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Belgien sieht bei der Spanien-Rundfahrt rot

Die Führung des 22-jährigen Radprofis entzückt seine Landsleute

  • Von Tom Mustroph, Tomares
  • Lesedauer: 5 Min.
Wackelt, aber wehrt sich: Remco Evenepoel
Wackelt, aber wehrt sich: Remco Evenepoel

Der Radsport ist neuerdings ein Festival der Jungen. Egan Bernal gewann mit 22 Jahren seine erste Tour de France. Tadej Pogacar war noch 21, als er das erste Mal in Frankreich gewann. Für beide war es die jeweils zweite Grand Tour. Und jetzt schickt sich der nächste Jungspund an, beim zweiten Antritt im Alter von auch nur 22 Jahren die Spanien-Rundfahrt zu gewinnen – und ganz Belgien liegt im Erwartungstaumel. Denn der letzte Rundfahrtsieg eines Landsmannes liegt 44 Jahre zurück. Johan de Muynck gewann 1978 den Giro d’Italia.

Der Druck auf den nur halb so alten Remco Evenepoel ist groß. Er hält ihm bislang aber stand. Und er gestaltet Vuelta ganz nach seinen Plänen. Anderthalb Wochen lang dominierte er zunächst das Rennen. Auf den steilen Rampen des Baskenlandes nahm er dem Favoriten Primoz Roglic mehrfach Zeit ab. »Das ist das beste Rennen, das ich je gefahren bin«, sagte er voller Stolz nach der sechsten Etappe. Da hatte er mit permanentem Druck auf die Pedale erst die Favoritengruppe ausgedünnt und dann noch eine Schippe drauf gepackt. Nur der spätere Bergkönig Jay Vine, der etwas früher attackiert hatte, blieb außer Reichweite bei diesem Parforceritt des Belgiers und sicherte sich den Etappensieg. Roglic hingegen verlor mehr als eine Minute.

So ging es auf den folgenden Etappen weiter. Und beim Zeitfahren vor einer Woche musste Evenepoel einen neues starkes Attribut zur Charakterisierung seiner Leistung bemühen. »Puh, das ist enorm«, entfuhr es ihm, als ihm der Rückstand von 48 Sekunden, den Roglic an diesem Tag auf ihn hatte, bekanntgegeben wurde. Das rote Trikot saß zu diesem Zeitpunkt so fest auf seinen Schultern, dass kaum vorstellbar war, dass jemand anderes diese Rundfahrt gewinnt.

Das Blatt wendete sich etwas in den Bergen Andalusiens. Roglic wurde offenbar seine Rückenbeschwerden los, die ihm seit dem Sturz bei der Tour de France zusetzen. Er fuhr ein extrem offensives Rennen auf der Sierra de La Pandera und holte die 48 Sekunden wieder zurück, die er beim Zeitfahren verloren hatte. Tags darauf, am Sonntag, verkürzte er in der Sierra Nevada seinen Rückstand um weitere 15 Sekunden. Das Rennen war wieder spannend. Zugutehalten muss man Evenepoel allerdings, dass er selbst in einer Schwächephase noch standhält. Er wackelt, sein Team ist auch nicht das stärkste, aber er wehrt sich. Und er zeigt, dass er das Zeug zu einem großen Rennfahrer hat. Denn Größe zeigt sich nicht im Sonnenlicht allein. Viel wichtiger ist es, die Tiefpunkte und Rückschläge zu überwinden.

Und davon hat Evenepoel in seiner erst kurzen Karriere schon einige erlebt. Der größte Einschnitt geschah vor fast genau zwei Jahren. Am 15. August 2020 stürzte der Belgier während der Lombardei-Rundfahrt von einer Brücke. Er brach sich das Schambein und litt unter einer Lungenprellung. Acht Monate dauerte seine Wettkampfpause. Nur behutsam, mit leichten Runden auf dem Smarttrainer, kam er in den Sport zurück.

Während der Regeneration aktivierte er neue Muskelfasern. »Ich bin jetzt explosiver, habe die Muskulatur dafür«, sagte er nach seinem Comeback. Auch mental betätigte er die Reset-Taste. »Wenn du merkst, wie schnell alles vorbeisein kann, lernst du die Dinge anders schätzen«, berichtete Remco Evenepoel. An sich selbst beobachtete er, dass er weniger egoistisch wurde, sich mehr für das Wohlergehen anderer interessierte. »Wenn ich früher drei Eclairs vor mir sah, dachte ich, sie seien alle für mich. Jetzt gucke ich, wem sie auch schmecken könnten«, beschrieb er seine Wandlung.

Bei der Spanien-Rundfahrt drückt sich das auch darin aus, dass er seine Teamkollegen lobt, wann immer er kann. Er weiß zu geben. Vor allem wegen der charakterlichen Veränderungen nannte sein Teamchef bei Quick Step, Patrick Lefevere, den Rückkehrer »Remco Evenepoel 2.0«.

Als runderneuerte Ausgabe seiner selbst gewann Evenepoel zunächst im Frühjahr mit einem bravourösen Soloritt den Klassiker Lüttich – Bastogne – Lüttich. »Mein bestes Rennen, seitdem ich auf dem Rad bin«, sagte er damals. Jetzt, in Spanien, legt er beste Rennen in Serie hin. Selbst wenn er etwas nachgelassen hat, könnte der Vorsprung groß genug sein, um am Ende Primoz Roglic zu bezwingen. Denn er schaltet jetzt auf einen anderen Modus um. »Je länger ich defensiv fahren kann, umso besser«, sagte er bei der Pressekonferenz am montäglichen Ruhetag. Wie man verteidigt, hat Evenepoel ohnehin gelernt: In seiner Fußballerkarriere war er zuletzt linker Verteidiger. Und wie er sich selbst transformiert, vom forschen Losstürmer zum eiskalten Kalkulierer, das beeindruckt. Da wirkt er wie ein Alter.

Angst hat er inzwischen nicht mehr vor den Gegnern, selbst wenn er betont, was alle betonen: dass die Vuelta noch nicht zu Ende sei. »Aber meine größte Sorge gilt Corona. Das Virus ist hier, zahlreiche Fahrer mussten bereits gehen. Wenn ich deshalb vorzeitig abreisen müsste, wäre das sehr traurig. Ich hoffe, das bleibt mir erspart.« Das wäre dann auch Maximalbuch für die belgische Radsportnation, die dann noch ein 45. Jahr auf den nächsten Grand-Tour-Sieg warten müsste, weil Corona ihn verhindert.

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