Schluss mit den schlechten Nachrichten!

Täglich wird man mit schlechten News bombardiert. Konstruktiver Journalismus kann das ändern, findet Sheila Mysorekar.

  • Von Sheila Mysorekar
  • Lesedauer: 4 Min.
»Konstruktiver Journalismus«: Schluss mit den schlechten Nachrichten!

Einfach nur die Tagesschau einschalten oder mal aufs Handy gucken raubt einem sofort die Seelenruhe. Die Nachrichten lesen sich wie die Aufzählung der Plagen im Alten Testament: Brennende Wälder, vergiftete Flüsse, Pest und Cholera – beziehungsweise Covid und Affenpocken –, wahnsinnige Diktatoren, Gefechte in der Nähe von Atomkraftwerken und Flüchtende, die im Meer ertrinken. Okay, die Atomkraftwerke kamen im Alten Testament vielleicht nicht vor. Aber alles andere.

Entsprechend sinkt meine Motivation, mir täglich eine gepfefferte Dosis Depression reinzuziehen. Klar, ich möchte informiert bleiben. Aber Nachrichtenseiten auf dem Handy durchzulesen ist Doomscrolling, also das exzessive Beschäftigen mit schlechten Nachrichten, vom Härtesten. Ohne sekundäre Traumatisierung übersteht man nicht mal die Lokalnachrichten: Diese Woche wahlweise mit Fischsterben in der Oder und dem austrocknenden Rhein. Oder mit elf Polizisten in Dortmund, die einen minderjährigen senegalesischen Geflüchteten mit dem Maschinengewehr niedermähten. Alle elf Mann vergaßen dabei leider, ihre Bodycam anzumachen. Sorry, dumm gelaufen.

Die Nachrichten machen mich fertig. Man hat die Wahl, entweder umfassend informiert und völlig niedergeschmettert den Tag zu beginnen, oder gar keine Nachrichten zu konsumieren, aber mit einem dumpfen, unguten Gefühl düsterer Vorahnung zu leben.

Deswegen haben schon vor einigen Jahren findige Kolleg*innen im Ausland den »Konstruktiven Journalismus« entwickelt, der vor allem positive Geschichten erzählt, also von Menschen, die Probleme anpacken und neue Ideen entwickeln. Man berichtet über Start-ups, Bürgerinitiativen und Innovator*innen, so etwa wie der Kanal »Daily Good News«. Das stärkt das Gefühl der Menschen, dass sie durchaus etwas tun können. Und es motiviert die Leser*innen, aus eigener Kraft die Welt ein Stück besser und lebenswerter zu machen.

Das ist eine ausgezeichnete Idee. Konstruktiver Journalismus wird auch in deutschen Redaktionen zunehmend populärer. Er soll lösungsorientiert sein und die Menschen in den Mittelpunkt stellen. Das ist gut für die Demokratie und für unsere Psyche sowieso.

Der Haken ist nur, was verstehen wir unter »etwas Positives berichten«? Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) freut sich, wenn die Porsche-Aktien steigen. Dortmund-Fans freuen sich, wenn der FC Bayern verliert. Und umgekehrt. Ich habe mich sehr gefreut, als die Nachricht kam, dass Ferda Ataman zur neuen Antidiskriminierungsbeauftragten gewählt wurde. Nazis fanden das richtig blöd. Wie also definieren wir »positiv«?

Konstruktiver Journalismus versucht, Geschichten von Menschen zu erzählen, die auch in schwierigen Situationen gute Lösungen finden, ohne viel Geld, aber mit kreativen Ideen. Zum Beispiel aus Bananenschalen Verpackungsmaterial herzustellen, so dass man auf umweltschädliches Styropor verzichten kann. Erfolgsgeschichten zum Aufmuntern und Nachmachen.

Wir müssen nur achtgeben, dass diese positiven Stories den Journalismus nicht entpolitisieren. Es ist absurd, fröhliche Geschichten aus Gaza oder der Westbank zu publizieren, wo fröhliche Menschen mit positiver Haltung ihre zerstörten Häuser wieder aufbauen. Sicher ist das gut für sie, aber Journalismus muss kritisch sein, einordnen, den Kontext liefern. Wir müssen erfahren, warum diese Häuser zerstört wurden und von wem, und worum es dabei geht. Und dann kann man sich darüber freuen, wenn diese Menschen ihre Häuser aus eigener Kraft wieder aufbauen.

Die Frage ist auch, ob lösungsorientierter Journalismus nur über individuelle Anstrengungen berichtet oder auch über kollektive Ansätze. Wenn Menschen zu arm sind, um ihre Wohnung zu heizen, ist es da zielführend, über innovative Wege zu berichten, die Wohnung zu isolieren und Wärme zu sparen? Oder wäre es nicht viel lösungsorientierter, Menschen dazu aufzurufen, vor dem Finanzministerium oder vor den Energieversorgern zu demonstrieren, um eine Lösung für alle herbeizuführen?

Die Probleme sind nicht individueller Natur, also brauchen wir auch keine individuellen Lösungsansätze, sondern gemeinschaftliche und gesellschaftliche Änderungen. Darüber sollte man berichten, denn das stärkt Menschen, die in schwierigen Situationen sind.

Zur Motivation hier ein paar positive Beispiele, die auch Menschen hierzulande inspirieren könnten: Generalstreiks. Aufstände. Und, warum nicht: Revolutionen.

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