Der Waschbär im Baum

Im kleinen Haveldorf Kuhlhausen lassen sich wunderbare Sommerabende verbringen – beim Bad danach ist die Strömung im Fluss nicht zu unterschätzen

Ein Regenbogen steht über einem trügerisch ruhigem Wasserkanal im Westhavelland – die Strömung kann es allerdings in sich haben.
Ein Regenbogen steht über einem trügerisch ruhigem Wasserkanal im Westhavelland – die Strömung kann es allerdings in sich haben.

Ein Wochenende Anfang Juni 2016. Im Zweistromland, welches mein Bruder schon immer so nennt, weil dort zwei Flüsse mäandernd aufeinander zufließen und sich schließlich vereinen, war ein Fest angesagt. Ein Freund eines Freundes hatte eine Scheune zu einer Partylokation umgestaltet und aufs Land geladen, nach Kuhlhausen. Als ich den Namen hörte und erfuhr, wo das Dorf lag, wusste ich, da muss ich mit. Über Nauen und Friesack gelangt man durch Strohdehne nach Sachsen-Anhalt hinein. Die Havel macht hier einen Knick, um nordwestlich Havelberg und der Elbe zuzustreben. Zwischen den Havelpoldern im Überschwemmungsland liegen wenige Ortschaften, das Westhavelland gilt als das dunkelste Gebiet Deutschlands.

In Kuhlhausen trafen Gäste aus allen Himmelsrichtungen ein, wir lauschten in der Dorfkirche einem Noise-Konzert auf klassischen Instrumenten, dessen Klänge mich bis in die »Blaue Moschée« getaufte Scheune trugen und verzückten. Wir vertanzten die Nacht im Kerzenlicht. Einige Cocktails später erhob sich von einer Couch im Granny Scare-Stil ein komplett gehäkelter junger Mann, oder war es nur sein Anzug aus Topflappen, der ihn mit dem Sofa verschmelzen ließ?

Meinen Bruder fand ich auf der Wiese am Karpfenteich wieder, die Musik waberte in die Sternschnuppenweite über uns und alles blieb verzaubert, bis ich am nächsten Morgen verkatert aus dem Auto kroch und in die Sonne blinzelte.

Eine Erfrischung musste her. Am besten wäre ein Bad im Fluss, beschloss ich und ging los. Ein Deich war zu sehen, aber kein Wasser. Ich lief und lief, sah Wiesen und Weiden und Mohnblumen, bis ich einen Schilfgürtel erkannte und an die Havel kam. Nichts wie rein und losgeschwommen, ohne alles natürlich. Die Havel war nicht breiter als zehn bis zwölf Meter, flankiert von schilfbewachsenen Böschungen.

Ich wurde sofort von der Strömung erfasst und mitgerissen. Augenblicklich war ich hellwach und kämpfte. Luftholen, einen großen Schwimmzug machen, ausatmen, schneller werden. Ich schwamm gegen die Strömung und kam keinen Zentimeter voran. Der Fluss zog mich in seine Mitte und drückte mich nach unten. Gibt es Welse in der Havel? Oder zog Neptun an mir? Der Blick aufs Ufer verwirrte mich zusätzlich, alles sah gleich aus, bewegte sich aber schnell an mir vorbei.

Schwindel erfasste mich. Ich bekam Panik. Wollte ans rechte Ufer schwimmen, kam nicht aus der Mitte weg und trieb immer weiter, rief um Hilfe und ließ es sofort wieder sein, da es menschenleer war und blieb ringsum. Und mich Kraft kostete.

Was nun? Ich drehte mich auf den Rücken, breitete Arme und Beine aus, zum Nachdenken. Eine Weile ließ ich mich treiben. Ich ging gar nicht unter. Es war sogar schön plötzlich, der Himmel über mir so ruhig und unbewegt. Ich holte tief Luft, drehte mich um und schwamm mit kräftigen Zügen mit der Strömung schräg an den linken Rand. Den Blick konzentriert auf eine bestimmte Weide weit vor mir gerichtet. Kam ans Ufer und hielt mich mit beiden Händen an hilfreichen Disteln fest, fand Halt. Als meine Atmung ruhiger ging, lief ich zurück zu den Klamotten, oder dahin, wo ich sie vermutete. Es dauerte und war mir völlig schnuppe, dass ich nackt war. An einer kleinen Gruppe Bäume angekommen, schaute ich, ob hier auch wirklich keiner war – da sah ich eine schnelle Bewegung. Etwas Gestreiftes warf sich auf einen Ast knapp über meinem Kopf und stellte sich tot: ein Waschbär! Die Pfoten und der gestreifte Schwanz ragten über den Ast nach unten. Ich lachte, er hing.

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