Emotionale Zwangslage

Mit einer neuen Kampagne macht die Berliner Polizei auf Zwangsprostitution Minderjähriger aufmerksam

Seit Jahren müssen minderjährige Jungen aus Osteuropa im Tiergarten und in Schöneberg anschaffen gehen. Mit einer Kampagne will die Polizei Aufmerksamkeit in den Kiezen schaffen.
Seit Jahren müssen minderjährige Jungen aus Osteuropa im Tiergarten und in Schöneberg anschaffen gehen. Mit einer Kampagne will die Polizei Aufmerksamkeit in den Kiezen schaffen.

»Ballspielen statt Blowjob«, so heißt die neue Kampagne des Berliner Landeskriminalamtes. Das soll kein Wortwitz sein und auch keine sexfeindliche Fußball-Werbung. Die Kampagne klärt über Zwangsprostitution minderjähriger Jungen im Berliner Tiergarten und rund um den Nollendorfplatz auf. Vor einer Woche startete die Informationsaktion mit Plakaten und Infoständen in den betreffenden Kiezen. Die Polizei will so auf eine seit Jahren andauernde, aber wenig beachtete Form sexueller Ausbeutung aufmerksam machen.

2017 wurde das Kommissariat 424 »Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung und Zwangsprostitution zum Nachteil von Minderjährigen« erstmals auf Zwangsprostitution minderjähriger Jungen im südlichen Bereich des Großen Tiergartens und in Schöneberg-Nord aufmerksam. Die Betroffenen kämen größtenteils aus Rumänien, die meisten seien zwischen 15 und 17 Jahre alt, erzählt Martina Millert, Leiterin des Kommissariats. »Da wir aber nur das Hellfeld betrachten können, lässt sich nicht ausschließen, dass auch andere Nationalitäten betroffen sind«, ergänzt ihre Kollegin Sylke van Offern, Leiterin des Dezernats »Bekämpfung von Menschenhandel und Schleusungskriminalität« im Landeskriminalamt (LKA). Für Zahlen verweisen sie auf die Berliner Kriminalitätsstatistik, die 2021 im Bereich Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung und Zwangsprostitution 23 minderjährige Opfer zählt. Darunter fallen zwar auch andere Fälle, sieben der statistisch erfassten Betroffenen stammen aber aus Rumänien und könnten damit zur Szene osteuropäischer minderjähriger Zwangsprostituierter gehören. 

Kein Opferbewusstsein

In allen dem LKA 424 bekannten Fällen wurden die Jungen von ihren Familien zum Anschaffen gedrängt. »Sie verlassen häufig schon mit 14 die Schule, heiraten, bekommen Kinder, und sind dann gezwungen, das Familieneinkommen für die eigene Familie zu verdienen«, erzählt Millert. Seit fünf Jahren ermittelt ihre Abteilung deshalb gezielt wegen sexueller Ausbeutung und Menschenhandels gegen ältere Familienangehörige, die zugleich als Zuhälter agieren. Doch die Ermittlungen laufen zäh, denn oftmals fehlen die Beweise. »Die Jungen haben kein Opferbewusstsein, sie wachsen in das Phänomen hinein und tun das, was ihre älteren Brüder schon getan haben. Sie stehen zu den Familien und sagen nicht gegen sie aus«, so Millert zu »nd«.

Das heiße aber nicht, dass die Jungen freiwillig handelten: »Die klassischen Druckmittel wie Passentzug haben wir eher nicht, aber es wird psychischer und emotionaler Druck ausgeübt.« Ältere Verwandte seien für die Vermittlung der Jungen verantwortlich und dafür, dass sie genug Geld nach Hause bringen. Sinke der Ertrag, würde das Familienoberhaupt durchaus explizit Druck machen. »Da heißt es dann: ›Der Junge muss fleißiger sein, er gehört angeschoben.‹ Das ist eine emotionale Zwangslage.« Gerade diese Verstrickung mache es wiederum den Betroffenen sehr schwer, gegen den eigenen Bruder oder Vater auszusagen. Dazu käme, dass die Familien in Deutschland isoliert lebten und den Kindern somit sozialer Kontakt nach außen und Zugang zu Hilfe fehle.

Hoffnung auf Hinweise

2017 führte dennoch eine Ermittlung zu einem ersten großen Verfahren. Der Prozess ging über drei Jahre, betraf 17 minderjährige Jungen als Geschädigte und endete mit acht Verurteilungen und Haftstrafen von bis zu sechseinhalb Jahren, unter anderem wegen Menschenhandels zur sexuellen Ausbeutung. Seitdem hätten weitere Ermittlungsverfahren sowohl gegen Familienangehörige als auch gegen Freier der Jungen zu teils mehrjährigen Haftstrafen geführt. Um wie viele Fälle es zurzeit geht, kann Millert nicht öffentlich sagen. Zusätzlich zu den Ermittlungen vermutet sie aber ein »riesiges Dunkelfeld«.

Um die Ermittlungen zu mehr Erfolg zu führen, brauche es Hinweise von außen. Deswegen die Kampagne, Teil eines Präventionskonzepts, das vor zwei Jahren aufgestellt wurde. Die Plakate in Schöneberg-Nord und im Großen Tiergarten richten sich an Anwohner*innen, Tourist*innen und die schwule Szene. Sie alle sollten hinschauen und sich bei Verdacht auf sexuellen Missbrauch eines Minderjährigen bei der neu eingerichteten Telefonhotline melden. »Mit Hinweisen aus der Bevölkerung, also von völlig unabhängigen Zeugen, steigen unsere Chancen auf Überführung und Verurteilung der Täter.«

Dass die Aufmerksamkeit wächst, merkt auch Lukas Weber – ihn erreichen so viele Pressenanfragen wie seit Jahren nicht mehr, erzählt der Geschäftsführer des Vereins Hilfe für Jungs. Der Verein betreibt unter anderem die Beratungs- und Anlaufstelle Subway für Jungen und junge Männer, die anschaffen. Weber und seine Kolleg*innen sind dadurch mit den minderjährigen Betroffenen in persönlichem Kontakt. Das LKA bezog den Verein deshalb in die Entwicklung der Kampagne mit ein.

Unglückliche Wortwahl

Nicht jedes Feedback wurde jedoch beachtet. Weber hält den Slogan »Ballspielen statt Blowjob« für »sehr plakativ«, die Übersetzung auf den englischen Plakaten mit »ballgames instead of blowjobs« für »unglücklich« – das englische »ball« dient auch der umgangssprachlichen Bezeichnung für Hoden und kann deshalb in der Kombination mit »blowjobs« leicht missverstanden werden. Selbst ohne diese Assoziation findet Weber die Botschaft nicht optimal: »Aus Kinderaugen ist es natürlich hart zu suggerieren, sie hätten die Wahl und könnten einfach Ballspielen gehen.« Gleichzeitig kennt er keinen Jungen, der sich ihm gegenüber über die Plakate beschwert hätte. »Und für die Zielgruppe, also die Anwohner*innen, die es mitkriegen könnten, aber es nicht tun, für die ist die Kampagne sehr gelungen«, so Weber zu »nd«.

Hilfe durch Vertrauen

Um Betroffene zu erreichen, käme es ohnehin nicht auf Plakate, sondern auf Vertrauensbeziehungen an, erzählt Weber. Zweimal die Woche ist ein Streetwork-Team von Subway nachts im Tiergarten und rund um den Nollendorfplatz unterwegs, mit Infomaterial, Kondomen und anderen Gesundheitsprodukten. »Uns gibt es seit über 20 Jahren, also wenn man mit dem Subway-Outfit rumläuft, wissen 90 Prozent, wer wir sind. Das ist ein Vorteil, weil gerade neue Jungs sehen, wir reden auch mit den anderen, wir sind nicht die Polizei.« Einmal Vertrauen hergestellt, würden die Jungen in die Anlaufstelle kommen und dort ärztliche Versorgung erhalten, könnten essen, duschen, sich ausruhen.

Bei Minderjährigen gehöre außerdem die sozialarbeiterische Ansprache dazu. »Wir sagen, zu dem Leben, das du gerade führst, gibt es Alternativen. Das führt dann meistens zu den Jugendämtern.« Allerdings nur, wenn die Jungen bereit sind, den Subway-Mitarbeitenden ihre Namen und Adressen anzuvertrauen. Das könne Wochen dauern, Monate oder gar nicht passieren, so Weber. Nicht nur, weil Jungen strafrechtliche Konsequenzen für ihre Familien fürchteten, sondern auch, weil sie sich für ihre Situation schämten.

»Meistens heißt es erst: Ich bin nur da, weil ich mit einem Freund abhänge. Zu sagen, ich muss Männer befriedrigen, ist für Minderjährige eine enorme Hürde.« Der Fokus der Arbeit läge aber ohnehin nicht auf der Informationsbeschaffung, sondern auf dem Wohl der jungen Männer. »Wir sind wahrscheinlich der einzige Schutzraum für die Jungen, bei uns können sie einfach jung sein, weshalb wir uns sehr dagegen wehren, Hilfsarbeiter fürs Jugendamt und das LKA zu werden.«

Schwer zu schützen

Trotzdem tauschen sich die Polizeibehörden und Subway zur Lage in den Kiezen aus. »Wir sagen zum Beispiel, es gibt gerade fünf Minderjährige in der Szene, dann hat die Polizei die Möglichkeit, dort hinzuschauen«, so Weber. Wie und durch welche Institution den Betroffenen dann am besten geholfen ist, lässt sich schwer sagen. Sobald durch eine Meldung zur Kindeswohlgefährdung das Jugendamt eingeschaltet ist und der Junge seine Identität preisgegeben hat, könne etwa als erster Schritt eine Einzelfallhilfe mit den Jungen und der Familie in Kontakt treten.

Eine Inobhutnahme, also die Unterbringung in einer Jugendeinrichtung oder Pflegefamilie, sei nur der letzte von einer Reihe möglicher Schritte, erzählt Weber. Und auch dann ist nicht gesagt, dass sich das Kind wirklich von der Familie lösen kann. Weber erinnert sich an Betroffene aus dem großen Verfahren 2017. »Dem einen geht es Stand heute besser, weil er nicht mehr in Berlin wohnt, aber es gibt auch andere, die die Anwaltskosten der Eltern zahlen müssen und dafür weiter anschaffen gehen.«

Armut, Rassismus, Patriarchat

Um nachhaltig die Zwangsprostitution von Kindern zu verhindern, müssten die extreme Armut und der soziale Ausschluss der betreffenden Familien angegangen werden, meint Weber. »Letzten Endes geht es um das patriarchale System und um fehlende Zukunftsperspektiven in Rumänien.« Er weist auf die mehrfache Benachteiligung der ausgebeuteten Kinder hin. Aufgrund rassistischer Grundannahmen hielten Institutionen wie auch Anwohner*innen sie für weniger schutzbedürftig: »Die Aufmerksamkeit wäre viel größer, wenn da fünf blonde Philips stehen würden.«

Die Jungen klar als Opfer von Gewalt zu benennen, ist auch das Ziel der Polizei. Weil die Jungen von ihren Familien ebenso zum Stehlen angehalten würden, nehme der Kiez sie als Kriminelle wahr. »Vor allem im Fugger-Kiez stoßen wir bei den Anwohnern und der Szene mit der Kampagne auch auf Skepsis«, erzählt Millert. »Sie sehen die Jungen bisher nicht als Opfer, sondern als Täter von Eigentumsdelikten und Störfaktor.« Sylke van Offern ergänzt: »Deswegen sind die Aufklärung und die Sensibilisierung durch die Kampagne so wichtig, damit sich der Blickwinkel ändert und Hilfe überhaupt möglich wird.«

Kein Generalverdacht

Auch potenzielle Täter soll die Kampagne erreichen. Millert und van Offern wissen, wie heikel dieser Aspekt ist, sie wollen keine Stigmatisierung der queeren und insbesondere schwulen Community befördern. Die Szene werde aber nun mal als »Tatgelegenheitsstrukur« genutzt, so van Offern. Und nicht alle Freier wüssten, dass sie einen minderjährigen Jungen vor sich haben könnten. »Auch an die wenden sich unsere Info-Materialien«, sagt Millert. »Um zu sagen: Schaut hin, die sind minderjährig, auch wenn sie vielleicht nicht so aussehen, und zudem Opfer von Zwangsprostituion!« 

Lukas Weber betont ebenfalls, dass es niemandem darum gehe, Prostitution und Cruising-Areale zu beschneiden. Prinzipiell habe der Verein Hilfe für Jungs eine akzeptierende Haltung, kein Sexworker müsse sich für seine Arbeit rechtfertigen. Die Grenze zieht Weber ganz klar beim Alter: »Wenn man mitbekommt, mein bester Kumpel zahlt für einen 16-Jährigen, dann würde ich von der Szene einen Aufschrei erwarten.«

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