Gesichtswahrender Abgang gewährt

Eine angeblich routinemäßige Personalrochade trifft den ukrainischen Botschafter Melnyk

  • Von Daniel Lücking
  • Lesedauer: 2 Min.
Andrij Melnyk, Botschafter der Ukraine in Deutschland.
Andrij Melnyk, Botschafter der Ukraine in Deutschland.

»Andrij Melnyk hat sich mit voller Kraft für sein Land eingesetzt. Er ist eine unüberhörbare und unermüdliche Stimme für eine freie Ukraine«, reagierte Bundestags-Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt (Grüne) am Samstag auf die bekanntgewordene Abberufung des umstrittenen ukrainischen Botschafters in Deutschland, Andrij Melnyk.

Selten polarisierte ein Botschafter in Deutschland mehr als der 46-jährige Melnyk seit Beginn des russischen Angriffskrieges in der Ukraine. Selten manövrierte sich aber auch ein Diplomat so eindeutig in das politische Aus.

Melnyk sei »ein Wachrüttler, dessen Methode sich abnutzte«, kommentierte noch zu Wochenbeginn die »Badische Zeitung« dessen Amtszeit als Botschafter in Deutschland. Unerwähnt blieben die Gründe und der wohl entscheidende Anteil Melnyks an der nun anstehenden Abberufung, über den eine Reihe von Medien großzügig hinwegsahen. »Es ist offiziell«, twitterte der Journalist Tilo Jung am Samstag knapp, dessen Arbeit zur Personalentscheidung beigetragen hatte. Im Interview Ende Juni hatte Jung den Botschafter mit dessen vorherigen Einlassungen zum in der Ukraine teils gefeierten »Nationalhelden« Stepan Bandera konfrontiert. Melnyk wiederholte und bestätigte seine Haltung, Bandera sei kein Massenmörder von Juden und Polen gewesen. Der Nationalist sei gezielt von der Sowjetunion dämonisiert worden. Die israelische Botschaft hatte Melnyk daraufhin »eine Verzerrung der historischen Tatsachen, eine Verharmlosung des Holocausts und eine Beleidigung derer, die von Bandera und seinen Leuten ermordet wurden«, vorgeworfen.

Melnyk reagierte nach tagelangem Schweigen dann aber mit einem Tweet auf die Vorwürfe, den er ausdrücklich auch an die »lieben jüdischen Mitbürger« adressierte. Die Nazi-Verbrechen des Holocaust seien eine gemeinsame Tragödie der Ukraine und Israels, schrieb er darin.

»Was die Person Bandera betrifft, sind wir uns nicht einig«, so Göring-Eckardt zum naheliegenden Anlass der Abberufung. Sie wünsche Melnyk aber unabhängig davon alles Beste.

Unser Redakteur Ramon Schack sagte bereits am vergangenen Dienstag »Auf Wiedersehen«

»Ich habe heute Dekrete über die Entlassung einiger Botschafter der Ukraine unterzeichnet. Diese Frage der Rotation ist ein üblicher Teil der diplomatischen Praxis«, sagte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj am Samstag in einer Videobotschaft, ohne einen der fünf Botschafter namentlich zu nennen oder aber Melnyks Interview als Grund für die Abberufung bekanntzugeben. »Für Tschechien, Deutschland, Ungarn, Norwegen und Indien werden neue Vertreter der Ukraine ernannt«, sagte Selenskyj. Die Kandidaten würden vom Außenministerium vorbereitet. Die zur Personalie gehörende offizielle Verbalnote ist aufgrund des Wochenendes bis Redaktionsschluss noch nicht im Außenministerium eingegangen. Mit Agenturen

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