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Tokio feiert ohne Grund

Ein Jahr nach den Olympischen Sommerspielen bahnt sich ein neuer Korruptionsskandal an

  • Von Felix Lill, Tokio
  • Lesedauer: 4 Min.
Tokios Bürgermeisterin Yuriko Koike versucht auch ein Jahr nach Olympia gute Stimmung zu produzieren.
Tokios Bürgermeisterin Yuriko Koike versucht auch ein Jahr nach Olympia gute Stimmung zu produzieren.

Hätten es sich die Organisatoren aussuchen können, wären die Feierlichkeiten dieser Tage anders verlaufen. Sie begannen am 23. Juli. Genau ein Jahr nach der Eröffnungsfeier grüßte Tokios Bürgermeisterin Yuriko Koike erneut in einem Olympiastadion, das nicht gefüllt war. Die japanische Hauptstadt durchlebt mal wieder eine Coronawelle, sodass kaum ein Drittel der Plätze besetzt sein durfte. Die Sommerspiele von Tokio sind auch ein Jahr später nicht von Glück geprägt.

Mit diversen Festlichkeiten, die derzeit an die größte Sportveranstaltung der Welt vor einem Jahr erinnern, versucht Yuriko Koike das Großevent in ihrer Stadt aber in ein positives Licht zu rücken: »Die erfolgreiche Durchführung der Spiele, trotz nie dagewesener Herausforderungen, haben eine unschätzbare Hinterlassenschaft.« Viele fragen sich: Welche Hinterlassenschaft ist das genau? Schließlich streitet man in Japan weiterhin darüber, ob »Tokyo 2020« seinen Aufwand wirklich wert gewesen ist. Wohl nie waren Olympische Spiele in ihrem Austragungsland derart unbeliebt wie jene von Tokio – inmitten der Pandemie, gestiegener Kosten und diverser Skandale waren laut mehreren Umfragen rund 80 Prozent der Menschen dagegen, dass die Spiele wie anberaumt stattfinden würden.

Das Gespann aus lokalem Organisationskomitee und IOC aber zog seine Pläne – nach einjähriger pandemiebedingter Verschiebung – gegen erhebliche öffentliche Widerstände durch. So erlebte Tokio im Sommer 2021 ein Olympia mit leeren Rängen und ohne Besucher aus dem Ausland. Durch das Verbot internationaler Touristen fielen auch diverse Vorhaben des kulturellen Austauschs ins Wasser. Die einjährige Verschiebung machte die Spiele zudem noch teurer als ohnehin schon. Aber es ist nicht nur dies, was die Erinnerungen an »Tokyo 2020« in vielen Köpfen negativ macht. Dieser Tage sorgt auch die aktuelle Nachrichtenlage für ein schlechtes Bild. Kurz nach dem Jahresjubiläum der Eröffnungsfeier drang die Information an die Presse, dass die Staatsanwaltschaft das Haus eines Mitglieds des Organisationskomitees durchsucht hat. Der Verdacht lautet: Korruption.

Haruyuki Takahashi, der als Vorstandsmitglied des Organisationskomitees agierte, hat offenbar rund zwei Millionen US-Dollar erhalten, womöglich als Bestechungssumme, um einen Sponsorendeal mit dem Herrenausstatter Aoki einzufädeln. Auch beim Unternehmen Dentsu, der größten PR-Agentur Japans, die zugleich eng mit den Tokioter Olympiaorganisatoren zusammenarbeitete, gab es eine Durchsuchung. Takahashi hatte vor seiner Tätigkeit als Chef einer Consultingfirma, über die er auch für Aoki tätig war, bei Dentsu gearbeitet.

Über die vergangenen Tage sind weitere Details ans Licht gekommen. Der öffentlich-rechtliche Sender NHK berichtet, dass Takahashi, der Fehlverhalten bestreitet, Aoki beim Organisationskomitee als passenden Sponsor vorgeschlagen habe. Olympische Sponsorendeals gelten als begehrt, da Unternehmen dadurch im Zuge der Spiele exklusiv mit den Olympischen Ringen werben können, was meist mit erhöhten Erlösen einhergeht. Takahashi behauptet, er habe Aoki erst vorgeschlagen, nachdem andere Wettbewerber ihr Interesse zurückgezogen hatten.

Am Montag allerdings berichtete NHK, dass Führungskräfte von Aoki eine Liste mit Forderungen an Takahashi herangetragen hätten. So habe man sich ein beschleunigtes Verfahren zum Sponsoringdeal gewünscht. Eine solche Forderung lässt die Zahlungen an Takahashi – die zunächst auf 330 000 US-Dollar beziffert waren, nach derzeitigem Kenntnisstand aber rund sechsmal so hoch vermutet werden – wie eine Bestechung aussehen. Es wäre nicht der erste Skandal solcher Art, mit dem sich »Tokyo 2020« rumplagen müsste.

Neben mehreren Empörungen um Sexismus und Diskriminierung seitens hoher Offizieller gehörten auch finanzielle Ungereimtheiten schnell zum olympischen Takt in Tokio. So begann die französische Staatsanwaltschaft im Jahr 2016 gegen Tsunekazu Takeda zu ermitteln. Der einstige Chef des Tokioter Bewerbungskomitees, der zudem Chef des japanischen NOK und Mitglied des IOC war, stand unter dem Verdacht der Korruption rund um Zahlungen vor der Vergabe der Spiele. Auch Takeda bestritt Fehlverhalten, kündigte im Jahr 2019 aber den Rückzug von seinen Ämtern an.

Sollte sich der Verdacht rund um Haruyuki Takahashi erhärten, wäre dies nicht nur für den 78-Jährigen selbst ein Problem, sondern auch für die olympische Bewegung in Japan über die Tokioter Spiele hinaus. Derzeit bewirbt sich Sapporo um das Austragungsrecht der Winterspiele 2030. Nach den kontroversen Spielen von Tokio haben sich die Bewerber aus der nordjapanischen Metropole dazu entschlossen, die Bevölkerung nicht vorab zu befragen, ob diese die Austragung will.

Sollte Sapporo, dem gute Chancen ausgerechnet werden, tatsächlich den Zuschlag erhalten, dürfte daher nicht nur die Staatsanwaltschaft genau auf die Umstände der Vergabe schauen. Auch bei weiten Teilen der Öffentlichkeit, die einmal mehr von Entscheidungsprozessen ausgeschlossen wäre, kämen zu Olympia wohl vermehrt Gedanken an unlauteres Gebaren auf.

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