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Auf der Suche nach einem Impfstoff für den Weihnachtsmann

Das Meißner Haus bei Innsbruck ist ein Treffpunkt für Familien mit Kindern

Die Meißner Hütte ist idyllisch gelegen.
Die Meißner Hütte ist idyllisch gelegen.

Die Liebe zu den Bergen verdankt Sven Deppe seinen Großeltern. »Mit denen war ich als Kind immer wieder beim Wandern«, erinnert er sich, »und nachdem ich das Buch ›In eisige Höhen‹ von John Krakauer gelesen hatte, war mein weiterer Weg quasi vorgegeben.« Nach der Ausbildung zum Bankkaufmann nutzte er die Chance, an den Tegernsee zu wechseln – und damit den Bergen ganz nah zu sein. Einerseits ging ein Traum in Erfüllung, andererseits »war das ganz schön frustrierend – da saß ich bei schönstem Wetter im Büro und konnte nur aus dem Fenster schauen«, blickt er zurück, »und am Wochenende stehst du in der gleichen Autoschlange wie alle anderen auch.«

Nach drei Jahren zog er die Reißleine und bewarb sich mit seiner damaligen Freundin auf der Tegernseer Hütte. Mit Erfolg. Nach drei weiteren Jahren war es genug mit der Hüttenausbildung und Zeit für eine eigene Hütte. Gesucht wurde ein ganzjährig geöffneter Stützpunkt, wobei der nicht über der Waldgrenze liegen sollte. »Wir wollten zwar in die Berge, aber schon noch etwas Natur im Sinn von Bewuchs um uns herum«, erklärt Sven. »Wir haben uns dann das Meißner Haus angeschaut und schnell gesehen, dass die Hütte perfekt zu uns passt – du bist in einer halben Stunde in Innsbruck und gleichzeitig kriegen wir nichts von der Stadt mit, da uns der Patscherkofel ganz gut abschirmt.«

Man könnte auch sagen, das im Jahr 1926 erbaute Meißner Haus verstecke sich regelrecht hinter dem Patscherkofel. Von der Hütte im einsamen Viggartal sieht man vor allem Wald, nur talauswärts zeigen sich zwischen den Bäumen ein paar Gipfel der Stubaier Alpen – für eine Hütte in den Bergen ist die Aussicht dürftig. Oder wie Sven sagt: »Der direkte Ausblick ist ja nicht der allerspektakulärste, aber das Meißner Haus ist halt ein wunderschöner Ausgangspunkt.« Und das Gebiet ist trotz der Nähe zu Innsbruck überraschend einsam. Die Hütte selbst ist zwar ein beliebtes Ausflugsziel, vor allem für Mountainbiker, doch die Gipfel über dem Viggartal werden eher selten bestiegen. »Wenn du an den Blauen Seen entlang Richtung Kreuzspitze gehst, dann triffst du im Hochsommer mal drei, vier Leute«, erzählt Sven, »das war’s dann aber auch. Wir liegen an keinem Weitwanderweg, sondern wir sind eine Standorthütte und Ausgangspunkt für weniger bekannte, aber dennoch sehr schöne Gipfeltouren.«

Dennoch ist das Meißner Haus mehrere Wochen im Jahr ausgebucht. Zu verdanken ist das dem Wunsch der Sektion »etwas mit Familien zu machen«. Für Sven Deppe war die Vorgabe kein Problem. »Den Sommer 2006 haben wir genutzt, um uns mit der Gegend vertraut zu machen«, erzählt er, »dabei haben wir schnell erkannt, dass das Gebiet ideal für Familien ist.« Ein Jahr später starteten die Bergferien für Familien, die anfangs im Zwei-Wochen-Rhythmus stattfanden – und mittlerweile aufgrund des Erfolges in den Pfingst- sowie den kompletten Sommerferien angeboten werden. Mittlerweile gibt es sogar einen Ableger im Winter.

Mehrere Hütten des Alpenvereins nehmen an dieser Aktion teil, doch Sven Deppe auf dem Meißner Haus setzt die Idee geradezu vorbildlich um. Der Schlüssel zum Erfolg war die Planung als Gesamtgeschichtenerlebnis, wobei sich das Thema als roter Faden durch die ganze Woche zieht. Neben Erdmännchen, die von Afrika ausgewandert sind und im Viggartal neue Behausungen bauen wollten, gab es als Aufhänger auch Steinriesen, König Serles oder Kaiser Maximilian. Ein Höhepunkt der vergangenen Jahre war die Geschichte mit dem Yeti aus dem Himalaja. Auf der Suche nach einer Frau war er schon überall, hier im Viggartal hoffte er, endlich sein Glück zu finden. Und um die Yeti-Frau zu beeindrucken, hat er sogar einen Schatz mitgebracht und versteckt.

Wie kreativ Sven und seine Helfer sind, zeigte sich im Sommer 2020, in dem das Thema Corona erstmals das beherrschende Thema war – und natürlich auch in den Bergferien eine Rolle spielte. Diesmal strandeten die Weihnachtswichtel auf der Rückreise vom Sommerurlaub im Viggartal – nach Hause konnten sie nicht, um den Weihnachtsmann keinesfalls mit Corona zu infizieren. Um Weihnachten zu retten, mussten die Kinder Medizinzutaten suchen für einen Impfstoff für den Weihnachtsmann. »Die Geschichte ist gut angekommen«, freut sich Sven noch heute, »die Kinder bastelten etwa aus Moosen und Blättern vom Sauerampfer einen Mund-Nasen-Schutz für den Weihnachtsmann und waren dabei ganz schön kreativ.«

Für die Kinder gibt es bei den Bergferien jeden Tag eine Aufgabe, sodass sie immer mit Begeisterung zu den Wanderungen aufbrechen. Spannend ist auch der Tag mit einer Biologin, an dem der Nachwuchs mit Riesenkeschern über die Blumenwiesen jagt und dabei alles Mögliche fängt – und anschließend in der Becherlupe neugierig begutachtet. Und falls das Wetter für Outdoor-Beschäftigungen doch einmal zu schlecht sein sollte, dann startet Indoor eine Hüttenolympiade. »Also Spiel und Spaß in der Hütte mit Geschicklichkeitslauf, Fichtenzapfen tragen, Holzklötzchen stapeln und Rosinen mit dem Strohhalm picken«, erklärt Sven, »dabei kann es schon mal laut werden.« Nach Lösung aller Aufgaben gibt es zur Belohnung eine Schatzkarte, mit der sich die Kinder am letzten Abend der Woche in der Hüttenumgebung auf Schatzsuche begeben. »Für viele einer der Höhepunkte der Woche«, weiß Sven, »denn der Schatz besteht natürlich aus kulinarischen, kindgerechten Leckereien.«

Sven Deppe ist mit Herzblut bei der Sache, als Hüttenwirt und als Organisator der Familienbergferien. »Das Tolle an den Familienbergferien ist ja auch, dass ich als Hüttenwirt die Gäste besser kennenlerne«, erzählt er begeistert, »im Grunde verbringe ich mit ihnen deren Ferien – dabei haben sich schon viele Freundschaften ergeben.« Andererseits ist das natürlich ein Full-Time-Job, denn Sven begleitet die Gäste eine komplette Woche von früh bis spät, selbst beim Abendessen ist er mit dabei – »und abends sitzen wir oft lange zusammen, spielen Karten und erzählen uns irgendwelche Geschichten«. Nach einem anstrengenden Sommer freut er sich daher schon auf eine kleine Pause, »doch nach so zwei Wochen könnte es schon wieder losgehen«.

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