Atmosphärischer Neustart

Die ausgelassene Stimmung bei der Tour de France erinnert an die Zeit vor der Pandemie – doch vieles hat sich geändert

  • Von Tom Mustroph, Binche
  • Lesedauer: 3 Min.
Seit Beginn der Corona-Pandemie sind deutlich weniger Sponsorenfahrzeuge bei der Frankreichrundfahrt unterwegs.
Seit Beginn der Corona-Pandemie sind deutlich weniger Sponsorenfahrzeuge bei der Frankreichrundfahrt unterwegs.

Ein Spektakel erfindet sich neu. Die Pandemie hat der Tour de France zugesetzt. Zwei Jahre lang war, abgesehen von rollenden Rädern und Materialwagen dahinter, kaum noch etwas wie gewohnt. In diesem Jahr wird wieder an vorpandemische Zeiten angeknüpft. Zuerst mit explosionsartiger Freude in Dänemark, nun auch etwas bedächtiger, aber auch merklich, im Heimatland der Tour. Trotz allen Aufbruchs stellen sich nicht alle Gewohnheiten wieder ein.

Die Werbekarawane rollt wieder. Es fliegen auch wieder kleine Werbegeschenke von den Wagen. Cochonou-Würstchen werden verteilt wie früher. Unterwegs sind Menschen nicht nur als Zuschauer willkommen, sondern werden auch von vorausfahrenden Sponsorenfahrzeugen allumfassend in Gelb und Grün und Rotgepunktet gekleidet – analog zu den Wertungstrikots der Tour de France. Doch die Werbekarawane ist reduziert, nur 150 Fahrzeuge statt früher 250 ist sie lang. Sponsoren scheuen den ganz großen Aufwand. Aber auch die Tour-de-France-Organisatoren wollen die Karawane beherrschbar halten.

Das Startvillage – das traditionelle Sponsorendorf an jedem Startort – hat wieder die alten Ausmaße. Doch es wirkt übersichtlich dort. Denn die Profis wagen sich noch nicht unter die Meute der Fans. Der klassische Kaffee kurz vor dem Start, eine lieb gewordene Gewohnheit vor allem der französischen, belgischen und italienischen Profis, muss jetzt im Teambus eingenommen werden. Und auch die einst zahlreichen Stände von Gastronomen und Landwirten der jeweiligen Region sind zusammengeschrumpft. Statt Bier, Wein oder Champagner – je nach Region – und lokalen Fleisch-, Fisch- und Gemüsehäppchen gibt es Kaffee und abgepackte Kekse an Standardbüdchen. Nur jeweils ein lokaler Stand ist zugelassen. Gar nicht mehr zu sehen sind der Tour-Friseur und die Mini-Boule-Anlage. Auch die zahlreichen Geschicklichkeitskünstler auf dem Rad, die sonst mit Sprüngen, Salti oder Einradtricks das Publikum anheizten, sucht man vergebens.

Dennoch sucht die Tour ihren Weg zurück zu einem Massenspektakel. Vergessen, als gehörte sie einem längst verflossenen Zeitalter an, ist die Maskenpflicht. Im Startvillage und an der Strecke blickt man weitgehend in unverhüllte Gesichter. Die große Angst vor Corona hat sich gelegt. Auch die geänderte Regelung, dass Rennställe bei zwei positiven Tests nicht mehr automatisch abreisen müssen, trägt sicher dazu bei. Abgereist sind nach einer ersten Infektionswelle zu Beginn der Tour vor allem infizierte Teambetreuer, meist ältere Menschen also, bei denen die Symptome deutlicher sind. Die Jungen verlassen sich auf ihre jungen Körper. »Es hat sich ja herausgestellt, dass das Virus bei jungen Menschen in der Regel nicht so viel Schaden anrichtet«, sagt etwa Max Schachmann, Profi beim Team Bora hansgrohe.

Selbst wenn einige doch mehr daran zu knabbern haben, wie etwa Ex-Weltmeister Peter Sagan, der zwischen seiner zweiten und dritten Corona-Infektion lange Ausfallzeiten hatte, stimmt das ja auch. Sogar Sagan wirkt nach der dritten Infektion im Juni bei dieser Tour so leistungsstark wie lange nicht. Aber es ist die Neuheit dieser Tour de France 2022, dass Journalisten und Fans überhaupt wieder zu den Bussen dürfen. Selfies werden gemacht, Spontaninterviews geführt wie in früheren Zeiten. Das sorgt für Glücksglanz auf allen Gesichtern, ob bei Fans, Journalisten oder Fahrern. »Es ist auch für uns schön, dass die Atmosphäre wieder zurück ist«, sagt der Berliner Cofidis-Profi Simon Geschke und lächelt versonnen in seinen Bart.

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