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  • Kinostart: "Alle reden übers Wetter"

Die Fremdheit ist gegenseitig

»Alle reden übers Wetter« – eine dankenswerte Kritik an die Deklassierung der Ostdeutschen

  • Von Frank Schirrmeister
  • Lesedauer: 6 Min.
Ist es ein Armutzeugnis, wenn alle nur über das Wetter reden? Szene aus dem Film von Annika Pinske mit Anne Schäfer und Anne-Kathrin Gummich.
Ist es ein Armutzeugnis, wenn alle nur über das Wetter reden? Szene aus dem Film von Annika Pinske mit Anne Schäfer und Anne-Kathrin Gummich.

Du Ossi!», lauten die ersten Worte des Films, gesprochen vom Liebhaber und Kollegen von Clara, der Hauptfigur des Films, als sie bei einem ihrer heimlichen Treffen im Hotel das Shampoo mitgehen lässt. Obwohl neckisch gemeint, ist damit von Beginn an diese seltsame Fremdheit gegenüber der anderen Sozialisation etabliert, die sich seit 30 Jahren durch Deutschland zieht, trotz aller Beteuerungen, dass «zusammen wächst, was zusammen gehört», wie es erstmals Willy Brandt 1989 euphorisch formuliert hatte. Auch dass die Eröffnungssequenz von «Alle reden übers Wetter» mit einem alten Puhdys-Song eröffnet wird («Niemand wird so wieder werden, wie er einmal war zuvor …»), darf als Statement oder Bekenntnis verstanden werden. Das ist erstaunlich, denn nach der vorherrschenden Lesart spielen Ost-West-Gegensätze drei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung längst keine Rolle mehr, tritt Herkunft hinter Leistung zurück. Zwar weiß im Osten jeder, dass das nicht stimmt, ist doch die mangelnde Repräsentanz Ostdeutscher in führenden Positionen in Politik und Gesellschaft eine regelmäßig beklagte Tatsache. Und es ist ein offenes Geheimnis, dass sich die westdeutschen Netzwerke, die nach der Wende die ostdeutschen Eliten verdrängt haben, vornehmlich aus sich selbst heraus rekrutieren.

Offen thematisiert werden diese nach wie vor bestehenden Friktionen im deutsch-deutschen Verhältnis selten. Zum einen, weil viele der Ost-Sozialisierten keine Lust mehr auf die ihnen zugeschriebene Rolle des ewigen «Jammerossis» haben, zum anderen sind auch die (Förder-)Institutionen, die darüber entscheiden, welche medialen Inhalte den öffentlichen Diskurs prägen, westdeutsch geprägt. «So etwas wollen die Zuschauer nicht sehen», lautet dann eben häufig das Verdikt gegenüber gegen den Strich bürstenden Stoffen, gar nicht so unähnlich der Behautung: «Unsere Menschen sind nicht so», mit dem die DDR-Politbürokratie seinerzeit missliebige Kunst abkanzelte. Selbst renommierte Regisseure wie Andreas Dresen können ein Lied davon singen; über zehn Jahre dauerte es, bis er die Ignoranz der verschiedenen Filmförderungen überwunden und die Finanzierung für seinen «Gundermann»-Film beisammen hatte. Im Westen kannte den halt niemand. Freilich lassen sich für jede These Gegenbeweise finden. Auch sind die Gemengelagen heute komplexer und simple Ost-West-Schemata nicht mehr sehr hilfreich in der Diagnose gesellschaftlicher Zustände. Zudem geraten die scheinbar fest gefügten Verhältnisse seit geraumer Zeit langsam in Bewegung, drängt eine neue Generation ostdeutsch Sozialisierter an die Schalthebel oder, wie in diesem Fall, auf die Regiestühle und beginnt, ihre Geschichte(n) zu erzählen.

«Alle reden übers Wetter» ist in Koproduktion mit dem RBB im Rahmen der Initiative «Leuchtstoff» entstanden, deren Zweck es ist, Filme aus der Region zu fördern. Regisseurin Annika Pinske ist in Prenzlau geboren und aufgewachsen und kennt das Milieu, von dem sie erzählt. Im Mittelpunkt des Films steht Enddreißigerin Clara, die im Begriff ist, eine akademische Karriere als Philosophin zu beginnen. Gerade ist sie dabei, über Hegels Begriff der Freiheit zu promovieren. Sich als Frau im Konkurrenzkampf um die wenigen Professuren durchzusetzen, ist auch heute noch schwer genug. «Du wirst immer härter kritisiert werden, dich immer öfter rechtfertigen müssen und doppelt so viel arbeiten», erklärt ihr ihre Mentorin. Sie habe aber das Zeug dazu, fügt sie hinzu. Allerdings ist Clara nicht nur Frau, sondern auch noch aus dem Osten. Damit fehlt ihr dieser gewisse Stallgeruch, in den tradierten Netzwerken hat sie keinen Rückhalt. Der Dünkel einer saturierten westdeutschen Professorenschaft, die vor 30 Jahren die Chance ergriffen und ihre ostdeutschen Kollegen weggebissen hat, sieht in Clara instinktiv den Emporkömmling, der ihr die Pfründe streitig machen will.

Die Fremdheit ist gegenseitig. Clara kann sich abstrampeln, wie sie will, mit ihrer Herkunft aus der ostdeutschen Provinz kann sie in einem Umfeld, in dem Herr Professor zur Feier der Emeritierung in seiner Grunewald-Villa empfängt, kein Staat zu machen. In ihrem Drang, dazuzugehören, erfindet sie gar einen Diplomaten-Vater. Aber will sie das überhaupt? Dazugehören, sich anpassen, die sozialen Codes einer ihr fremden Gesellschaft verinnerlichen und etwas werden in diesem klandestinen Milieu voller verborgener Fallstricke, Intrigen und fremder Freunde?

Zunächst fährt Clara mal für ein Wochenende mit ihrer jugendlichen Tochter, die beim Vater lebt, in die Heimat, nach Mecklenburg in das Dorf ihrer Kindheit und Jugend, wo die Mutter ihren 60. Geburtstag feiert. Der Kontrast zum akademischen Großstadtleben könnte größer nicht sein, und schlimmer noch: das Gefühl der Fremdheit – auch hier lässt es sich nicht abschütteln. Was soll Clara in einem Kaff, wo die Zeit stillsteht, viele immer noch mit ihrem Zu-kurz-gekommen-sein hadern und den alten Zeiten hinterhertrauern. Wo kaum wirklich kommuniziert wird und alle immer nur übers Wetter reden! Wie eine Statistin wandelt Clara durch ihr vergangenes Leben zwischen Elternhaus und Jugendfreunden, das nichts mehr mit ihr zu tun hat. Sie will weg und doch zerren Vergangenheit und Herkunft an ihr, so einfach lässt sich Heimat nicht abschütteln.

Aber wohin gehört sie nun genau? Was ist ihre Identität? Sehr präzise arbeitet Annika Pinske, die auch das Drehbuch schrieb, den zentralen Konflikt heraus und fragt danach, welchen Preis Clara für ihren sozialen (Bildungs-)Aufstieg und die Entfremdung von ihren Wurzeln zu zahlen bereit ist. Unterstützt wird sie dabei von einem beeindruckenden Ensemble, angeführt von Anne Schäfer, die die Clara in ihrer Zerrissenheit zwischen ostdeutscher Herkunft und dem Wunsch, dazuzugehören, überzeugend verkörpert – selbst ist die Schauspielerin am Chiemsee aufgewachsen. Schön auch, Christine Schorn und Hermann Beyer in einer Nebenrolle als räsonierende Großeltern zu sehen. Bis ins Detail hinein beweist die Ausstattung zudem Kenntnis vom Gegenstand; etwa wenn Clara ihrer Mutter zur Begrüßung einen dieser geschmacklosen Orchideentöpfe überreicht, die auf dem (ostdeutschen) Land weit verbreitet sind. In der Lebensnähe ihrer Figuren und der erzählerischen Leichtigkeit erweist sich Pinske als gelehrige Schülerin Maren Ades, deren Assistentin sie einst war, unter anderem bei «Toni Erdmann», diesem kleinen Wunder an Film. Maren Ade ist mit ihrer Firma Komplizenfilm in den letzten Jahren zu einer wahren Talentschmiede und Hoffnung für ein künstlerisch anspruchsvolles und sozial-realistisches deutsches Kino geworden; viele der ambitionierteren und formal ungewöhnliche Wege beschreitenden Filme der letzten Jahre stammen aus diesem Umfeld, zuletzt beispielsweise «AEIOU-Das Alphabet der Liebe».

So ist es nur folgerichtig, dass «Alle reden übers Wetter» gerade als einer der deutschen Beiträge für die kommende Oscarverleihung nominiert wurde.

«Alle reden übers Wetter», Deutschland 2022, 1 h, 29 min, Regie: Annika Pinske, Drehbuch: Annika Pinske, Johannes Flachmeyer, Besetzung: Anne Schäfer, Anne-Kathrin Gummich, Judith Hofmann; Kinostart: 15. September

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