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Weltgeist im Lustschloss

Mit Christoph Martin Wieland und Friedrich Nietzsche erinnert Weimar an zwei Titanen der deutschen Sprache

Wieland-Verehrer und guter Europäer: Friedrich Nietzsche im Treppenhaus des Goethe- und Schiller-Archivs
Wieland-Verehrer und guter Europäer: Friedrich Nietzsche im Treppenhaus des Goethe- und Schiller-Archivs

Er habe »besser als irgend jemand deutsch geschrieben und dabei sein rechtes meisterliches Genügen und Ungenügen gehabt«. Es ist ein hohes Lob, das Friedrich Nietzsche (1844–1900) seinem Dichterkollegen Christoph Martin Wieland (1733–1813) ein Dreivierteljahrhundert nach dessen Tod zollt. »Aber«, so der Autor des »Zarathustra« weiter, »seine Gedanken geben uns nichts mehr zu denken.« Letzteres allerdings lastet Nietzsche nicht dem berühmten deutschen Aufklärer an, sondern dem Niedergang des literarischen Publikums: »Wir vertragen seine heiteren Moralitäten ebensowenig wie seine heiteren Immoralitäten: beide gehören so gut zueinander. Die Menschen, die an ihnen ihre Freude hatten, waren doch wohl im Grunde bessere Menschen als wir …«

Arno Schmidt (1914–1979), der Wieland als einen der größten Experimentatoren der deutschen Literaturgeschichte verehrte, meinte, einen intelligenten Menschen erkenne man an seiner Liebe zu Wieland. Zwei Jahre vor Schmidts Tod war es der Germanistikstudent Jan Philipp Reemtsma, der das (unvollendet gebliebene) Roman-Großprojekt »Lilienthal« des Sprachartisten Schmidt generös finanziell protegierte. Er teilte auch dessen Liebe zu Wieland. Dabei ist es bis heute geblieben. Reemtsma ist Mitherausgeber von Wieland-Werkausgaben und war maßgeblich an der Rekonstruktion von Wielands Gut Oßmannstedt bei Weimar beteiligt, wo der Mäzen derzeit eine im Herbst öffnende Wieland-Dauerausstellung mit dem Titel »Der erste Schriftsteller Deutschlands« kuratiert.

Mit Oßmannstedt und anderen Projekten soll 2022 Nietzsches Diktum über Wieland und das gesunkene Interesse am Werk des schwäbischen Genius gründlich widerlegt werden. Die Klassik-Stiftung Weimar hat den »Worterfinder Wieland« zum Leitstern ihres Themenjahres »Sprache« erkoren. Ausstellungen, Lesungen, Vorträge, Konzerte erinnern an den Mann, der 1772 als erster der großen Geister in der späteren Klassik-Kapitale eintraf. Dem als Prinzenerzieher an den Hof der Herzogin Anna Amalia Gerufenen folgten Johann Wolfgang Goethe (1775), Johann Gottfried Herder (1776) und Friedrich Schiller (1799), die gemeinsam als das Viergestirn der Weimarer Klassik deutsche Geistigkeit, Dichtung, Literatur und Sprache in Höhen führen sollten, die zu weltweit anerkannten Maßstäben wurden.

Doch Wieland, zu Lebzeiten erfolgreichstes der Mitglieder des Viererklubs, steht nicht erst seit heute im Ruhmesschatten seiner intellektuellen Mitstreiter. Bisweilen musste Schiller ihn trösten, wenn er klagte, man beginne ihn bei »lebendigem Leibe« zu vergessen. (Wieland war übrigens der Einzige des Quartetts, der nicht geadelt wurde …) Selbst Literaturwissenschaftler, heißt es, haben bisweilen Mühe, seine zwei Vornamen in die richtige Reihenfolge zu bringen. Das, so der feste Wille der Klassik-Stiftung, muss sich ändern. War vor neun Jahren, am 200. Todestag Wielands, des Dichterphilosophen eher gebremst gedacht worden, soll das 250. Jubiläum von Wielands Einzug in Weimar auch seinen Einzug in die kulturelle Memoria neu inspirieren. Schließlich habe Wieland als »erster Stern am Weimarer Firmament« geleuchtet, erinnerte der Historiker Christian Hain bei der Eröffnung der Ausstellung »Wieland! Weltgeist in Weimar« im Goethe- und Schiller-Archiv.

Journalist und Märchenerzähler

Die Schau im architektonisch einem Versailler Lustschloss nachempfundenen Domizil der Forschungseinrichtung am Ostufer der Ilm soll nicht nur versierten Wieland-Kennern kognitive und kunstsinnige Lust sein. Nicht ohne Ironie folgt der Vitrine über den Journalisten und Verleger Wieland (der »Teutsche Merkur« war eine der meistgelesenen deutschen Zeitschriften) sogleich der Schaukasten über den Märchenerzähler (»Oberon«, »Der Stein der Weisen«). Wielands Wirken als Pädagoge, Hofdichter und Librettist (mit »Alceste« schuf er das Textbuch zur ersten deutschen Oper) wird ebenso visualisiert wie seine Arbeit als Übersetzer des antiken römischen Dichters Lukrez (»De rerum natura – Von der Natur der Dinge«).

Es waren vor allem die Shakespeare-Übersetzungen, die Wielands Ruf als »Worterfinder« begründeten und ihn nach immer neuen ausgefallenen, aber oft noch heute durchaus gebräuchlichen Ausdrücken suchen ließen. Das zeigen Weimarer Grundschüler im Ausstellungs-Filmprojekt »Kinder erklären Wielands Wörter«. Es geht dabei um Begriffe wie Steckenpferd, Feenland, Liebeswut oder Grimassenteufel.

Wielands deutscher Shakespeare-Sprache verdanken wir auch die Wörter Anziehungskraft, Kriegserklärung und Milchmädchen. Mit Blick auf Letzteres (besonders in Kombination mit einer Rechnung) warnte Reemtsma vor eilfertigen Verdikten gegen überliefertes Sprachgut. Der erste Reflex aktuellen Zeitgeistes, so der Literaturwissenschaftler, führe in solchen Fällen mit Sicherheit auf eine falsche Spur. (Doch sind im Falle Wielands wohl keine Aktionen zu erwarten wie vor drei Jahren, als eine feministische »Künstlergruppe« Goethes Gartenhaus mit Klopapierrollen bewarf, um die »erotischen Hierarchien zu Ungunsten seiner Frauenfiguren« im Werk des Dichterfürsten zu reklamieren.)

Nicht zuletzt wird Wieland präsentiert als notorisch netzwerkender Weltbürger. Während ihn Autoren aus Riga, Zürich, Edinburgh oder Paris per Brief um Publizierung ihrer Schriften im »Teutschen Merkur« baten, korrespondierte der Hochpopuläre mit Verlegern, Übersetzern und Geschäftspartnern in Straßburg, Danzig oder London. Briefe von Lesern aus den Nachbarländern, aber auch aus Russland oder Großbritannien belegen Reichweite und Beliebtheit seiner Werke und Aufsätze. Wielands welterfahrenes und weltoffenes Wirken sowie sein weit ins Kosmopolitische ausgreifendes Werk dürften die Entscheidung, diesen fast vergessenen »frühen Europäer« ins Zentrum öffentlicher Würdigung zu stellen, befördert haben.

Die Sünden der Schwester

Auch Wieland-Verehrer Nietzsche sah sich als »guten Europäer«. Auswuchernden Nationalismus, gar durchsetzt vom miefenden Odeur des Antisemitismus, empfand er als ungenießbar. Dass der prophetische Denker nach seinem Tod vor allem als Künder des »Übermenschen« und des »Willens zur Macht« verherrlicht wie verfemt wurde, ist vor allem dem Einfluss seiner Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche (1846–1935) als Gründerin und langjährige Leiterin des Nietzsche-Archivs geschuldet.

Elisabeth hatte 1894 das Archiv in Naumburg nach dem geistigen Zusammenbruch ihres Bruders gegründet, um dessen Werke und Schriften zu betreuen und herauszugeben. Zwei Jahre später erfolgte der Umzug nach Weimar, wo das Archiv in der Villa »Silberblick« am südlichen Stadtrand sein endgültiges Domizil fand. Auch Nietzsche selbst wurde dort untergebracht und von seiner Schwester bis zu seinem Tod im Jahre 1900 gepflegt. Das 1902 vom flämisch-belgischen Architekten und Designer Henry van de Velde (1863–1957) umgebaute Haus ist heute Museum. Die Archivbestände werden durch die Klassik-Stiftung Weimar betreut.

Die Verdienste Elisabeths bei der Sammlung, Bewahrung und Publikation der Schriften des Philosophen sind überschattet von ihrer Obsession, Nietzsches sperriges und widersprüchliches Werk in ein ideologisches Prokrustes-Bett zu zwängen, um die Ansichten eines reaktionären Zeitgeistes zu bedienen, der im Nationalsozialismus seinen verhängnisvollen Tiefpunkt erreichte.

In den 60er Jahren recherchierte der Germanist Mazzino Montinari in Weimar für eine italienische Nietzsche-Ausgabe. Gemeinsam mit seinem Lehrer Giorgio Colli deckte er die Verfälschungen, Auslassungen, Manipulationen auf und begründete eine neue Editionspraxis. Die kleine, aber gediegene Ausstellung, die das Nietzsche-Archiv zeigt, gibt anhand von Dokumenten und Handschriften Einblick in diese bahnbrechende Etappe der Nietzsche-Forschung. Zugleich illustriert sie das Leben Montinaris in Weimar, wo er eine Familie gründete und mehrere Jahre lebte, stets unter fürsorglicher Kontrolle der DDR-Staatssicherheit.

Es ist verdienstvoll, dass die Klassik-Stiftung Weimar diese Sonderausstellung ausdrücklich im Rahmen des Themenjahres »Sprache« ausrichtet. Denn Nietzsches Lob, Wieland habe »besser als irgend jemand deutsch geschrieben«, kommt von einem, dem das zu Recht oft ebenfalls nachgesagt wird. Auch wenn der Feenland-Schöpfer vor allem die Höhen des Lebens bedichtete und der Zarathustra-Prophet eher in die Abgründe des Seins blickte.

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