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Jubiläum mal anders

Uwe Tobias erklärt sein Leben auf den Straßen Berlins – zum 1000. Mal

Uwe Tobias auf einem seiner Rundgänge als ehemaliger Obdachloser.
Uwe Tobias auf einem seiner Rundgänge als ehemaliger Obdachloser.

Die Sonne strahlt am Mittwochvormittag auf die Spree, und Uwe Tobias strahlt auch, als er seine Gäste an der Sandkrugbrücke in Berlin-Mitte begrüßt. Gleich beginnt er seine Tour durch den Stadtteil, bei der er über seine Vergangenheit als Obdachloser erzählt und wichtige Orte seines damaligen Lebens auf der Straße vorstellt. Normalerweise sind die Teilnehmenden zum Beispiel Schulklassen, an diesem Tag aber sind es seine Freund*innen und Weggefährten bei Querstadtein, dem Verein, der unter anderem diese Touren organisiert. Es ist nämlich ein ganz besonderer Anlass: Uwe Tobias gibt seine 1000. Führung, und um das zu feiern, hat er eine eigene Jubiläumstour organisiert.

»Das hier ist kein Märchenbuch, sondern meine Geschichte, wie ich sie erlebt habe«, sagt Tobias eingangs. Er erklärt, dass die Sandkrugbrücke im ehemaligen Grenzgebiet zwischen Ost- und Westberlin liegt. Früher habe es unter der Brücke einen etwa vier Meter breiten Steg gegeben, an dem Grenzsoldaten patrouilliert haben. Nach Ende der DDR aber habe man auf diesem Steg schlafen können. »Da hab ich damals gelegen, unter der Brücke, nach der Grenzöffnung war das hier alles Brache. Und dort, die Treppe runter, die bin ich ein paarmal besoffen runtergefallen«, sagt Tobias.

Der gebürtige Berliner ist ganz in der Nähe, auf der Fischerinsel in Ostberlin aufgewachsen, wo er mit dem autoritären DDR-System viele Probleme hatte und schließlich nach einem Fluchtversuch über die Mauer im Gefängnis landete. Nach Haftaufenthalt und fünfjähriger Verbannung aus Berlin nach Eisenhüttenstadt kam er Anfang der Neunziger zurück nach Berlin und lebte siebeneinhalb Jahre in Obdachlosigkeit, erzählt der Stadtführer. Von der Sandkrugbrücke aus geht die Tour weiter zum Charité-Gelände. Tobias zeigt auf ein großes Haus: »Das Haus war nachts leer, aber es brannte immer Licht. Das haben wir uns dann mal genauer ansehen wollen.« In den 90ern habe es kaum Sicherheitsschlösser gegeben, deshalb habe er nicht mehr als drei Dietriche gebraucht, um jede Tür öffnen zu können, so Tobias. Fast ein Jahr habe er mit seinen Freunden im Charité-Gebäude übernachtet, erzählt er.

Der nächste Halt ist eine kleine Ecke des Monbijouparks, direkt an der Spree mit Blick auf das Bode-Museum. »Hier habe ich vier Jahre lang gelebt, da vorne auf der dritten Bank habe ich geschlafen, hier war mein Kühlschrank«, erzählt Tobias. Er zeigt ein kleines Netz, das er von seiner Oma habe. Er erklärt, wie er mit einem Fleischerhaken seine Getränke – Bier und Korn – ins Wasser der Spree gelassen habe zur Kühlung. Der ehemalige Alkoholiker erzählt, dass er durch eine medizinische Therapie trocken wurde, durch die Unterstützung von Sozialarbeiter*innen eine Wohnung fand und schließlich bei Querstadtein landete, wo er seit neun Jahren seine Führungen anbietet.

»Man muss über diese Erfahrungen sprechen können, sonst kriegt man Depressionen«, sagt Tobias. Es schmerze ihn, dass seine drei besten Freunde von damals nicht mehr leben. »Ich spreche hier auch für sie. Freundschaft ist mir sehr wichtig, man muss sich gegenseitig helfen«, sagt er. Ein Freund, den er bei Querstadtein kennengelernt hat, nimmt an diesem Mittwoch auch an der Jubiläumsführung teil. »Wir konnten uns am Anfang nicht leiden. Uwe mit seiner Stasiknast-Schädigung und ich als rote Socke und ehemaliges SED-Mitglied, wir hatten einen eher holprigen Start«, erzählt Klaus Seilwinder. Letztendlich hätten sie aber viel Verbindendes gefunden und seien nun unzertrennlich.

Uwe Tobias erzählt, dass er seit neun Jahren »mit Herz und Kopf« beim Verein Querstadtein dabei ist. Er habe zu seiner normalen Tour auch eine Tour für Kinder konzipiert, die interaktiver sei. »Ich möchte vor allem rüberbringen, dass es allen passieren kann, auf der Straße zu landen«, erklärt er den Zuhörer*innen.

»Uwe hat den Verein von Anfang geprägt und ist immer mit Leidenschaft dabei. Auf seinen 1000 Touren hat er mittlerweile ganze 20 000 Menschen erreicht, die ihn und seine Geschichte kennenlernen konnten«, sagt Vereinsvorständin Nandita Wegehaupt und bedankt sich bei Uwe Tobias für den großartigen Einsatz. »Am wichtigsten ist es mir, ich selbst zu sein und mir nichts gefallen zu lassen«, betont dieser zum Abschluss.

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