Flüsse und Wassertiere sind dehydriert

Am Rhein wird der angekündigte Regen herbeigesehnt. Durch die Dürre drohen massive Umweltschäden und ökonomische Ausfälle

  • Von Christoph Ruf, Karlsruhe
  • Lesedauer: 4 Min.

Am Mittwochmorgen, so gegen 8.30 Uhr, ist es passiert: Ein paar Tropfen fielen in Karlsruhe, die aber nicht einmal die Straße bedeckten. Der kaum spürbare Nieselregen über Baden war im Rheingraben einer der ersten Niederschläge seit Mai. Hier an der deutsch-französischen Grenze haben Wetterstationen im gesamten Juli einen halben Liter Niederschlag pro Quadratmeter gemessen.

Die morgendlichen Tropfen waren dann auch nicht der Rede wert: Schon kurz danach fühlten sich die strohgelben Grashalme in den Grünanlagen wieder komplett trocken an. Die Hunde, die übers Terrain spurteten, wirbelten dicke Staubwolken auf. Wenige Tropfen sind für heiße Steine eben das gleiche wie für dürre Parkanlagen und austrocknende Flüsse: Sie fallen nicht ins Gewicht.

Am Wochenende sah man am Rheinufer bei Karlsruhe eine Szenerie, wie sie auch Mitte August in einem x-beliebigen anderen Jahr zu beobachten gewesen sein könnte: federballspielende Pärchen, Rentnerinnen, die im Liegestuhl ihr Nickerchen machen, und fröhlich schwitzende Menschen aller Altersklassen, die sich im Biergarten des Restaurants »Zollhaus« ein Hefeweizen schmecken ließen. Doch wer auf den Fluss hinausblickte, konnte sehen, was derzeit nicht stimmt. Abgesehen von dem markanten Geruch nach Algen, die in der Gluthitze vor sich hinschmurgeln, natürlich. Der Rhein, an guten Tagen ein reißender Strom, in den nur Wahnsinnige ihren Fuß halten würden, hat sich meterweit zurückgezogen. Weiße, kalkige Steinflächen sind dort, wo im Mai und Juni noch Wasser war. Ein paar Meter vom Ufer entfernt stehen Menschen knietief im Wasser, aus dem an verschiedenen Stellen blanke Kies-Inseln auftauchen. Das Schild »Außer Betrieb – Niedrigwasser«, das hier seit ein paar Tagen hängt, hätte es gar nicht gebraucht: Die Vorstellung, dass die große Passagierfähre, die hier zwischen dem badischen Neuburgweier und dem pfälzischen Neuburg verkehrt, noch genug Wasser unterm 110 Zentimeter tief gelegenen Kiel haben könnten, wäre absurd.

Nach Angaben der Hochwasservorhersagezentrale in Karlsruhe ist in den vergangenen vier Wochen der Rhein-Abfluss von rund 1000 auf zuletzt 454 Kubikmeter pro Sekunde zurückgegangen. Das ist der niedrigste Wert für Anfang August seit 40 Jahren. Rheinabwärts sieht es entsprechend aus. Bis zu einem Pegel von 1,60 Metern bei Speyer fährt die Rheinfähre in Rheinhausen noch. Die sind noch nicht ganz erreicht. Weiter nördlich, im Weinörtchen Nierstein, fährt längst keine Fähre mehr. Und der Normalwasserstand des Rheins bei Köln liegt bei 3,21 Meter, am Sonntag lag er bei 75 Zentimetern. Der Rhein fährt jedes Jahr Niedrigwasser: Aber erst Ende August, Anfang September. Und nicht so früh wie im Jahr und auch meist nicht so extrem wie in diesem Sommer. Wobei: Rekord-Niedrigwasser herrscht bislang noch nicht, auch wenn man das kaum glauben mag. 2018 standen die Pegel noch niedriger.

Dabei ist die außerordentliche Trockenheit in diesem Sommer ein Phänomen, das weite Teile Europas betrifft. Auch die nord- und mittelitalienischen Flüsse oder die Loire führen kaum noch Wasser. In Bulgarien und Rumänien wurde bereits die Donau ausgebaggert, um noch Schifffahrt gewährleisten zu können. Längst fahren auch hierzulande die Frachter mit einer deutlich reduzierten Fracht. Wenn das Mittelrheintal, dessen Fahrrinne wohl erst 2030 ausgebaggert und vertieft wird, nicht mehr zu befahren ist, hätte das gravierende Folgen für manche Industriezweige, denn Produktionsstandorte vieler Industriekonzerne von Thyssen-Krupp über RWE bis BASF liegen am Rhein. Allein der Ludwigshafener Chemiekonzern verschifft 4,5 Millionen Tonnen Rohstoffe und Produkte auf dem Wasserweg. Aktuell nutzt er spezielle Niedrigwasser-Schiffe, die noch fahren können.

Doch die ökonomischen Ausfälle sind nicht die einzigen negativen Folgen von Rekordhitze und niedrigen Pegelständen. Derzeit ist die Wasserqualität vor allem in kleineren Flüssen so miserabel, dass höchste Gefahr für Fische und andere Wassertiere besteht. Aufgrund des hohen Anteils an Algen und Wasserlinsen in den kaum mehr mit Frischwasser versorgten Gewässern steigt auch die Anzahl der Bakterien. Zudem fehlt Rotwild und Wildschweinen seit Wochen der morgendliche Tau.

Kurzum, derzeit sind am Oberrhein nicht nur die Flüsse, sondern auch Tiere und Pflanzen völlig dehydriert. Immerhin: Für Donnerstag war für Karlsruhe und die gesamte Region nennenswerter Regen angekündigt. Aber mehr als leicht steigende Pegelstände werden aktuell nicht erwartet.

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