Bricht die Auto-Welle in Berlin?

Sinkende Zahl von Neuzulassungen im ersten Halbjahr – aber Pkw-Besitz nimmt seit Jahren zu

Der Großteil der Autoflut strömt von außen ins Zentrum.
Der Großteil der Autoflut strömt von außen ins Zentrum.

Zuerst die gute Nachricht für die Umwelt: Die Zahl der neu zugelassenen Pkw ist im ersten Halbjahr 2022 in Berlin deutlich gesunken. 28 691 Autos kamen von Januar bis Juni des laufenden Jahres neu auf die Straßen der Hauptstadt, ein Minus von 8,5 Prozent im Vergleich zum ersten Halbjahr 2021, als es noch 31 357 waren. Das ergibt sich aus den am Mittwoch vom Landesamt für Statistik Berlin-Brandenburg veröffentlichten Zahlen.

Der Einbruch rührt vor allem aus den deutlich weniger Neuzulassungen von klassischen Verbrennerautos. Mit 14 148 Fahrzeugen wurden im ersten Halbjahr 2022 etwas über ein Fünftel weniger an reinen Diesel- oder Benzin-Pkw angemeldet als im Vorjahreszeitraum. Von Januar bis Juni 2019 wurden in der Hauptstadt sogar noch fast 40 000 Verbrenner neu zugelassen.

Den Löwenanteil bei den sogenannten alternativen Antrieben machen jedoch Hybridautos aus, von denen in den ersten sechs Monaten in Berlin 10 648 neu zugelassen wurden, 6,4 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Sogenannte Plug-in-Hybride sollen die kurzen Strecken in der Stadt in der Theorie mit dem eingebauten Elektromotor zurücklegen, dafür müssen die eingebauten Akkus per Kabel aufgeladen werden. Für längere Strecken über 50 oder 70 Kilometer soll der ebenfalls eingebaute Verbrennungsmotor einspringen.

»Im Mittel fallen die realen Kraftstoffverbräuche und CO2-Emissionen von Plug-in-Hybridfahrzeugen bei privaten Haltern in Deutschland und anderen europäischen Ländern etwa dreimal so hoch aus wie im offiziellen Testzyklus, während die Werte bei Dienstwagen sogar etwa fünfmal so hoch sind«, sagt Patrick Plötz, Leiter des Geschäftsfelds Energiewirtschaft am Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung. Das ist das Ergebnis einer im Juni vorgelegten Studie, bei der die reale Nutzung von etwa 9000 derartigen Fahrzeugen in Europa untersucht worden ist. Im Durchschnitt erbringen rein privat genutzte Plug-in-Hybride demnach nur etwa 45 bis 49 Prozent ihrer Fahrleistung weitgehend elektrisch, bei Dienstwagen sind es sogar lediglich 11 bis 15 Prozent. Immerhin soll die Kaufprämie für diesen Fahrzeugtyp, den Umweltverbände unisono als »Mogelpackung« bezeichnen, gestrichen werden.

Reine E-Autos machen weiterhin nur einen überschaubaren Anteil der Berliner Neuzulassungsstatistik aus. 3603 kamen im ersten Halbjahr neu auf Berlins Straßen, das sind schlappe 4,5 Prozent mehr als von Januar bis Juni 2021. Wegen der insgesamt gesunkenen Zulassungszahlen ist das nun jeder achte Pkw, ein Jahr zuvor war es eines von neun Autos.

Trotz aller Mobilitätswende-Rhetorik ist jedoch die Gesamtzahl der zugelassenen Pkw in der Hauptstadt in den letzten Jahren immer weiter gestiegen. Laut Kraftfahrzeug-Bundesamt von 1,195 Millionen im Jahr 2017 auf 1,234 Millionen im Jahr 2021. Pro 1000 Einwohner ging es in fünf Jahren von 334 Autos auf 336 nach oben. Der Pkw-Zuwachs steigt also schneller als die Bevölkerungszahl.

»Noch mehr Autos in Berlin – und wir fragen uns: Wie soll das weitergehen?«, sagt Ragnhild Sørensen von Changing Cities zu »nd«. Der aus dem Fahrrad-Volksbegehren hervorgegangene Verein setzt sich für die Mobilitätswende ein. »Auch Berlin muss bis 2030 die CO2-Emissionen im Verkehrssektor um die Hälfte reduzieren«, erinnert sie. »Es geht nur so: Der Senat reduziert die Parkplätze um 60 000 pro Jahr, die Bundesregierung senkt Subventionen für Autofahrende drastisch und baut den öffentlichen Verkehr aus – und jede*r von uns reißt sich zusammen und überdenkt das eigene Mobilitätsverhalten. Wir müssen alles tun, damit die Erderwärmung, die wir schon heute spüren, für unsere Kinder nicht noch schlimmer wird«, so Sørensen.

Die Antwort der Senatsmobilitätsverwaltung auf eine Schriftliche Anfrage des Linke-Verkehrsexperten Kristian Ronneburg zeigt, dass der Autobesitz und dessen Zuwachs in den Berliner Bezirken sehr unterschiedlich ausfällt. Einzig in Mitte ging die absolute Zahl von Ende Dezember 2017 bis Ende Juni 2021 um ein Prozent zurück. Wurden 2017 253 Pkw pro 1000 Einwohner gezählt, waren es dreieinhalb Jahre später noch 246. Am anderen Ende der Skala liegt Charlottenburg-Wilmersdorf, wo die absolute Anzahl um 7,1 Prozent stieg, relativ gab es pro 1000 Einwohner 344 Autos Ende 2017 und 369 Mitte 2021. Mit 220 Pkw pro 1000 Einwohner wurde beim Autobesitz zu diesem Zeitpunkt in Friedrichshain-Kreuzberg stadtweit die niedrigste Rate verzeichnet, allerdings lag diese Ende 2017 noch bei 212, absolut ein Plus von 5,6 Prozent. Der Autobezirk schlechthin ist Steglitz-Zehlendorf mit 405 Pkw pro 1000 Einwohner. Ende 2017 lag der Wert noch bei 397.

Die Korrelation ist relativ einfach zu erkennen: Je wohlhabender und je weiter vom Berliner Zentrum entfernt, desto mehr Autos haben die Menschen. »Wenn die Verkehrswende nicht außerhalb des S-Bahn-Rings ankommt, dann darf man sich nicht wundern, wenn Autos gekauft werden«, sagt Jens Wieseke vom Fahrgastverband IGEB zu »nd«. »Es fehlen gerade im Ostteil Berlins schnelle Tangentialverbindungen mit einem attraktiven Takt, aber generell muss der Zehn-Minuten-Takt auch außerhalb der Innenstadt Standard werden«, fordert er. Mobilitätssenatorin Bettina Jarasch (Grüne) ist mit dem Versprechen so eines »Hauptstadttaktes« auch in den Außenbezirken angetreten. »Und natürlich muss es beim leidigen Thema Busspuren und Bevorrechtigung des Nahverkehrs an Ampeln endlich einmal spürbar vorwärts gehen«, so Wieseke weiter.

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