Überflüssige Impfdebatte

Zu einem zweiten Booster gibt es medizinisch kaum offene Fragen

Für Ältere wird die vierte Impfung gegen Covid-19 empfohlen.
Für Ältere wird die vierte Impfung gegen Covid-19 empfohlen.

Das neuartige Coronavirus ist in Deutschland längst heimisch geworden. Die meisten Bürger scheinen sich damit arrangiert zu haben oder sogar in Kontakt mit irgendeiner Sars-CoV-2-Variante gewesen zu sein. Eine gewisse Gelassenheit oder Sorglosigkeit angesichts des verbesserten Immunstatus ist eingezogen, zumal jeder weiß, wie er sein individuelles Risiko minimieren kann. Doch bezüglich der Frage des Impfens herrscht, auch wenn die hitzige politische Kontroverse längst abgeklungen ist, mehr Verwirrung denn je: Soll ich mich zum vierten Mal impfen lassen? Und mit welchem Impfstoff? Für wen ist das überhaupt sinnvoll? Und muss ich das jetzt schon alle drei Monate tun? Dies alles treibt viele Menschen um: 51,5 Millionen Bundesbürger sind dreifach geimpft, 6,9 Millionen haben eine vierte Impfung.

Dass so viel Unklarheit besteht, könnte an einer schlechten Aufklärungsarbeit durch die zuständigen Stellen liegen. Der Epidemiologe Klaus Stöhr, der dem Expertenrat der Bundesregierung angehört und sich in den vergangenen Jahren gerne als Kritiker des Corona-Managements hervortat, spricht von einer »schlechten Krisenkommunikation« insbesondere durch Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD). Erst habe »dieser die vierte Impfung für alle empfohlen« und jetzt versuche er zurückzurudern. Lauterbach beteuert zwar, dies so gar nicht gemeint zu haben. Nun springt aber Frank Ulrich Montgomery, Chef eines internationalen Ärzteverbandes, in die Bresche und möchte auch Jüngere impfen, deren dritte Impfung mehr als sechs Monate zurückliegt.

Mit Empfehlungen für Impfungen haben indes weder Politiker noch Ärztefunktionäre zu tun, das ist Sache der Ständigen Impfkommission (Stiko). Diese riet zunächst allen über 70-Jährigen zu einer vierten Impfung. Das galt auch für Bewohner in Pflegeeinrichtungen, für Tätige in medizinischen Einrichtungen sowie für Personen ab fünf Jahren mit einer Immunschwäche. Stiko-Empfehlungen sind Grundlage der Impfstoffbeschaffung und dienen als Entscheidungsrahmen für Ärzte und Privatleute. Anderen Personen ist es natürlich nicht untersagt, sich ebenfalls impfen zu lassen, aber das geschieht nur in Rücksprache mit dem Arzt. Dieser dürfte Bescheid wissen: »Der Fokus sollte jetzt auf den Gefährdeten liegen, gerade auch weil sich bisher deutlich zu wenige von ihnen zu einer vierten Impfung entschlossen haben«, sagt der Bundesvorsitzende des Deutschen Hausärzteverbandes, Ulrich Weigeldt.

Während der Pandemie gab es indes immer wieder teils lautstarken Druck von Politikern auf die Stiko, ihre Empfehlungen zu revidieren. Das aus Ehrenamtlern bestehende Gremium tagt nicht ständig, und die für ihre Gewissenhaftigkeit bekannten Experten müssen sich durch zahlreiche Studien kämpfen, diese bewerten und dann zu einem Ergebnis kommen. Das dauert eben. Zuletzt deuteten mehrere Studien aus Israel, den USA und Schweden darauf hin, dass die erneute Auffrischung mit einem mRNA-Vakzin zumindest ab 60 besser als bisher gedacht vor schwerem Krankheitsverlauf schützt. Nach mehreren EU-Medizinbehörden erweiterte vor wenigen Tagen nun auch die Stiko ihre Empfehlung auf die Gruppe der 60- bis 69-Jährigen.

Auch bezüglich des Impfabstands gibt es klare Vorgaben der Stiko: Bei Personen mit besonders geschwächtem Immunsystem, darunter den über 70-Jährigen, lässt schon nach drei Monaten der Impfschutz nach, so dass dann der zweite Booster fällig wird. Bei allen anderen sollte der Abstand zwischen dritter und vierter Impfung mindestens sechs Monate betragen – je größer der Abstand, desto besser wird das Immunsystem stimuliert, wissen Virologen.

Wer also nicht zur Hochrisikogruppe gehört, kann den richtigen Impfzeitpunkt von der Infektionslage abhängig machen. Die meisten Virologen und Epidemiologen rechnen schon wegen der jahreszeitlichen Effekte mit einem deutlichen Anstieg der Fallzahlen ab dem Herbst. Ob dann eine weitere Omikron-Subvariante vorherrscht, die trotz hoher Inzidenzen die Intensivstationen der Krankenhäuser vor keine echten Probleme stellt, oder ob eine etwas gefährlichere Variante die Runde macht, kann niemand seriös vorhersagen. Letzteres ist unwahrscheinlich, aber nicht auszuschließen.

Im Herbst könnte die Nachfrage nach Impfstoffen wieder deutlich zunehmen. Zuletzt waren die Covid-Vakzine Ladenhüter, und es mussten Millionen Impfstoffdosen vernichtet werden. Ein Grund dafür ist, dass die aktuell vorherrschende Variante BA.5 den Immunescape perfektioniert hat. Weder die aktuellen Impfstoffe noch eine frühere Infektion bieten nennenswerten Schutz vor symptomatischer Infektion, wie die jüngste Sommerwelle zeigte. Carsten Watzl, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, rät, »mit der vierten Impfung zu warten«. Seine Hoffnung richtet sich auf neue, angepasste Impfstoffe, mit deren Zulassung ab September/Oktober gerechnet wird. Allerdings wurden diese auf eine frühere Omikron-Variante ausgerichtet, weshalb die Wirkung auch nicht allzu gut sein könnte. Eine Alternative wären »bivalente« Impfstoffe von Moderna und möglicherweise auch Biontech, die sich gegen den ursprünglichen Wuhan-Typ und eine Omikron-Variante richtet. Einige Virologen hoffen, dass dadurch eine breitere Immunreaktion angeregt wird, die auch andere Varianten abgreifen könnte. Stiko-Chef Thomas Mertens rät indes den Hochrisikogruppen, auf keinen Fall auf neue Impfstoffe zu warten, zumal es bisher »keine Untersuchung zur tatsächlichen Schutzwirkung gibt«.

Da viele schon viermal geimpft sind, stellt sich die Frage, ob man sich bald zum fünften, sechsten etc. Mal impfen lassen soll. Onur Boyman, Infektiologe vom Universitätsspital Zürich, meint, »zumindest Menschen mit hohem Risiko könnten von häufigeren Booster-Impfungen profitieren«. Wenn dies jedoch allzu viele und allzu oft machen, könnte ein Effekt entstehen, der »Originalantigen-Sünde« genannt wird: Eine starke Immunität gegen eine bestimmte Variante des Virus würde das Immunsystem so prägen, dass »es schlecht gegen eine neue Variante reagiert«, erläutert der Immunologe Andreas Radbruch, der das Deutsche Rheuma-Forschungszentrum Berlin leitet. Sprich: Das Immunsystem erkennt nur noch den alten Wuhan-Typ, der in der Realität gar nicht mehr vorkommt. »Es bleibt abzuwarten, ob sich dieser Effekt auch durch zu viel ›blindes‹ Boostern einstellen wird, und bei wem.« Wohl auch deshalb machte die Weltgesundheitsorganisation vor wenigen Tagen deutlich, dass es keine Empfehlung für eine regelmäßige Auffrischung alle vier bis sechs Monate gebe.

Unnötige Verwirrung stiftete zuletzt auch der Entwurf für das neue Infektionsschutzgesetz. Hier ist von einer Impfkampagne im Herbst die Rede, ohne dass diese irgendwie konkretisiert wird. Hingegen ist vorgesehen, dass Menschen mit Impfung vor nicht mehr als drei Monaten von einer möglichen Maskenpflicht in Innenräumen ausgenommen werden. Diese medizinisch nicht begründbare Regelung könnte also genau jenes »blinde Boostern« fördern, das die Wirkung der Impfung in ihr Gegenteil verkehren könnte.

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