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Herr Nixon und der Cockerspaniel

Der sozialistische Filmemacher Emile de Antonio und die 400 Monate zu spät erschienene Zeitschrift »Filmkritik«

  • Von Stefan Ripplinger
  • Lesedauer: 3 Min.

In den 1960er Jahren war die »Filmkritik« die führende Filmzeitschrift in Westdeutschland. Im Gefolge von 1968 kam es zu einem Streit zwischen den unpolitischen und den politischen Mitarbeitern der Redaktion. Anders, als so etwas üblicherweise ausging, setzte sich um 1974 die politische Fraktion - mit Hartmut Bitomsky, Harun Farocki, Peter Nau und anderen - durch und übernahm für eine Dekade die Regie.

Von diesem Zeitpunkt an war die »Filmkritik« eine Zeitschrift, die weder dem Allerneuesten hinterherhechelte, noch sich im Gediegen-Historischen entspannte, sondern in Essays und Dossiers das Denken über Film und Politik vorantrieb. Mal begleitete man einen Film von Danièle Huillet und Jean-Marie Straub, mal unternahm man Tiefbohrungen im Kino von John Ford. Mal ging es um den Spanischen Bürgerkrieg, mal um Nazi-Kulturfilme. Mal schaute die gesamte Redaktion von morgens bis abends fern (und berichtete darüber), mal besuchte sie sämtliche Kinos in München. Ein so erfinderisches und reflektiertes Format gibt es in Deutschland seit 1984, als die Zeitschrift »Filmkritik« eingestellt werden musste, nicht mehr.

Was für ein Verlust ihr Untergang war, führt ein Heft vor Augen, das seinerzeit noch produziert worden ist, aber wegen Geldmangel nicht mehr gedruckt werden konnte, nun aber, mit einer »Verzögerung von 400 Monaten«, doch noch erscheint. Die dem Filmemacher Emile de Antonio gewidmete Nummer 335/336 der »Filmkritik« ist, sagen wir es kurz und altmodisch, ein Knüller.

Im Mittelpunkt des Hefts stehen die von Arno Luik aufgezeichneten Auskünfte des Filmemachers, der zugleich ein streitlustiger Erzähler ist. In dem finsteren Bergbauörtchen Scranton (Pennsylvania) aufgewachsen - »es war so primitiv wie im zaristischen Russland« -, ist ihm von Anfang an klar, dass etwas faul ist im Kapitalismus. Obwohl selbst ein Kind der Oberschicht, nimmt er Anstoß an der Ausbeutung, am Antisemitismus der Elite-Universitäten, an der Repression nicht nur der McCarthy-Ära. Mit den windigen Geschäftchen, die er macht, beweist er, dass aus ihm ein fabelhafter Unternehmer hätte werden können - allein, je besser er das Land und seine Ordnung kennenlernt, umso kommunistischer wird er auch. Mit 40 beginnt er, Filmessays zu drehen.

»Ich wollte eine politische, filmische Kunst mit den bescheidensten Mitteln machen. Ich bin ein amerikanischer Marxist«, erklärt er. Heftig teilt er in der »Filmkritik« aus gegen die Linksliberalen und ihr Feuilleton; beiläufig nennt er Susan Sontag ein »Scheusal«. Auch wenn sein Hass auf die Liberalen gelegentlich seltsame Blüten treibt, hat er seinen rationalen Grund doch darin, dass der Antikommunismus der Liberalen sie immer wieder die Schmutzarbeit der Rechten machen lässt. Und so wütend de Antonio auch ist, sein Stil bleibt kühl und sarkastisch. Ein Beispiel dafür ist »Im Jahr des Schweins« (1968), wohl der intelligenteste Film über den Vietnamkrieg. Zwar parteiisch, verzichtet de Antonio auf direkte Kommentare. Er stellt Dokumente gegeneinander. Wenn Richard Nixon, der erste Politiker, der das Fernsehen als Waffe benutzt, 1952 seine berühmte »Checkers«-Fernseh-Ansprache (über den Cockerspaniel der Tochter) hält, unterbricht ihn der Filmemacher in »Millhouse« (1971) nicht. Nur so tritt Nixons eigene Inszenierung zutage. De Antonio lässt den Mächtigen gegen sich selbst sprechen und agieren.

Jürgen Ebert schreibt in der »Filmkritik« über de Antonios Filme: »Wenn es die ewig verdrehte Wahrheit der Gerechtigkeitsidee ist, dass das Recht auf Seiten derer ist, die die Macht haben, dann hat diese Wahrheit vielleicht kein Gegenteil. Dann ist die absolute Gerechtigkeit selbst ein Vexierbild und bedarf es, um sich objektiv ins Recht zu setzen, jedes Mal nur wieder der Freiheit, nein zur Macht zu sagen.«

»Filmkritik«, Nr. 335/336, Themenheft Emile de Antonio, Brinkmann & Bose, Berlin 2018, 15 €.

Am 19. Juli um 20 Uhr stellt Felix Hofmann, Ex-Mitarbeiter der »Filmkritik«, seinen mit Harun Farocki gedrehten Film »Peter Lorre - das doppelte Gesicht« (BRD 1984) im Berliner Zeughauskino vor.

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