Papierner Waffenstillstand

Die Kämpfe im Jemen gehen trotz Stillhalteabkommen weiter

  • Von Oliver Eberhardt
  • Lesedauer: 4 Min.
Kampfbereit: Angehörige der jemenitischen Regierungstruppen sind in einem Fahrzeug im Bezirk Harad in der Provinz Hajjah im Nordwesten des Jemen unterwegs.
Kampfbereit: Angehörige der jemenitischen Regierungstruppen sind in einem Fahrzeug im Bezirk Harad in der Provinz Hajjah im Nordwesten des Jemen unterwegs.

Eine Waffenruhe in Jemen gibt es nur pro forma. Kämpfe gibt es derzeit vor allem rund um die Stadt Taiz und im Süden des Landes. Und längst spielt sich dieser Krieg nicht nur zwischen den vom Iran unterstützten Huthi-Milizen und der von Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten unterstützten Regierung ab. Auch örtliche Gouverneure und bewaffnete Klein-Gruppen geraten zunehmend mit Regierungstruppen aneinander und oft auch untereinander.

Die Zahl der Milizen und bewaffneten Banden ist so unübersichtlich, dass selbst das Team des Uno-Sondergesandten für den Jemen, Hans Grundberg, nicht benennen kann, wie viele es sind, wie sie heißen und welche Ziele sie verfolgen.

Am 2. April trat eine Waffenruhe zwischen den wichtigsten Kriegsparteien in Kraft. Fünf Tage später übergab Präsident Abed Rabbo Mansur Hadi sein Amt an einen achtköpfigen Präsidialrat unter Führung von Raschad al Alimi, der bis dahin Hadis wichtigster Berater war.

Anfang August wurde die Waffenruhe dann unter Vermittlung der Vereinten Nationen um weitere zwei Monate verlängert. Doch beendet ist dieser Krieg damit nicht: Mindestens 1700 Kampfhandlungen haben die Vereinten Nationen in diesen vier Monaten gezählt, wobei man keine Statistik über die Auseinandersetzungen führt, an denen die Houthi nicht beteiligt sind. Lieber verweist man auf die Erfolge: Zwischen April und August seien 26 Öltanker in den Hafen von Hodeidah am Roten Meer eingelaufen. Auf dem Flughafen der von den Huthi kontrollierten offiziellen Hauptstadt Sana’a seien jeweils 36 zivile Flüge mit insgesamt 8000 Passagieren gestartet und gelandet. In diesem Zeitraum sei auch die Zahl der zivilen Opfer um 60 Prozent und die Zahl der Binnenflüchtlinge um 50 Prozent gesunken.

Es war vor allem diese neue Realität, die es US-Präsident Joe Biden ermöglichte, sich im Juli in Saudi-Arabien mit dem Kronprinzen Mohammad bin Salman zu treffen. Zudem war die Waffenruhe für die saudische Regierung auch die ideale Gelegenheit, sich ohne Gesichtsverlust aus dem aus ihrer Sicht erfolglosen und extrem teuren Krieg zurückzuziehen. Zusammen mit den Vereinigten Arabischen Emiraten hatte die saudische Luftwaffe, versehen mit Zielinformationen aus den USA, jahrelang Ziele in den Huthi-Gebieten bombardiert. Dabei wurden immer wieder auch bevölkerte Märkte und andere zivile Einrichtungen getroffen.

Ein erheblicher Teil der gewaltsam ums Leben gekommenen Menschen im Jemen geht auf diese Angriffe zurück, was in den vergangenen Jahren auch für massive, parteiübergreifende Kritik im US-Kongress sorgte: Dort forderte man die Einstellung der US-Unterstützung für die Angriffe.

Schaut man sich die Aussagen der Vereinten Nationen an, fällt auf, dass die Zahl der zivilen Opfer nur die direkt durch Kämpfe ums Leben gekommenen Menschen umfasst. Tatsächlich ist es aber schon seit Jahren so, dass weit mehr Menschen an Hunger, Fehl- und Mangelernährung sowie Krankheiten sterben. Und diese Zahl hat sich in den vergangenen Monaten nach Angaben des Roten Halbmonds stark erhöht.

Ungefähr 20 Millionen der 29 Millionen Einwohner sind von Nahrungsmittelhilfen der Uno abhängig. Doch die leidet unter dem schwersten Geldmangel in ihrer Geschichte: Von den knapp 50 Milliarden US-Dollar, die weltweit für die Unterstützung notleidender Bevölkerungen benötigt werden, wurden bislang 15 Milliarden zugesagt. Für den Jemen hat die internationale Gemeinschaft bislang nur 29 Prozent der angepeilten 4,2 Milliarden US-Dollar zur Verfügung gestellt. Gleichzeitig sind die Preise für die benötigten Nahrungsmittel massiv gestiegen. Die Folge: Nur noch einem Teil der Menschen kann überhaupt geholfen werden.

Verschärft wird die humanitäre Katastrophe durch eine extreme Hitzewelle im Juli, auf die Überschwemmungen folgten, die Brunnen mit Krankheitserregern verunreinigten. Nicht jeder Landesteil ist gleich betroffen, und viele versuchen, in Regionen mit ausreichender Nahrungsmittelversorgung zu flüchten, wo sie allerdings immer seltener willkommen sind, denn das schlechte Wetter gefährdet auch dort die Ernten.

Die Verhandler der Uno hoffen darauf, dass auf die Waffenruhe ein Waffenstillstand folgen wird. Grund für die Unterscheidung ist vor allem, dass man nicht von einem Scheitern sprechen muss, wenn es zu Kämpfen kommt. Zuerst wolle man Vertrauen aufbauen, das dann einen kompletten Stillstand ermöglichen soll. Doch eine Antwort darauf, wie man den Menschen über Hunger oder Krankheiten hinweghelfen könnte, hat derzeit niemand.

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