Omas auf Schwurbelsafari

Gegen die »Querdenken«-Demonstration am Montag hat sich nur ein kleiner Protest formiert

Gegen jeden Faschismus: Die Omas gegen Rechts protestieren auch gegen Rassismus und die AfD, wie hier bei einer "Unteilbar"-Demonstration 2020.
Gegen jeden Faschismus: Die Omas gegen Rechts protestieren auch gegen Rassismus und die AfD, wie hier bei einer "Unteilbar"-Demonstration 2020.

Es soll eine Jubiläumsdemonstration sein: Der Protest von »Querdenken« am Montag erinnert an die erste bundesweite Demonstration der rechtsoffenen bis rechtsradikalen Corona-Leugner*innen vor genau zwei Jahren. Am 1. August 2020 nahmen etwa 17 000 Menschen teil. Für die Versammlung am Montagnachmittag zwei Jahre später waren 500 Personen angemeldet, nach Angaben der Polizei befinden sich um 16 Uhr rund 2000 Teilnehmer*innen vor Ort.

Die Demonstration ist für 15 Uhr als »Medienmarsch« angekündigt. Nach der Auftaktkundgebung vor dem Brandenburger Tor soll sie an diversen Sitzen von Zeitungen und Rundfunkanstalten vorbeilaufen. Die Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus Berlin (MBR) bezeichnete den »Medienmarsch« in einer Einordnung vergangene Woche als »Teil des Repertoires verschwörungsideologischer Versammlungen«. Das konfrontativ angelegte Demonstrationskonzept diene dazu, »Feinde zu markieren« – neben Politiker*innen die vermeintliche »Systempresse«. Deshalb rechnet die MBR mit »gezielten Anfeindungen«, die sich gegen Journalist*innen und »Mitarbeitende der Medienanstalten« richten könnten.

Die Veranstaltung ist Teil der sogenannten Woche der Demokratie, die am Samstag begann. Dem Bündnis hinter der Aktionswoche gehören Gruppen wie die Freedom Parade rund um den selbsternannten »Captain Future«, die Partei Die Basis und das rechtsextreme Magazin »Compact« an. Bei der Auftaktdemonstration am Samstag zählte die Polizei rund 1200 Teilnehmende, die vom Brandenburger Tor bis zum Rosa-Luxemburg-Platz zogen.

Wie schon am Wochenende hat sich für Montag Gegenprotest formiert. Die »antiverschwurbelte Aktion«, eine antifaschistische Gruppe, die gegen »Querdenken« mobilisiert, lädt zur »Schwurbelsafari« ein: Mit einem Bus wollen die Gegendemonstrant*innen die verschiedenen Stationen des rechtsoffenen bis rechtsradikalen Marsches abklappen. »Dort versuchen wir, ihnen akustisch und optisch die Show zu stehlen«, sagt ein Sprecher der Gruppe im Vorfeld zu »nd«. »Das ist keine Demonstration von Stärke und Masse, sondern eine mit Humor und Ästhetik.«

Eine relevante Masse scheint die Gegenbewegung derzeit nicht zu mobilisieren. Am Montag zählt die Polizei kurz vor Redaktionsschluss rund 30 Gegendemonstrant*innen, am Samstag waren laut Einschätzung der antifaschistischen Aktion 70 bis 80 Menschen beteiligt. Das macht Hannah Müller Sorgen. Die Aktivistin gehört zu der Gruppe Omas gegen Rechts und hat die Busfahrt angemeldet. »Diese ganzen Kilometer abzulaufen, wäre für uns etwas schwierig«, sagt sie unter ihrem Pseudonym zu »nd«. Die Proteste von »Querdenken« werden zwar kleiner, das macht sie in ihren Augen jedoch nicht weniger gefährlich. »Auch wenn nur ein paar Hanseln durch die Stadt tanzen, vergiften sie die ganze Gesellschaft.« Am Samstag habe sie beispielsweise ein umgewandeltes Goebbels-Zitat am Wagen der Partei Die Basis gesichtet.

Müller hat den Eindruck, dass Antisemitismus durch die andauernden Demonstrationen von »Querdenken« salonfähiger wird, und erzählt von einer »Welle den Holocaust verharmlosender Schmierereien« auf Bänken und Denkmälern in Pankow und Wedding. »Die Zivilgesellschaft schläft weitestgehend«, sagt Müller.

Doch auch wenige Menschen, die gegen »Querdenken« auf die Straße gehen, sind nach Müllers Ansicht wichtig. Am Samstag seien Anwohner*innen am Rosa-Luxemburg-Platz auf sie zugekommen, um sich für den Gegenprotest zu bedanken. »Das allein war schon ein Erfolg.«

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