue Gebäude anschaut. Es hat die Form einer Klappe, wie sie bei Filmdrehs für die einzelnen Szenen verwendet wird. Das kann man aber nur auf Luftbildern erkennen – oder auf den Grundrissen der Etagen, die auf den Fluren aushängen.

Am alten Standort gab es nur 3000 Quadratmeter Fläche für die stetig weiter wachsenden Sammlungen. Im neuen Haus sind 6300 Quadratmeter von insgesamt 10 000 Quadratmetern dafür reserviert. Auf die übrigen Flächen verteilen sich beispielsweise das Erich-Pommer-Weiterbildungsinstitut und das Startbüro für junge Kreativteams, die beide mit der gegenüberliegenden Babelsberger Filmuniversität »Konrad Wolf« verbandelt sind. Auch das 1981 gegründete Filmmuseum gehört seit 2011 zur Universität. Deren Präsidentin Susanne Stürmer gefällt diese Entwicklung. »Es ist mein Traum, dass wir uns hier immer weiter ausbreiten«, sagt sie.

Der Grundstein für das Depot wurde am 17. August 2020 gelegt, im März 2022 konnte das Haus übergeben werden. »Der Bau ist in einer Rekordgeschwindigkeit bei dieser Qualität gelungen«, freut sich Matthias Voss. Sein Filmpark Babelsberg ist der Bauherr. Der brandenburgische Landesbetrieb für Liegenschaften und Bauen (BLB) mietet das Objekt für die Filmuniversität an. 157 Seiten lang ist der dafür ausgehandelte Mietvertrag. Mit Blick auf die unklare und zuletzt steil nach oben zeigende Entwicklung der Energiepreise ist der kaufmännische BLB-Geschäftsführer Frank Duckwitz froh über die Solaranlage auf dem Dach des Depots. Viel Strom verbrauchen hier nicht zuletzt die Klimaanlagen. Denn die im Haus zu lagernden Stücke benötigen unterschiedliche Temperaturen, um auf lange Sicht keinen Schaden zu nehmen. Manche brauchen konstant vier Grad minus, andere 20 Grad plus. Dies exakt so möglich zu machen, sei eine durchaus anspruchsvolle Aufgabe gewesen, berichtet Duckwitz.

Nach den preußischen Schlössern und Gärten sind es die Babelsberger Filmstudios, welche die meisten Menschen mit Potsdam verbinden und die die meisten Besucher in die Stadt locken, erklärt Bürgermeister Burkhard Exner (SPD). Seit 1912 ist die Filmindustrie hier ansässig. Mit der Zeit hat sich einiges angesammelt an Kostümen, Requisiten, historischen Filmkameras und anderen Erinnerungsstücken. Einiges davon wird im Filmmuseum an der Breiten Straße präsentiert, anderes soll künftig in einem extra Schaudepot an der Marlene-Dietrich-Allee zu sehen sein. In dem dafür vorgesehenen Raum mit großen Schaufenstern zum Foyer stehen bereits jetzt beispielsweise Kinobestuhlungen verschiedener Bauarten. Dort lagern auch ein Stuhl aus dem Streifen »Monuments Men« von 2014 und ein Stuhl der 1921 geborenen und 2005 verstorbenen Schauspielerin Ilse Werner.

In Kartons verpackt liegen auch ein Säbel und eine Verdienstmedaille der DDR. Teil der Sammlungen sind außerdem Zigarettenspitzen der 1972 90-jährig verstorbenen Stummfilmdarstellerin Asta Nielsen und Gemälde von Vincent van Gogh, die aber nicht der berühmte Maler geschaffen hat, sondern die sogenannte Fälscherwerkstatt der DDR-Filmgesellschaft Defa.

Die Babelsberger Filmhochschule wurde 1954 gegründet. Sie nahm sich das sowjetische Allunionsinstitut für Kinematografie in Moskau und die Filmfakultät der Akademie der Musischen Künste in Prag zum Vorbild, und sie war die erste und bis 1966 auch die einzige Hochschule für Filmberufe in Deutschland. Seit 1985 trägt die Hochschule den Namen des Defa-Regisseurs Konrad Wolf. Rektor war von 1986 bis 1990 der spätere PDS-Vorsitzende Lothar Bisky. Im Jahr 2014 erfolgte die Heraufstufung zu einer Universität.

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