Sisyphos des Kapitals

Thomas Piketty hat die Ungleichheit im Kapitalismus umfassend belegt – ändern kann er an ihr aber nichts

  • Von Florian Geisler
  • Lesedauer: 3 Min.
Wird nicht müde, dem Kapitalismus seine sozialen Folgen vorzurechnen. Aber glaubt Thomas Piketty wirklich an dessen sozialdemokratische Reformierung?
Wird nicht müde, dem Kapitalismus seine sozialen Folgen vorzurechnen. Aber glaubt Thomas Piketty wirklich an dessen sozialdemokratische Reformierung?

Er ist eine tragische Figur. Seit über 20 Jahren schreibt der französische Ökonom Thomas Piketty gegen die Ungleichheit kapitalistischer Verhältnisse mit allen Mitteln der empirischen Sozialforschung an. Nun liegt innerhalb von nur zwei Jahren bereits sein fünftes Buch auf Deutsch vor: Die »Kurze Geschichte der Ungleichheit« schließt an seine bisher am stärksten politisierende Publikation »Kapital und Ideologie« von 2020 sowie sein Hauptwerk »Das Kapital im 21. Jahrhundert« an.

Pickettys Zwischenbilanz fällt allerdings durchwachsen aus. Vom Schlüsselbegriff des Proprietarismus etwa, den er als Alternative zum überfrachteten Neoliberalismus vorgeschlagen hatte, ist nur noch an einer einzigen Stelle die Rede. Und auch andere Vorschläge aus Pikettys langer Wunschliste an die Politik haben bisher wenig Gehör gefunden: eine verschärfte Steuerprogression, Spitzensteuersätze weit über 50 Prozent, eine wirksame Regulierung von Kapitalbewegungen, um Steuervermeidung zu bekämpfen, ein Verbot regressiver Steuersätze auf Verfassungsebene oder sogar eine Erbschaft-für-alle, analog zum Grundeinkommen.

Dennoch gibt sich Piketty optimistisch. Insgesamt betrachtet sei das letzte Jahrhundert doch von einer beispiellosen Entwicklung hin zu mehr Gleichheit geprägt gewesen. Nur zwei Weltkriege waren nötig, um Spitzensteuersätze bis 90 Prozent zu erzwingen und so die Privatvermögen des alten Geldadels zu liquidieren. Tatsächlich hat das zwanzigste Jahrhundert eine neue Mittelschicht hervorgebracht, deren Vermögen innerhalb von nur 80 Jahren (z.B. in Frankreich) von rund 15 auf knappe 40 Prozent angewachsen ist, während der Anteil des reichsten Zehntels der Gesellschaft zusammenschmolz. Piketty schätzt solche Effekte des Sozialstaats als durchaus »weiche Formen des Sozialismus«. Würden seine Vorschläge, die auch verfassungsrechtlich in Reichweite liegen, nur richtig angewendet, ließe sich die Struktur des Kapitalismus grundlegend verändern, so Pikettys Hoffnung. Nach dem Motto: Wir haben das einmal geschafft, wir könnten es also wieder tun.

Diese verkürzte politische Logik zeigt die Grenzen der reinen Ungleichheitsforschung auf. Weil Piketty das Gleichheitsversprechen der bürgerlichen Gesellschaft für bare Münze nimmt und nicht reflektiert, inwiefern es von einer laufenden Konjunktur abhängt, bleibt ihm nur das große Wundern, wenn die Schere der Ungleichheit heute wieder auseinandergeht. Versprechen haben es eben an sich, dass sie gebrochen werden können. Denn die große Transformation des 20. Jahrhunderts brachte zwar Umverteilung, aber kaum eine Änderung an der Eigentumsstruktur mit sich.

Ob also gerade die marxistischen Ansätze zur (Un-)Gleichheit wirklich so eindimensional und damit obsolet sind, wie es Piketty darstellt, darf also getrost bezweifelt werden. Mit ihnen ließe sich diese Schieflage erheblich präziser formulieren, zumindest im Gegensatz zu seiner oft unscharfen Terminologie, wenn er etwa vom »Eigentum an Produktionsmitteln, an Wohnraum, am Staat und am Rest der Welt« redet. Recht behält er trotzdem, wenn er darauf besteht, dass Lösungen für eine fortschrittlichere Politik nicht einfach auf der Hand liegen. Ein politisches Umdenken lässt sich nicht vom vorgefertigten Klassenstandpunkt aus über’s Knie brechen – dafür ist die Geschichte der Gleichheit einfach zu komplex. Und weil es auch sonst kaum ernsthafte theoretische Bemühungen gibt, diesen gesellschaftlichen Zustand aufzuklären, bleibt Piketty nur die Sisyphosarbeit, weiterhin den Stichwortgeber und Ideenfinder für ein alternatives europäisches Wirtschaften zu spielen. Vielleicht schafft es ja irgendwann doch noch das eine oder andere Konzept auf die politische Agenda.

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