Henry, der Zentenar

Jahrhundertdiplomat Kissinger schreibt über »Staatskunst« und Putins Krieg

  • Von Reiner Oschmann
  • Lesedauer: 5 Min.
Ein Prösterchen auf die Staatslenkung in den Siebzigern: Kissinger, Ford und Schmidt im Weißen Haus
Ein Prösterchen auf die Staatslenkung in den Siebzigern: Kissinger, Ford und Schmidt im Weißen Haus

So wie Egon Krenz mit dem ersten Teil seiner Erinnerungen aktuell seine Wahrheit unters Volk zu bringen sucht, gibt Henry Kissinger mit »Sechs Lektionen für das 21. Jahrhundert« seine Wahrheit zum Besten – in diesem Fall zur »Staatskunst«, wie der Haupttitel seines neuen Buchs lautet. Damit enden die Ähnlichkeiten zwischen beiden. Nein, eine gibt es noch: Wenn Krenz und Kissinger auf dem Büchermarkt erscheinen, spalten sie das Publikum. Unweigerlich.

Dieses Polarisierungspotenzial will auch beim Buchbesprechen berücksichtigt sein. Wer Krenz rezensiert, weiß, dass von ihm keine Wahrheiten à la Kissinger zu erwarten sind – und umgekehrt. Trotzdem kann die Beschäftigung mit Positionen jenseits der eigenen anregend sein. Kissingers Buch jedenfalls ist auch linken Lesern nur zu empfehlen, obwohl die Widersprüchlichkeit dieses Großmeisters der Strategie legendär ist.

Kissinger ist in seinem 100. Lebensjahr, also auf dem Weg zum Zentenar. Er beriet seit Eisenhower (Amtszeit 1953 bis 1961) alle US-Präsidenten und hatte als Sicherheitsberater und Außenminister großen, nicht selten verheerenden Einfluss auf die internationale Politik. Er galt als Motor der Entspannungspolitik mit der Sowjetunion und China, der diplomatischen Voraussetzungen für einen Rückzug der USA aus deren Vietnam-Krieg und von Friedensfortschritten im ewigen Krisenherd Nahost. Aber Zeitzeugen wie der Investigativjournalist Seymour Hersh bezeichnen den Deutsch-Amerikaner, 1923 in einer jüdischen Familie in Fürth geboren und 1938 mit seinen Eltern vor den Nazis in die USA geflohen, wegen seines einstigen Vorgehens in Kambodscha, Laos, Vietnam und Bangladesch, gegen die Kurden, in Chile, Argentinien und Uruguay auch als Kriegsverbrecher.

Als agiler Zentenar blickt Kissinger in »Staatskunst« auf seine Laufbahn zurück sowie auf aktuelle Herausforderungen der Diplomatie. Schon vor Russlands Aggression gegen die Ukraine war das reizvoll. Mit dem vollzogenen Völkerrechtsbruch durch Präsident Wladimir Putin gewinnt das Buch an Brisanz, auch wenn der Hauptteil vor dem Ukraine-Krieg entstand. Im Schlusswort jedoch, das Kissinger unter dem Eindruck des russischen Überfalls (»dieser ungeheuerliche Verstoß gegen das internationale Recht«) erweiterte, schreibt er mit dem Blick des Historikers: »Die russische Außenpolitik übersetzt einen mystischen Patriotismus in ein imperiales Anspruchsgehabe, das aber mit einem dauerhaften Unsicherheitsgefühl verbunden ist, welches sich letztlich aus der seit langem empfundenen strategischen Verwundbarkeit für Invasionen über die osteuropäische Ebene ableiten lässt. In historischer Sicht haben die generell autokratischen Herrscher Russlands immer versucht, das riesige Territorium durch einen Sicherheitsgürtel rund um seine diffusen Grenzen zu schützen, und diese Priorität manifestiert sich auch in der Gegenwart wieder mit dem Angriff Russlands auf die Ukraine.«

Kissinger erzählt von seinen Begegnungen mit herausragenden Staatslenkern des 20. Jahrhunderts und porträtiert die folgenden sechs unter dem Blickwinkel ihrer Führungseigenschaften (im Original »Leadership«) sowie ihrer praktischen wie prophetischen Gaben: Konrad Adenauer (BRD), Charles de Gaulle (Frankreich), Richard Nixon (USA), Anwar el-Sadat (Ägypten), Lee Kuan Yew (Singapur) und Margaret Thatcher (Großbritannien). Entstanden ist eine lesenswerte und lesbare Studie über die Kraft der politischen Vision und – in den vielen persönlichen Bewertungen des Autors, der alle sechs gut kannte – das Vermächtnis des diplomatischen »Hundertsassas« Kissinger.

Die Gemeinsamkeit der sechs Personen besteht darin, dass sie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert wirkten und alle durch jene Erschütterung geprägt wurden, die Kissinger den Zweiten Dreißigjährigen Krieg nennt, die Weltkriegsperiode zwischen 1914 und 1945. Vor allem aber, so der Autor, sei ihnen gemein, dass sie anders als die Aristokraten des 18. und 19. Jahrhunderts wie Metternich und Castlereagh »meritokratische« Führungskräfte aus der Mittelschicht waren und nicht aus Geblüt, sondern aus eigener Anstrengung und mit Bildung, Disziplin, Selbstdisziplin und Durchsetzungsstärke aufstiegen. Egal wie der heutige Leser auf Adenauer und de Gaulle, Sadat oder die »Eiserne Lady« blickt, Kissingers Bekanntschaft mit diesen Personen und sein reiches Wissen zu Entwicklungsproblemen ihrer Länder bringen Lesegewinn.

Ob allerdings Nixon hier richtig ist? Auch im Rückblick muss man Adenauer, De Gaulle, Sadat und Lee Kuan Yew weder mögen noch zustimmen, um ihre Führungsstatur zu sehen. Nixon dagegen, bis zur Amtszeit Trumps wohl der schlechteste US-Präsident der Neuzeit, erfüllt sowohl charakterlich (Watergate) als auch hinsichtlich seiner – von Kissinger gestützten und teils entworfenen – räuberischen Außenpolitik auch mit viel gutem Willen kaum die Kriterien von Staatskunst, die der Buchautor anlegt.

Dass Nixon dennoch dabei ist, hat mindestens zwei Gründe: Kissinger, ehemals die rechte Hand Nixons, feilt als Zentenar auch an seinem eigenen Denkmal. Und für Kissinger, das wird im Buch mehrfach sichtbar, bedeutet Staatskunst im Einzelfall ohnehin weniger eine ethische als eine Kategorie von Macht und gegebenenfalls auch Machtmissbrauch. Kaum zufällig zitiert er gleich zu Beginn den britischen Historiker Andrew Roberts. Der rufe uns ins Gedächtnis, dass »Führung« allgemein zwar mit einer ihr innewohnenden Tugend verknüpft werde, »tatsächlich aber moralisch völlig neutral ist, ebenso fähig, die Menschheit an den Abgrund wie auch auf das sonnenbeschienene Hochland zu führen. Es ist eine Urgewalt mit entsetzlicher Kraft«.

So gesehen wäre es grundsätzlich nicht einmal ausgeschlossen, unter Kissingers »Staatskünstlern« womöglich gar auf Figuren wie Putin zu stoßen. Mindestens ebenso groß wie Kissingers Geschichtskenntnis war nämlich stets auch Kissingers Zynismus, etwa wenn er erklärte: »Wem es hauptsächlich um Werte geht, sollte nicht den diplomatischen Dienst, sondern das Priesteramt anstreben.« Oder wenn er fremden Diplomaten, die ihm die Vorzüge des Sozialismus anpriesen, schmunzelnd und mit kellertiefer Stimme beschied: »Der Kommunismus findet Zulauf nur dort, wo er nicht herrscht.« Dennoch: Seine Bereitschaft zu weitem Blick hat er über solche Sottisen nicht eingebüßt.

Das zeigt sich im Schlusswort, in dem er mit Blick auf die Folgen des jetzigen Kriegs erwartet, »die trianguläre Beziehung zwischen den Vereinigten Staaten, China und Russland« werde »letztlich wiederhergestellt werden – aber Russland wird angesichts der Demonstration seiner militärischen Grenzen in der Ukraine, der weit verbreiteten Ablehnung seines Vorgehens und der Reichweite und Wirkung der gegen das Land verhängten Sanktionen geschwächt sein. Aber es wird auch weiterhin über seine nuklearen und Cyber-Kapazitäten verfügen, die es zu Weltuntergangsszenarien befähigen.« Nicht direkt erbaulich, was der Doyen der Diplomatie da bereithält. Doch für alleinige Artigkeiten fühlte sich Kissinger noch nie zuständig.

Henry Kissinger: Staatskunst – Sechs Lektionen für das 21. Jahrhundert. Aus dem amerik. Engl. v. Henning Dedekind, Helmut Dierlamm, Karlheinz Dürr u. a. C. Bertelsmann, 603 S., geb., 38 €.

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