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Der Inflations-Bumerang

Die Sitzungen von Fed und EZB in dieser Woche werden auch in Deutschland mit Spannung erwartet

  • Von Hermannus Pfeiffer
  • Lesedauer: 4 Min.
Im EZB-Tower in Frankfurt am Main zerbricht man sich gerade ziemlich die Köpfe über die zu hohe Inflation.
Im EZB-Tower in Frankfurt am Main zerbricht man sich gerade ziemlich die Köpfe über die zu hohe Inflation.

Das statistische Amt der Europäischen Union verbreitete zum Wochenende eine Rekordmeldung: Die Inflationsrate lag im August bei 10,1 Prozent. In der Zahl spiegelt sich das Dilemma der EU wider, dass die Inflation von hohen Energiepreisen getrieben wird. Wirtschaftsweise Isabel Schnabel spricht daher von »importierter Inflation«. Diese wird in einer Kaskade nach unten durchgereicht.

So hat sich der Preis für Gas rund vervierfacht. Doch in der Düngemittel- und Ammoniakproduktion wird weiterhin viel Gas benötigt. Wegen der hohen Gaspreise haben einige Hersteller in Europa ihre Produktion gedrosselt. Was die Preise zusätzlich in die Höhe treibt, beispielsweise für Adblue, den Dieselautos benötigen. Verteuert werden aber zugleich Zusatzstoffe für Leim, Harz oder Kühlmittel.

Bei der Ammoniakproduktion fällt zudem Kohlendioxid an. Dies wird benötigt etwa für die Verpackung frischer Lebensmittel: Das Gas verdrängt den Sauerstoff und verhindert das Wachsen von Krankheitserregern. Getränkehersteller benötigen das Gas, um Limonaden mit Kohlensäure zu versetzen. Auch Brauereien benötigen CO2, um Tanks und Flaschen zu reinigen. In der Fleischindustrie wird Schlachtvieh mit dem Gas betäubt.

Da Produzenten ihre Produktion runtergefahren haben, ist die Nachfrage größer als das Angebot, was die Preise weiter antreibt. Es entsteht ein Bumerang-Effekt. Im Ergebnis sind die Erzeugerpreise in der Industrie um 37,8 Prozent gegenüber 2021 gestiegen. Dies verweist darauf, dass die Inflation nicht einfach verschwände, wenn sich die Energiepreise normalisieren würden.

Am härtesten trifft der Gas-Bumerang die Düngemittelindustrie und darüber die Bauern und letztlich die Verbraucher, die für Lebensmittel draufzahlen. Eine solche Kaskade lässt sich für viele Wirtschaftszweige, die besonders große Mengen Energie benötigen, nachzeichnen.

Dabei hatte die Entwicklung bereits vor dem Ukraine-Krieg eingesetzt. Zum Jahreswechsel hatte die EU-Inflationsrate bereits bei über fünf Prozent gelegen. »Das Post-Corona-Boomjahr 2021 hat urplötzlich die Wende zu einer kaum mehr für möglich gehaltenen Inflationszunahme eingeleitet«, gesteht Rudolf Hickel seine Überraschung. Jahrelang lag die Preissteigerung unter den von der Europäischen Zentralbank (EZB) angestrebten zwei Prozent. »Die wieder steigende Nachfrage stieß auf Einschränkungen beim weltweiten Angebot von Gütern und Dienstleistungen, vor allem infolge der Lockdowns gegen die Pandemie, nicht nur in China«, erklärt Ökonom Hickel.

Die Preise für Gas sind heute zehnmal so hoch wie in den Vereinigten Staaten (und Asien), beklagt in einem Brandbrief an EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen der Verband der Düngemittelhersteller Fertilizers Europe die globalen Wettbewerbsverzerrungen. Anders als Europa, das bei Gas, Kohle und Rohöl von Importen abhängt, sind die USA sogar Exporteur. Die Energiepreise sind zwar auch dort seit 2021 gestiegen, aber längst nicht in dem Maße wie in der EU.

In den USA ist – neben globalen Trends wie dem Rohstoff-Superzyklus – die »starke inländische Nachfrage« der entscheidende treibende Faktor, schreibt der Münchner Volkswirt Gerhard Illing in einem Aufsatz. Eine Auffassung, die von den meisten Ökonomen wohl geteilt wird. Eine hohe Beschäftigungsrate und massive Stützungsprogramme der US-Regierung hätten das verfügbare Einkommen der US-Amerikaner stark ansteigen lassen und entsprechend die Nachfrage etwa nach dauerhaften Konsumgütern stimuliert, so Illing. Die kräftige Konsumnachfrage trieb die Preise auch für Güter und Dienstleistungen in die Höhe, die nicht direkt im Zusammenhang mit Energie- und Lebensmittelpreisen stehen. Der heiß gelaufene Markt treibt nun wie im klassischen Lehrbuch die Preise vor sich her.

Die US-Notenbank Fed hat daher bereits im März begonnen, ihre Leitzinsen zu erhöhen. Für die Gouverneurssitzung am Dienstag und Mittwoch wird von Bankanalysten ein weiterer großer Zinsschritt von 0,75 Prozentpunkten erwartet. Dies würde Kredite verteuern. Unternehmen und Privatpersonen nehmen dann weniger Kredite auf, was die Nachfrage und damit die Preise dämpfen würde, hofft Fed-Chef Jerome Powell.

Powells Kollegin Christine Lagarde hat es schwerer. Auf die importierte Inflation, für die auch ein starker Dollar sorgt, hat die EZB kaum Einfluss. In der zweitägigen Ratssitzung in dieser Woche wird es nun um die künftige Strategie gehen, bevor im Oktober regulär der nächste Zinsschritt ansteht. Eine zu starke Leitzinserhöhung könnte die insgesamt noch erstaunlich günstige Konjunktur abwürgen. Wenn die EZB jedoch zu zögerlich reagiert, dann besteht die Gefahr, dass die Inflationserwartungen von Unternehmen, Gewerkschaften und Verbrauchern nachhaltig ansteigen, befürchtet Kerstin Bernoth vom DIW Berlin. »Dann könnte eine hohe Inflation selbsterfüllend werden.« Weil Unternehmen und Gewerkschaften Preise und Löhne entsprechend erhöhen könnten.

Hoffnung verbreitet wenigstens der Hamburger Ökonom Wolfgang Maennig für das kommende Jahr. »Wahrscheinlicher sind aufgrund der derzeit hohen Preise allenfalls kleinere Preissteigerungen oder gar -verringerungen.« Dieser »Basiseffekt« zeige sich bereits bei vielen Gütern: Die trüben Aussichten lassen die Nachfrage sinken, was sich bereits preisdämpfend bemerkbar macht.

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