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Beinahe amphibisch

Vielleicht das beglückendste Buch für den Sommer: »Warum wir schwimmen« von der New Yorker Autorin Bonnie Tsui

Immer wieder gut: Schwimmen. Auch gut. Hier im Finale des Synchronspringens bei der Schwimm-EM in Rom
Immer wieder gut: Schwimmen. Auch gut. Hier im Finale des Synchronspringens bei der Schwimm-EM in Rom

Schwimmen betrachte ich als die Möglichkeit, einen Ort mit einer Vertrautheit kennenzulernen, die ich sonst nicht hätte», schreibt Bonnie Tsui. Die Vertrautheit, die sie dafür entwickelt hat, teilt sie uns auf einzigartige Weise mit: Spielerisch verwebt die in New York aufgewachsene Autorin die Menschheitsgeschichte des Schwimmens mit poetischen Erkundungen. So berichtet sie von Ertrunkenen am «Paläosee Gobero», wo vor 120 000 Jahren in der Sahara ein Meer wogte oder von einem von Plutarch beschriebenen Schwimmbrett aus Kork zur Überquerung des Tibers oder einem asiatischen Volk von Seenomaden, das auf dem Meeresgrund laufen kann. Die Literaturwissenschaftlerin und Journalistin («New York Times») reiste um die Welt, traf den «Robbenmann» von Island, japanische Samurai-Schwimmer und einen Ex-Soldaten, der in Bagdad mitten in der Wüste Schwimmunterricht gab.

Eine der schönsten Geschichten ist die von ein paar Frauen mittleren Alters, die sich jeden Morgen in Sydney am Manly Beach treffen, «um im offenen Meer zu schwimmen. Sie legen etwa anderthalb Kilometer durch die Bucht zum Shelly Beach zurück, dann kehren sie um und schwimmen zurück». Diese mit rosa Badekappen ausgerüstete Schwimmgruppe ist mittlerweile auf täglich etwa hundert Teilnehmerinnen angewachsen. Bei ihnen kommt es häufig vor, dass irgendwo auf der Strecke «plötzlich Köpfe zusammengesteckt werden und Arme nach unten ins Wasser zeigen, wo man Riesenlippfische, weiße Delfine, ihre Farbe wechselnde Tintenfische oder Teppichhaie sehen kann … und sogar kleine Schildkröten und Seepferdchen». Diese Erzählung krönt Tsui mit dem Nachsatz, dass an manchen Tagen Wale auftauchen.

Tsui montiert Zitate schwimmsüchtiger Schreibender in ihrem Text, wie etwa die Erklärung der Schriftstellerin Rebecca Solnit, die Farbe Blau sei «die Farbe des Ortes, an dem man nicht ist». Pablo Neruda wird zitiert und Lord Byrons Hellespont-Durchquerung (sechs Kilometer breite Meerestrasse zwischen Ägäis und Marmarameer) von 1810 als maßgeblich für sein Selbstbewusstsein und sein Werk ausgewertet. Ja, das Wasser «strudelt und umgibt einen, es vereinnahmt und umarmt einen».

Tsui war zehn Jahre lang eine professionelle Schwimmerin. Neben den Gedanken zur Magie des Wassers und zum Flow des Schwimmens erfahren wir einiges aus ihrer persönlichen Schwimm-Biografie. Welch eine zauberhafte Seegeschichte ihr Ehemann mitbringt, wo sie ihren Vater wiederfand, was das Profi-Schwimmen mit ihr gemacht hat und wie sie heute trainiert: in der San Francisco Bay Area. All das ist eine Liebeserklärung an das Schwimmen, auch die lexikalen Einträge wie das «Glossar von häufigen (und eher seltenen) Erkrankungen, die auf den Aufenthalt in Gewässern unterschiedlichster Art zurückzuführen sind», wie etwa Haare (wenn das Chlor mit Kupfer und anderen Metallen im Wasser reagiert) oder das Schwimmerohr (Infektion des äußeren Gehörgangs durch Bakterien im Wasser, das nach dem Schwimmen im Gehörgang verbleibt). Natürlich hält nichts dergleichen die 43-Jährige von ihrer Leidenschaft ab, auch die Badedermatitis, die sie zu ihrer Hochzeit nach dem Schwimmen im Meer am ganzen Körper befallen hatte, lässt sie höchstens witzeln: «Sie können mich die Beulenbraut nennen. Mein Ehemann tut es auch.»

Eine der schönsten Beschreibungen der unbeschwerten Freiheit des Schwimmens fand Tsui bei einem Lieutenant aus Captain James Cooks Mannschaft, der über die Hawaiianer in seinem Tagebuch 1779 festhielt, dass sie auf ihn «beinahe amphibisch» wirkten. Beglückend!

Bonnie Tsui: Warum wir schwimmen. A. d. Amerik. Engl. v. Susanne Dahmann, HarperCollins, 320 S., geb., 22€. Anne Hahn schreibt alle zwei Wochen in «nd.DieWoche» die Kolumne «Über Wasser»

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