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Olympiaplaner in Sapporo haben Angst vor dem Volk

Die japanische Stadt will 2030 Olympiagastgeber werden – ohne die Zustimmung der Bevölkerung

Olympische Höhenflüge: Sapporo will das Megaevent, ein Volksreferendum darüber allerdings nicht.
Olympische Höhenflüge: Sapporo will das Megaevent, ein Volksreferendum darüber allerdings nicht.

Wer diese Tage in den Norden von Japan reist, erlebt Festivalstimmung. »Im Shiroi koibito Park läuft jetzt das Projekt ›Eine Medaille jeden Tag‹ mit dem Hashtag ›Gute Menschen, gute Stadt‹«, verkündete der Fernsehsender STV freudig am Donnerstag. »Es ist eine Initiative im Rahmen der Olympiabewerbung Sapporos für die Spiele 2030.« Im Park am Stadtrand von Sapporo könnten Interessierte jetzt Fotos von sich mit Schokoladenmedaillen machen und Grußbotschaften verschicken. »Das Projekt läuft noch bis zum 31. August!«

Wenn man es nicht besser wüsste, würde man bei diesem TV-Bericht denken, dass sich Sapporo gerade auf ein ohnehin nahendes Großevent einstellt. Dabei muss man überhaupt erst noch das Austragungsrecht gewinnen. Neben Sapporo bewerben sich beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC) auch Barcelona und die Pyrenäen in Spanien, Vancouver und Whistler in Kanada sowie das US-amerikanische Salt Lake City um die Olympischen Winterspiele 2030. Zumindest laut japanischen Medien gilt Sapporo aber als klarer Favorit.

Schon im Zuge der Sommerspiele von Tokio im vergangenen Jahr berichtete die japanische Nachrichtenagentur Kyodo mit Bezug auf interne Quellen, dass das IOC noch im Jahr 2022 den Zuschlag an Sapporo geben dürfte. Das wäre zwar ein Jahr früher als gewohnt, ist aber denkbar: Anders als in der Vergangenheit gibt sich das IOC keinen festen Rahmen mehr, was den Zeitpunkt der Vergabe angeht. Über den Austragungsort der 2030er Spiele könnte jederzeit entschieden werden.

Erst vor zwei Wochen reiste eine IOC-Delegation nach Nordjapan, um sich die Pläne für Wettkampfstätten und Transportmöglichkeiten anzusehen. Und in Sapporo, wo schon 1972 die Winterspiele ausgetragen wurden, ist man sich seiner Sache schon recht sicher: »Hier können bestehende Anlagen genutzt werden«, betonte Akihiro Okumura, ein Sprecher des Bewerbungskomitees, nach der IOC-Visite. »Einige müssen womöglich renoviert werden. Das werden wir gemeinsam prüfen.«

In der 1,9-Millionenmetropole Sapporo, einer Stadt mit kalten Wintern und zuverlässigem Schneefall, setzt man offiziell auf Nachhaltigkeit – sowohl im Bezug auf die Finanzen als auch die Umwelt. Bei solchen Behauptungen dürfte es in vielen japanischen Ohren laut klingeln. Auch bei Olympia in Tokio verkauften die Organisatoren den Menschen anfangs »kompakte Spiele«, die günstig wären, weil alle wichtige Infrastruktur schon vorhanden sei. Am Ende wurde das Olympiastadion neu gebaut und das einst veranschlagte Budget um ein Vielfaches überzogen.

Schon Jahre vor Beginn der Pandemie stellte sich heraus, dass »Tokyo 2020« deutlich teurer werden würde als veranschlagt. Da war das Austragungsrecht aber schon vergeben. So konnten sich die Menschen in Tokio und Japan, deren Steuergelder für die Finanzierung des nur einige Wochen langen Sportfestivals nun herangezogen werden, nicht mehr wehren. Als dann die Pandemie ihre Kreise zog und die auf Sommer 2021 verschobenen Spiele mit leeren Rängen ein noch größeres Finanzminus erwarten ließen, wurde das Spektakel dennoch durchgezogen.

Die Organisatoren entschieden über die Köpfe von rund 80 Prozent der Japanerinnen und Japaner hinweg, die sich in diversen Umfragen gegen die Austragung von »Tokyo 2020« aussprachen. Der Streit im ostasiatischen Land war groß. So mag es wahnsinnig wirken, wenn sich die japanische Regierung nun schon wieder an ein Olympiaexperiment wagt. Direkt nach den Spielen von Tokio wurde vermehrt prophezeit, dass die öffentliche Opposition dagegen beträchtlich wäre. Zumal Japans Olympisches Komitee beteuerte, fortan verstärkt den Dialog mit der Öffentlichkeit suchen zu wollen. Dies ist schließlich auch die offizielle Linie des IOC: Im Jahr 2019 verkündete Vizepräsident John Coates, dass von Bewerberstädten künftig ein Referendum erwartet werde. In Richtung potenzieller Bewerberstädte sagte er: »Es ist nicht unvernünftig zu sagen, dass, bevor wir Sie berücksichtigen, Sie uns zufriedenstellen müssen, dass Sie die öffentliche und staatliche Unterstützung haben müssen.«

Kaum jemand würde so eine Vorgabe heute noch für unvernünftig halten. Denn immer wieder wurden über die letzten Jahre Olympiabewerbungen wieder zurückgezogen, nachdem die Pläne bei der lokalen Bevölkerung durchgefallen waren. Referenden in Wien, Innsbruck, Sion, St. Moritz und Davos, Hamburg, Krakau, München sowie Bern ließen nach aufwendigen Planungsarbeiten und PR-Kampagnen die Träume der Veranstalter platzen. Der häufigste Grund waren die hohen Kosten, die das Megaevent verursacht hätte.

In Sapporo hat man die Dinge nun anders geregelt. Diese Woche stimmte die Stadtverwaltung über die Frage ab, ob man die Bürgerinnen und Bürger abstimmen lassen solle. Die Versammlung, die von der auch in ganz Japan regierenden Liberaldemokratischen Partei dominiert wird, entschied dagegen. Es gibt also keine Volksabstimmung. Das IOC stört sich bei genauerem Hinsehen jedoch nicht. Denn solange im Land kein Referendum verlangt ist, will sich auch das IOC nicht darum kümmern.

Das Argument, das in Sapporo gegen eine Abstimmung zu vernehmen ist, könnte aber gleichzeitig auch als eines dafür verstanden werden. Offizielle haben erklärt, in Umfragen haben sich zuletzt 52 Prozent für eine Bewerbung der Stadt ausgesprochen – womit eine neuerliche Abstimmung nicht mehr nötig wäre. Wobei dies auch nach Angst vor dem Willen des Volkes aussieht. Denn es zeigt sich hier nur eine äußerst knappe Zustimmung für die Olympiabewerbung. Zudem bestand ein Fragebogen der Stadt aus dem Monat März aus lauter Suggestionen wie diesen: »Sapporo 2030 ist nicht nur ein zeitlich begrenztes Sportevent, sondern ein Entwicklungsprojekt, damit die Stadt in der Zukunft strahlen kann.« Oder: »Die laufenden Kosten der Spiele werden durch Zuwendungen des IOC und Sponsoreneinkünfte finanziert«, so dass hierfür keine Steuergelder verwendet würden.

Solchen Statements stimmten jeweils mehr als 60 Prozent der Befragten zu. Dabei wurde den Befragten nicht etwa erklärt, dass Infrastrukturinvestitionen in der Regel sehr wohl von Steuergeldern bezahlt werden und diese wiederum, sofern man sie für nötig hält, auch ohne Olympische Spiele getätigt werden könnten.

Es sind Taktiken der Überzeugungsarbeit, die die japanischen Bewerber schon für die Sommerspiele von Tokio verfolgten. Die Kontroverse um die teuren Sommerspiele inmitten der Pandemie will man unterdessen schnellstmöglich vergessen machen. Die Regierung verkündete vor kurzem, dass sie Gemeinden im ganzen Land finanziell unterstützen wolle, wenn diese die Hinterlassenschaften von »Tokyo 2020« promoten. Wohl auch, damit bei den Plänen in Sapporo möglichst wenig schiefgeht.

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