Islamisten und Rechte in einer Front

Marc Thörner schreibt über Dschihad und Rechtspopulismus

Warten auf die AfD und Marine Le Pen (oder umgekehrt): Die Moslembrüder, hier 2009 in Jordanien
Warten auf die AfD und Marine Le Pen (oder umgekehrt): Die Moslembrüder, hier 2009 in Jordanien

Die Machtübernahme der Taliban in Afghanistan nach dem Abzug der US-Truppen war für die meisten Beobachter in Europa und den USA ein Rückschritt: Statt rudimentärer demokratischer Verhältnisse hält am Hindukusch wieder die Scharia Einzug. Aber es gab auch andere Stimmen. Sie sprachen von »Bauern« und »Naturburschen«, die sich »ihr Land zurückgeholt, es von den Neoliberalen befreit« hätten. Diese Stimmen kamen aus dem ultrarechten Lager.

Manch einer mag sich da verwundert die Augen reiben: Islamisten und Ultrarechte aus dem Westen, wie geht denn das zusammen? Nicht so der Journalist Marc Thörner, der für sein neues Buch viele Interviews geführt hat: mit Alexander Gauland, dem sunnitischen Großmufti in Syrien und Kämpfern der schiitischen Hisbollah im Libanon. Er hat Originalwerke gelesen und lange mit dem dänischen Islamwissenschaftler John Møller Larssen gesprochen, der sich auf die Erforschung der ideologischen Schnittmengen dieser politischen Lager und entsprechende Textanalysen spezialisiert hat. Thörner führt die vielen Fäden seiner Recherchen zusammen und fördert dabei Namen wie die des nationalistischen Literaten Ernst Jünger und des Philosophen Martin Heidegger zu Tage – und hierzulande weniger bekannte wie den von Alexis Carrel.

Der französische Arzt ist bei den Le Pen-Anhängern in Frankreich populär. Er erhielt 1912 den Nobelpreis für Medizin, war Anhänger der Eugenik, betrachtete Frauen als minderwertige Wesen und folgte der Rassenlehre der Nationalsozialisten. Er war ein Gegner der Aufklärung und sah in ihr die Grundlage für den Niedergang der abendländischen Kultur, die für ihn auf der Macht traditioneller Eliten beruhte. Viele Passagen seines nichtmedizinischen Hauptwerkes »Der Mensch, das unbekannte Wesen«, finden sich später in den Schriften des Ägypters Sayyid Qutb wieder, der als Vater des modernen Dschihadismus gilt. Carrels und Qutbs gemeinsames Feindbild ist der Westen und alles, was diesen vermeintlich ausmacht: fehlende Mystik, Gleichberechtigung der Geschlechter, Religion als Wissenschaft, Homosexualität. Auch Carrels »Zellenkonzept kampfbereiter Männer« wurde von Qutb übernommen.

Qutb war der Gründer der Muslimbruderschaft. Er wurde 1966 in Ägypten hingerichtet. Aber sein jüngerer Bruder Mohammed Qutb lehrte an einer Universität in Dschidda in Saudi-Arabien und trug dort seine Ideen weiter – unter anderem an seinen Studenten Osama bin Laden, den späteren langjährigen Anführer des Terrornetzwerks Al-Kaida. Inspiriert von Carrel waren wohl auch religiöse Vordenker der iranischen Revolution und der erste von Khomeni ernannte Ministerpräsident nach dem Sturz des Schahs, der bei seiner Kritik an der Moderne und dem Westen den vermeintlichen Kronzeugen aus dem Westen zitierte: Alexis Carrel. Auch der deutsche Nationalist Ernst Jünger inspirierte die iranische Revolution. Sein Werk war Vorbild für das Buch »Verwestgiftung« des persischen Literaten Dschalāl Āl-e Ahmad, Pflichtlektüre bei den schiitischen Revolutionären.

Jünger und Carrel – beide sind Gegner der Aufklärung. Ihre Rezepte, das bringt Thörner gut auf den Punkt, liegen in der Vergangenheit und gründen auf elitären gesellschaftlichen Konzepten, mit denen sie die vermeintliche Gottlosigkeit des Westens überwinden und den »Spuk der Moderne entzaubern« wollen.

Thörner verbindet in seinem Buch tiefgründige Textexzerpte und spannende, mitreißende Reportagen. Während er im syrischen Bürgerkrieg in den zertrümmerten Stadtteilen von Damaskus und unterirdischen Gängen unterwegs ist, detonieren die Kartuschen. Abends im Hotel vertieft er sich dann in Jüngers Buch »Stahlgewitter«, in dem dieser seine Erlebnisse aus dem Ersten Weltkrieg festhielt – klare Feindbilder, Krieg und Kampf als Selbstzweck. Thörner begegnet Menschen, die sonst für Journalist*innen kaum zugänglich sind und beschreibt die Mittel der Manipulation, mit denen die syrischen Kriegsparteien ihr Handeln zu rechtfertigen versuchen. Seine Recherche, das wird an einigen Stellen deutlich, war für ihn eine emotionale Herausforderung. Das ist Thörners Stärke: die Fähigkeit, auch widersprüchliche Gefühle artikulieren zu können, ohne die politische Urteilskraft zu verlieren. Denn rechte Ideologien kennen weder religiöse noch kulturelle Grenzen.

Marc Thörner: Rechtspopulismus und Dschihad. Berichte von einer unheimlichen Allianz. Edition Nautilus, 184 S., br., 16 €.

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