Warschau schwillt der Kamm

Polen startet gigantisches Aufrüstungsprogramm – als Begründung dient der Ukraine-Krieg

Ein K2-Kampfpanzer: Polen bereitet zur Verstärkung seiner Streitkräfte größere Käufe von Flugzeugen und Panzern aus Südkorea vor.
Ein K2-Kampfpanzer: Polen bereitet zur Verstärkung seiner Streitkräfte größere Käufe von Flugzeugen und Panzern aus Südkorea vor.

Das östliche Nato- und EU-Mitgliedsland Polen ist seit Russlands Überfall auf das Nachbarland Ukraine zu einem wichtigen Aufmarschgebiet geworden. Hier sammeln sich alliierte Kampftruppen, hier wird intensive Ost-Aufklärung betrieben, von hier aus gelangen Waffen und anderer Nachschub in ukrainische Kampfgebiete. Laut offiziellen Angaben überließ Polen der Ukraine bislang Rüstungsgüter für knapp 1,7 Milliarden Euro. Auch als Reparaturbasis für Gerät der ukrainischen Armee ist Polen unersetzlich. Nach der Aufnahme von Schweden und Finnland in die Nato wird auch der in Szczecin angesiedelte Stab des Multinationalen Korps Nord-Ost der Nato eine enorme Aufgabenerweiterung erfahren. Ähnlich läuft das beim inzwischen ständigen Kommando des V. Korps der US-Landstreitkräfte. Bei der Einweihung des »Camp Kościuszko« am Wochenende betonte Polens Vizepremier und Verteidigungsminister Mariusz Błaszczak, wie wichtig »die Umwandlung der Rotationspräsenz in eine permanente« sei.

Warschau strebt insgesamt eine größere Rolle innerhalb der Nato an und läuft Deutschland dabei den Rang als treuester Knappe der USA ab. Dazu eröffnet der Angriff Russlands auf die Ukraine neue Möglichkeiten. Zwar hat sich Polen noch nie als Freund der Ukraine hervorgetan, doch der Angriff Moskaus auf das gemeinsame Nachbarland eröffnet – nicht nur aus Sicht national-konservativer polnischer Politiker – neue Möglichkeiten, um Russland alte Rechnungen zu präsentieren.

Personelle und materielle Aufrüstung

Vor einer Woche bestätigte Błaszczak, man habe mit Südkorea »Verträge über die Lieferung von K2-Panzern, K9-Kanonenhaubitzen und FA-50-Flugzeugen unterzeichnet«. Noch in diesem Jahr würden die Lieferungen beginnen, betonte Polens Vizepremier und Verteidigungsminister. So könnten die Streitkräfte seines Landes »moderne Rüstungsgüter und die Industrie eine Chance zur weiteren Entwicklung« erhalten. Fast nebenbei erwähnte er, dass Warschaus Streitkräfte demnächst eine Sollstärke von »mindestens 300 000 Personen« erreichen: 250 000 Berufssoldaten und 50 000 Angehörige der freiwilligen Truppe zur Territorialverteidigung – das wäre eine Verdopplung des Ist-Standes.

Bereits vor dem russischen Angriff auf die Ukraine hatte man in Warschau damit begonnen, die Anzahl der Soldaten deutlich zu erhöhen. Wenn man den Krieg vermeiden wolle, müsse »nach der alten Regel der Abschreckung« gehandelt werden, hatte Jaroslaw Kaczynski, der Parteivorsitzende der regierenden PIS-Partei, argumentiert und bereits im November vergangenen Jahres einen »Plan zur Verteidigung des Vaterlandes« verlangt. Seither organisieren die Planer im Hause Błaszczak die Vollausstattung für vier Heeresdivisionen. Zwei weitere Divisionen sollen folgen. Zum Vergleich: Die Bundeswehr, in der rund 180 000 Soldatinnen und Soldaten dienen, will der Nato bis 2025 eine kampfbereite Heeresdivision melden, eine weitere besteht derzeit weitgehend aus Planzahlen.

Unlängst noch beklagte sich Polens Präsident Andrzej Duda bitterlich darüber, dass Deutschland angeblich Ringtausch-Zusagen nicht einhält. Warschau hatte mehr als 200 PT-91, das sind in Lizenz produzierte T-72 Panzer, in die Ukraine geliefert. Man erwartet dafür von Deutschland ein Bataillon Leopard-II-Panzer der modernsten Version. Doch Berlin hatte die Absprachen anders im Sinn und wollte nur Stück um Stück ältere »Leos« liefern.

Die nicht allzu harmonisch geführte Debatte ist noch nicht beendet, obwohl sich für Polen längst andere Bezugsquellen öffneten. Dass Warschau in den USA weitere 250 neue und 116 gebrauchte Abrams-Kampfpanzer bestellt hat, machte bereits die Runde. Doch der jetzt mit Südkorea zusätzlich geschlossene Rahmenvertrag sprengt alle bisherigen Dimensionen. Es geht dabei um den Kauf von bis zu 1000 hochmodernen K2-Panzern samt Unterstützungsfahrzeugen. Hinzu kommen Simulatoren sowie Trainingskurse im Herstellerland. Die Vereinbarung sieht einen Technologietransfer, also die Produktion der K2-Tanks in erprobten polnischen Panzerschmieden, vor. Bis 2025 sollen die ersten 180 K-2-Panzer unter weiß-rotem Kommando stehen.

Mehr noch: Gegenstand einer mit dem südkoreanischen Hanwha-Defense-Konzern geschlossenen Vereinbarung ist der Erwerb von insgesamt 672 südkoreanischen Panzerhaubitzen samt Versorgungs- und Depottechnik. Die ersten fahrenden Geschütze kommen bereits in diesem Jahr, ab 2024 beginnt deren Produktion in Polen. Mit der Korean Aerospace Industries vereinbarte Warschau die Lieferung von 48 FA-50PL-Flugzeugen samt Schulungs- und Logistikpaket. Das leichte zweisitzige Kampfflugzeug ist als Ergänzung der aktuellen F-16-Verbände und der für rund fünf Milliarden US-Dollar bestellten F-35-Stealth-Bomber von Lockheed Martin gedacht. In der Türkei hat Polen 24 Bayraktar TB2-Kampfdrohnen samt vier Bodenstationen bestellt. Sie haben ihre tödliche Wirkung bereits auf verschiedenen Kriegsschauplätzen bewiesen. Bis zum Dezember sollen die ersten sechs der unbemannten Killerflugzeuge an Polen übergeben werden.

Lesen Sie auch »Zurückhaltung war gestern« von René Heilig

In den USA bestellte man 500 Raketen für den in der Ukraine erfolgreich eingesetzten HIMARS-Mehrfachwerfer. Das ist mehr, als bisher in den USA produziert wurde. Die Reichweite des von Polen bestellten Systems beträgt 300 Kilometer. Falls die Hersteller mit Lieferungen an die Ukraine ausgelastet sind, ließe sich alternativ auch über den Bezug passender Artillerieraketen aus Südkorea nachdenken, heißt es im polnischen Verteidigungsministerium. Die ersten 20 HIMARS-Startfahrzeuge sind bereits in Polen eingetroffen.

Umfangreiche Bestellliste

Neben diesen »großen Brocken« im Verteidigungsetat laufen weitere Rüstungsprogramme, denn in Warschau hat man den bisherigen Verlauf des Ukraine-Krieges intensiv studiert. Langfristige Pläne für die Produktion des neuen, in Polen zu bauenden Schützenpanzer »Borsuk« weisen einen Bedarf von 1000 bis 1400 Stück aus. Beschafft werden Aufklärungsdrohnen sowie sogenannte herumlungernde Munition, mit der preisgünstig kostenintensive feindliche Militärsysteme zerstört werden können. Vor allem in Ostpolen stationierte Artillerieregimenter sollen damit ausgestattet werden. Das Vertragsvolumen des Pakets liegt bei knapp 426 Millionen Euro. Die polnische Division, die den für die Nato hochsensiblen Suwalki-Korridor zwischen der russischen Exklave Kaliningrad und Belarus sichern soll, erhielt unter anderem neue Führungsfahrzeuge mit modernster Kommunikationstechnik. Bestellt sind auch 118 Aufklärungsfahrzeuge, gemeinsam mit britischen Firmen entwickelte Jagdpanzer und nachdem der Prototyp eines polnischen Minenwurfsystems ausreichend erprobt wurde, folgt nun die Bestellung von 50 solcher Fahrzeuge. Die heimische Industrie liefert 3500 zusätzliche Ein-Mann-Flugabwehrraketen samt 600 Startgeräten. Laut Hersteller soll die Produktionsmenge in diesem Jahr auf 600 verdoppelt werden. Ab 2023 ist eine Jahresproduktion von 1000 Stück geplant, denn: Man rechnet sich Exportchancen Richtung Ukraine aus. Das betrifft auch die Lieferung von 155-mm-Artilleriemunition.

Beim schwedischen Hersteller SAAB bestellte das Warschauer Verteidigungsministerium ein Trainingszentrum für ein verstärktes mechanisiertes Bataillon sowie vergleichbare Systeme für den Drill auf Kompanieebene. Diese Einrichtungen »sind insbesondere zur effektiven Ausbildungskooperation mit der U.S. Army« gedacht, hob der Chef der polnischen Rüstungsinspektion, Oberst Artur Kuptel, hervor. Die Kosten liegen bei 98 Millionen Euro, wie kürzlich ein niederländischer Kauf offenbarte.

Die neue Kriegstechnik verlangt zusätzliche Einrichtungen zum Erhalt und zur Instandsetzung. Noch ist das bislang beispiellose Aufrüstungsprogramm finanziell keineswegs abgesichert. Ebenso unklar ist, wie Polens Armee die erforderliche Anzahl von Rekruten in die Uniform lockt, ausbildet und bezahlt. Sicher ist nur: Mit den der Nato zugesagten Rüstungsausgaben in Höhe von zwei Prozent des Bruttoinlandproduktes ist das nicht zu machen.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal