Neuer Player im Kreditgeschäft

Länder wie Sri Lanka haben sich zuletzt massiv bei chinesischen Geldgebern verschuldet

  • Von Fabian Kretschmer, Peking
  • Lesedauer: 3 Min.

Die Volksrepublik vergibt längst mehr Kredite an Entwicklungsländer als die Weltbank – und oftmals völlig intransparent. Dennoch ist China nicht das Hauptproblem für die Schuldenberge im globalen Süden.

Als Sri Lanka während der Pandemie unter einem zunehmenden Schuldenberg ächzte, beging die damalige Regierung einen folgenschweren Fehler: Anstatt ihre Verbindlichkeiten allmählich abzuzahlen, nahm sie immer nur weitere Kredite auf – und zwar von chinesischen Geldgebern. Umgerechnet knapp drei Milliarden Euro flossen noch in den Jahren 2020 und 2021 von der Volksrepublik in den finanziell bereits schwer angeschlagenen südasiatischen Inselstaat.

Spätestens seit dem Stopp des Schuldendienstes im Mai und dem Sturz des Präsidenten in der vergangenen Woche steht nun erneut die Kreditvergabepraxis Chinas an Entwicklungsländer in der Kritik. Nicht selten heißt es, dass die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt hauptverantwortlich für überschuldete Staaten im globalen Süden sei. Doch die Realität ist wesentlich komplexer – und einige der Vorurteile gegenüber Chinas Kreditverträgen stellen sich bei näherer Betrachtung als Mythos heraus.

Erst seit Mitte der 2000er Jahre spielt Peking überhaupt eine nennenswerte Rolle als Gläubiger auf dem internationalen Parkett. Seither jedoch hat das Kreditvolumen rasant zugenommen: Allein in den letzten 15 Jahren hat die Volksrepublik mindestens 500 Milliarden US-Dollar an Schwellen- und Entwicklungsländer vergeben – und damit mehr als die Weltbank und der Internationale Währungsfonds zusammen.

Das hat vor allem mit der »Belt-and-Road«-Initiative zu tun. Das als »neue Seidenstraße« bezeichnete Projekt beinhaltet den Bau riesiger Infrastrukturanlagen in dutzenden Ländern – von Häfen über Autobahnen und Brücken bis hin zu Kraftwerken. Ein Vorzeigeprojekt ist das Hochgeschwindigkeitszugnetz zwischen dem südchinesischen Kunming und der laotischen Hauptstadt Vientiane, das Ende 2021 eingeweiht wurde. Die Strecke soll knapp sechs Milliarden Dollar gekostet haben, was rund einem Drittel des laotischen Bruttoinlandsprodukts entspricht.

Grundsätzlich wird es positiv gewertet, dass China solche Projekte in ärmeren Regionen vorantreibt. Doch um Uneigennützigkeit geht es dabei keineswegs. Die Projekte werden über Kredite finanziert, die oftmals knallharte Konditionen haben: kurze Laufzeiten und marktübliche Zinsen, anders als es bei Entwicklungshilfekrediten sonst der Fall ist.

Die Hauptkritik jedoch betrifft die Intransparenz: Chinas Staatsbanken tendieren mittlerweile dazu, immer mehr vergebene Kredite über komplizierte Firmenkonstrukte zu verstecken, sodass diese nicht in den offiziellen Statistiken auftauchen. Damit wird neben der eigenen auch die finanzielle Situation von Entwicklungsländern zunehmend verschleiert. Und wie Wissenschaftler des US-Forschungszentrums für Entwicklungsfinanzierung, AidData, in einer Studie dokumentierten, geht die Geheimhaltung bei den bilateralen Verträgen über das normale Maß weit hinaus: Nicht selten mussten sich die Schuldner verpflichten, die Existenz von bestimmten Krediten offiziell zu verschweigen.

Trotz solcher Probleme muss man die Größenverhältnisse in Relation sehen. Nach Recherchen der in London ansässigen Initiative »Debt Justice« machen chinesische Geldverleiher nur rund zwölf Prozent der Schulden afrikanischer Staaten aus. Private Geldgeber aus dem Westen kommen hingegen auf etwa 35 Prozent, und sie verlangten im Schnitt doppelt so hohe Zinsen.

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