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Das Vertrauen ist weg, die Angst bleibt

Ferat Koçak spricht im Untersuchungsausschuss als Betroffener des Neuköllner Naziterrors

Ferat Koçak (Die Linke) kämpft seit Jahren für die Aufklärung der Neuköllner Anschlagsserie. Am Freitag hat er vor dem Untersuchungsausschuss als Betroffener ausgesagt.
Ferat Koçak (Die Linke) kämpft seit Jahren für die Aufklärung der Neuköllner Anschlagsserie. Am Freitag hat er vor dem Untersuchungsausschuss als Betroffener ausgesagt.

Ferat Koçak hat seine Stellungnahme aufgeschrieben. »Wenn ich darüber rede, bewegt sich sehr viel in meinem Kopf, und ich wollte nicht den roten Faden verlieren«, erklärt er zu Beginn der vierten Sitzung des Untersuchungsausschusses des Berliner Abgeordnetenhauses zur Neuköllner Anschlagsserie. Koçak spricht am Freitag als Zeuge und nicht als Abgeordneter der Linksfraktion, der er auch ist. Zuvor hatte die AfD versucht, Koçak als stellvertretendes Ausschussmitglied zu verhindern.

Was Koçak nun vorliest, fasst seine Erfahrung mit rechtsextremer Gewalt und gefährlich untätigen Sicherheitsbehörden zusammen. Es beginnt am 31. Januar 2018, in der Nacht, als sein Auto vor dem Haus seiner Eltern angezündet wurde. Zwar hatte Koçak bereits zuvor als Bezirksverordneter der Linken rechten Hass zu spüren bekommen. »Beim Wahlkampf wurde ich bei den Infoständen bespuckt, meine Plakate wurden mit ›Scheißausländer‹ beschmiert.« Doch bis zur Tatnacht habe er sich nicht ernsthaft bedroht gefühlt. »Die Nacht hat alles geändert«, sagt Koçak im Rückblick. Um etwa 3 Uhr morgens sei er im Haus seiner Eltern aufgewacht, sein Auto habe lichterloh gebrannt. Er habe seine Eltern geweckt und erinnere sich noch an die Panik in ihren Gesichtern. Ein Feuerwehrmann habe ihm während des Einsatzes gesagt, dass sie fünf Minuten später nicht mehr so einfach aus dem Haus gekommen wären. Seitdem lebt Koçak in Angst: »Ich bin immer in Alarmbereitschaft, Schlafstörungen gehören zum Alltag.«

Dass diese Angst ihn begleitet, daran haben die Behörden einen maßgeblichen Anteil. In der Tatnacht selbst habe ihn ein Polizist nach seinen »Wurzeln« gefragt und danach, ob es sich nicht um einen türkisch-kurdischen Konflikt handeln könnte. Drohanrufe und SMS, die ihn in den folgenden Monaten erreichten, hätten seines Wissens zu keinen weiteren Ermittlungen geführt. Im August 2018, ein halbes Jahr nach der Tat, habe er dann erfahren, dass der Verfassungsschutz Tatverdächtige bereits Monate vor der Tat observiert und ihn dennoch nicht gewarnt habe. Im Studio des RBB habe er zum ersten Mal Ausschnitte aus Tonaufnahmen der Polizei von Nazis gehört, die über seine Überwachung und Verfolgung redeten. Die Erklärung der Polizei zu diesem Versagen: Koçaks Name sei falsch geschrieben, sein Auto nicht zugeordnet worden. »Und dann kam noch: Quellenschutz vor Opferschutz.« Koçak hofft, dass die Gründe für die ausgebliebene Warnung nun im Ausschuss untersucht werden. »So viele Ausreden, das ist doch nicht mehr glaubwürdig«, meint er. Und fragt sich: »Warum wurden die Verdächtigen dann nicht in der Tatnacht beobachtet?«

Auch wenn Polizei und Verfassungsschutz Fehler eingestanden haben – daraus gelernt haben sie in Koçaks Augen nichts. Trotz drei späterer Drohschreiben des »NSU 2.0« gegen ihn sei er nur über eines vom LKA informiert worden, von den anderen beiden habe er erst 2022 im Rahmen eines Gerichtsverfahrens in Frankfurt (Main) erfahren. Stattdessen habe die Polizei mit ihm Sicherheitsgespräche geführt, die den Fokus auf seine politischen und privaten Tätigkeiten gelegt hätten. »Ich habe mich gefragt: Sitze ich hier auf der Täterbank?«, so Koçak.

Auch wenn der Politiker Hoffnung in den Ausschuss setzt, stört ihn die Anwesenheit der AfD: »Es macht mir Angst, von einer rechten Partei mit Faschisten in ihren Reihen verhört zu werden.« Der AfD-Abgeordnete Brousek will dann auch die Vornamen seiner Eltern wissen, angeblich um sie als Zeugen zu laden. »Damit wollen die mich nur stressen, die wissen, das ist meine Schwachstelle«, sagt Koçak im Nachhinein zu »nd«. Für eine Einladung wären die Vornamen irrelevant.

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