Ein teurer Wirtschaftskrieg

Bei der Planung ökonomischer Sanktionen gegen China spielen Computerchips eine zentrale Rolle

  • Von Stephan Kaufmann
  • Lesedauer: 5 Min.
Nancy Pelosi (Mitte) und Mitglieder des US-Kongresses feiern den "Chips Act", mit dem die USA ihre Computerchipproduktion hochfahren wollen.
Nancy Pelosi (Mitte) und Mitglieder des US-Kongresses feiern den "Chips Act", mit dem die USA ihre Computerchipproduktion hochfahren wollen.

Kaum war Russland in die Ukraine einmarschiert, warnten Vertreter der deutschen Wirtschaft schon vor dem nächsten, größeren Gegner: »Der russische Angriffskrieg mit seinen Folgen für die deutsche Wirtschaft zeigt, wie gefährlich eine zu starke Abhängigkeit von einzelnen Ländern sein kann«, schrieb Jürgen Matthes vom arbeitgebernahen Institut IW. Sorge bereite insbesondere die zunehmende wirtschaftliche Abhängigkeit Europas von China. »Der Westen, aber insbesondere Deutschland und die EU, müssen sich fragen: Wie würden wir im Falle eines chinesischen Einmarschs in Taiwan reagieren?«

Gegen Russland ist eine Reihe von schwerwiegenden Wirtschaftssanktionen beschlossen worden, und nun wird in den USA diskutiert, ob sich ähnliche Mittel auch gegen China einsetzen ließen – um das Land von einer Eroberung Taiwans abzuhalten oder um es im Falle einer Invasion dafür zu bestrafen. »Die naheliegende Antwort ist: Ja, wir könnten ähnliche Sanktionen beschließen«, so der US-Wirtschaftsblogger Noah Smith, »aber die Kosten wären weit höher.«

Um China ökonomisch zu schaden, könnte der Westen die Tatsache nutzen, dass seine Institutionen und Banken das Weltfinanzsystem beherrschen und er zudem die Heimat der großen Weltwährungen Dollar, Euro, Yen und Pfund ist. Ähnlich wie im Falle Russlands könnten Chinas Vermögen im Ausland konfisziert werden. Zudem könnte das Land vom Zugang zu westlichen Devisen und zum internationalen Zahlungsverkehr blockiert werden. Das würde China hart treffen, denn seine Währung wird nicht global akzeptiert, nur ein Fünftel des chinesischen Handels läuft über den Renminbi. Peking versucht zwar seit Jahren, seine Währung zu einem international gültigen Geld zu machen. Im Weltgeschäft bleibt es aber vorerst abhängig vom US-Dollar und global agierenden Banken.

Als Ergebnis der Finanzsanktionen würde China wohl einen Großteil seines Außenhandels verlieren. Die Folgen für die Weltwirtschaft wären allerdings verheerend. Schließlich ist der Westen nicht nur abhängig von billigem russischen Gas, sondern vor allem von billiger chinesischer Arbeitskraft. China ist bei Weitem der weltgrößte Exporteur. Störungen im Handel würden die sanktionierenden Staaten von zahllosen Produkten abschneiden, und selbst wenn Ersatz gefunden würde, wäre er teurer. Die Folge wäre daher wohl ein inflationärer Schock, gegen den die aktuellen Inflationsraten harmlos aussähen. Daneben wären westliche Konzerne von ihrem wichtigsten Wachstumsmarkt abgeschnitten – immerhin rund die Hälfte der chinesischen Exporte haben dort multinationale Unternehmen produziert.

Angesichts dieser Kosten könnte der Westen versuchen, gezieltere Maßnahmen zu ergreifen – zum Beispiel Exportkontrollen für strategisch wichtige Güter. Energie und Rohstoffe bieten sich hier nicht an. Zwar importiert sie China in Massen, die Rohstoffländer dürften jedoch kaum bereit sein, sich über Beteiligung an den Sanktionen von ihrem wichtigsten Kunden abzuschneiden.

Daher fokussiert sich die Sanktionsdebatte in den USA derzeit auf ein Gut, das der Westen kontrolliert und das alle Welt braucht: Hochtechnologie und insbesondere modernste Computerchips. Fast die Hälfte aller Chips weltweit produzieren die USA, knapp die andere Hälfte kommt aus Südkorea, Europa, Japan und Taiwan. Da Halbleiter eine Grundlagentechnologie sind, die für eine Unzahl von Industriegütern und Dienstleistungen benötigt werden, besitzt der Westen hier eine scharfe Waffe.

Doch nicht nur Wirtschaft und Haushalte brauchen hochleistungsfähige Chips, auch das Militär. In früheren Kriegen, so erklärt Smith, wurden Kriege durch überlegene Feuerkraft entschieden. Es zählte also die industrielle Leistungsfähigkeit eines Landes. »So haben wir den Zweiten Weltkrieg gewonnen.« Heute allerdings hängt die Effektivität des Militärs von Hochtechnologiewaffen ab, die – häufig aus sicherer Entfernung – direkt ins Ziel gelenkt werden. »Eine Waffe zehn Mal präziser zu machen bedeutet, ihre Zerstörungskraft vielleicht um das hundert- oder tausendfache zu erhöhen«, so Smith. Dazu braucht es moderne Chips, genauso wie für elektronische Kriegsführung, Satelliten, Kommunikation und so weiter. »Sie sind Teil der Kriegsökonomie.«

Die USA haben bereits eine Reihe von Beschränkungen für Hochtechnologieexporte nach China beschlossen und machen Druck auf andere Länder, ihnen zu folgen. »Wir müssen unsere technologische Überlegenheit sichern«, erklärte Alan F. Estevez vom US-Handelsministerium, »damit China uns oder seine Nachbarn nicht bedrohen kann.« Allerdings hat die Chip-Waffe ein Ablaufdatum, in einigen Jahren könnte China in der Lage sein, selbst Hochleistungschips zu produzieren.

Peking reagiert bereits auf die Bedrohungslage. Chen Wenling, Chefökonom des staatlichen Zentrums für internationalen Austausch, forderte kürzlich: Im Falle harter Sanktionen des Westens müsse China »Taiwan sichern«, vor allem den dortigen Chip-Riesen TSMC. Die US-Regierung ist daher dabei, ihre heimische Chipproduktion zu stärken, um unabhängig von Lieferungen aus Taiwan zu werden. Vergangene Woche beschloss der Senat den Chips Act, der 52 Milliarden Dollar für die Stärkung der heimischen Produktion bereitstellt. Konzerne, die diese Gelder in Anspruch nehmen, müssen allerdings eine Bedingung erfüllen: Sie dürfen nicht ihre Produktion moderner Chips in China erhöhen. Die EU ihrerseits will zur Erreichung ihrer »technologischen Souveränität« bis zum Ende der Dekade weltweit ein Fünftel der modernsten Halbleiter produzieren.

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