Kopftuch »falsch« getragen. Tot.

Iranische Sittenpolizei prügelt 22-Jährige wegen Verstoß gegen den Verhaltenskodex zu Tode

Mahsa Amini wurde zu Tode geprügelt, weil sie ihr Kopftuch angeblich falsch getragen hat.
Mahsa Amini wurde zu Tode geprügelt, weil sie ihr Kopftuch angeblich falsch getragen hat.

Mahsa Amini wurde am Ausgang einer Metrostation im Zentrum Teherans von der Sittenpolizei festgenommen. Die Begründung: Sie habe ihr Kopftuch nicht korrekt getragen. Im Polizeiwagen wurde sie von den Beamten verprügelt. Danach wurde sie auf die für ihre gewalttätigen Polizisten berüchtigte Station Vozara gebracht. Dort sollte sie »Erziehungsmaßnahmen« unterzogen werden.

Wie andere dort inhaftierte Frauen berichten, klagte Amini immer wieder über Schmerzen, bis sie schließlich in Ohnmacht fiel. Daraufhin wurde sie ins Krankenhaus gebracht. Seit Dienstag lag sie dort im Koma, bis sie am Freitag ihren Verletzungen erlag.

Mahsas Bruder Kiarasch, der mit seiner Schwester gemeinsam aus dem iranischen Kurdistan in die Hauptstadt gereist war, schilderte die Ereignisse an der Polizeistation gegenüber dem Online-Medium »IranWire«: »Ein paar Frauen wurden freigelassen, dann hörte ich Schreie aus dem Gebäude. Beamte stürmten aus dem Gebäude und attackierten die umstehenden Leute mit Tränengas und Schlagstöcken.« Kurz darauf verließ ein Krankenwagen die Polizeistation. Im Krankenhaus fand Kiarasch schließlich seine im Koma liegende Schwester. »Ich habe jetzt nichts mehr zu verlieren. Ich bin im Erdgeschoss, werde von der Polizei beobachtet und meine Schwester liegt da oben«, berichtete er von dort.

Gewaltsame Übergriffe der Sittenpolizei sind im Iran an der Tagesordnung, sagt die iranische Feministin Enissa dem »nd«. Sie selbst wurde schon dreimal festgenommen. »Ich hatte einfach nur Glück, dass mir nichts Schlimmeres passiert ist.« Aus Angst vor dem langen Arm des Regimes will sie nicht mit ihrem echten Namen erwähnt werden. In diesem Jahr gab es bereits mehrere Ereignisse, die die zunehmende Repression im Iran sichtbar machen, sagt Enissa. Im April wurde ein Mann in einem Teheraner Park angeschossen, der die Festnahme seiner Frau verhindern wollte. Im Mai verkündete Präsident Ebrahim Raisi strengere Sittenregeln. Dazu gehört auch die Kopftuchpflicht in staatlichen Unternehmen, die von Hijab-Polizisten vor Ort überwacht wird.

Im August wurde die 28-jährige Sepideh Raschno in einem Stadtbus festgenommen, weil sie »unangemessen gekleidet« war. Im Staatsfernsehen musste sie ein Geständnis über ihr unsittliches Verhalten abgeben. In den sozialen Medien wurde anschließend über Zeichen von Gewaltanwendung in ihrem Gesicht diskutiert.

Die tödliche Prügelattacke auf Mahsa Amini ist nur ein Tropfen in der blutigen Spur des theokratischen Regimes. Und die Spur zieht sich noch weiter. Die Beerdigung Aminis am Samstag wurde zu einem Protest. Videos zeigen, wie Frauen ihre Kopftücher abnahmen. Quellen im Internet berichten, dass beim Einschreiten der Polizei 13 Personen verletzt wurden, darunter zwei Kinder. Am Samstagabend kam es in der iranisch-kurdischen Hauptstadt Sanandaj zu weiteren Protesten mit mehreren Hundert Teilnehmenden.

Wie groß die Auswirkung der Proteste sein wird, bleibt abzuwarten. »Die iranische Unterschicht hat kein Geld. Sie lebt so schlecht, dass sie nichts mehr zu verlieren hat«, schätzt Enissa das Protestverhalten der Arbeiterklasse ein. »Viele Menschen in der Mittelschicht arbeiten in Berufen, die mit dem Staat zusammenhängen. Sie klammern sich an ihren Status. Doch auch sie beteiligen sich vereinzelt an Protesten.«

In den sozialen Medien formiert sich bereits seit Jahren Widerstand gegen die Regierung. Der Staat führt immer wieder Cyberattacken gegen oppositionelle Kanäle durch. Die sind aber weiter aktiv und verbreiten unter anderem Aufklärungsmaterial zur Situation von Frauen im Iran. »Aufklärung ist das Wichtigste. Ohne das wird es nicht funktionieren«, sagt Enissa. Und hält fest: »Im Iran passieren regelmäßig schlimme Dinge.« Mal stürze ein baufälliges Haus ein, mal werde jemand von der Polizei verprügelt. »Die Menschen erkennen langsam, dass diese Dinge zusammenhängen und unser Regime dafür verantwortlich ist«, meint Enissa. Das lässt Raum für Hoffnung, dass die Zeit des Regimes nach 43 Jahren endlich zu Ende geht.

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