»Gefährliche Priester blieben im Amt«

Auch im Bistum Osnabrück wurden Sexualstraftaten verschwiegen und vertuscht

Ort der Schande: der Osnabrücker Dom
Ort der Schande: der Osnabrücker Dom

Noch ist es ein Zwischenbericht, der am Dienstag den Medien vorgestellt wurde. Doch schon dieser ist 600 Seiten stark und lässt erkennen, wie nachlässig führende Kräfte des Bistums Osnabrück mit der Problematik der sexualisierten Gewalt gegen Kinder und Jugendliche umgegangen sind. Das Bistum, es umfasst einen Teil des westlichen Niedersachsens sowie Bereiche Bremens, wird seit 1995 von Bischof Franz-Josef Bode geleitet. Auch ihn trifft der Vorwurf der Studie, auf Mitteilungen zu möglichem sexuellen Missbrauch nicht angemessen reagiert zu haben. Dabei habe er »fahrlässig, aber nicht vorsätzlich« seine Pflichten verletzt, sagte der juristische Leiter des Studienprojekts, Hans Schulte-Nölke.

Schon in der bundesweiten Studie, welche die Deutsche Bischofskonferenz in Auftrag gegeben hatte, war 2018 festgestellt worden: Im Bistum Osnabrück wurden für den Erhebungszeitraum der Studie, von 1946 bis 2015, insgesamt 35 beschuldigte Geistliche und 68 Betroffene von sexuellem Missbrauch ermittelt. Nach der Veröffentlichung der Studie hatten sich weitere Betroffene gemeldet. Bis Februar 2020 erhöhte sich die Gesamtzahl der Beschuldigten damit auf 45 und die der Betroffenen auf 116. Gegen alle noch lebenden mutmaßlichen Täter seien strafrechtliche Ermittlungen eingeleitet worden, teilt das Bistum mit. Bischof Bode äußerte sich in einer ersten Stellungnahme selbstkritisch zu der Studie, mit der das Bistum eine Forschungsgruppe der Universität Osnabrück beauftragt hatte. In einer Fernsehsendung des NDR sagte er: »Es beschäftigt mich sehr, wie blind wir gewesen sind und wie blind ich gewesen bin für das Leiden der Betroffenen«.

Das Geheimhalten von Missbrauchsfällen fällt laut Studienergebnis vor allem in die Dienstzeit zweier Vorgänger Bodes. Es waren die Bischöfe Helmut Hermann Wittler, der von 1957 bis 1987 amtierte, und Ludwig Averkamp, Osnabrücker Oberhirte von 1987 bis 1994, die das Bekanntwerden von Missbrauchsstraftaten verhinderten. »Sie haben gefährliche Priester im Amt gelassen oder in andere Gemeinde versetzt«, resümiert Studienprojektleiter Schulte-Nölke. Auch Amtsinhaber Bode treffe dieser Vorwurf. Seit 2010 jedoch seien solche Priester schneller aus dem Dienst entfernt worden. Um ihre Erkenntnisse zu gewinnen, hatten die an der Studie beteiligten Wissenschaftler 16 Fälle analysiert, an denen 15 Priester und ein Diakon beteiligt gewesen waren.

Opfer sexuellen Missbrauchs, die sich an führende Kräfte des Bistums gewandt hätten, seien in der Vergangenheit zumeist bürokratisch und abweisend behandelt worden, geht aus der Studie hervor. Denn sie befasst sich auch mit der Frage, wie das Bistum mit den Betroffenen umging. Es gehe um Menschen, denen als Kinder durch Priester Schreckliches angetan worden sei, sagt Schulte-Nölke. In vielen Fällen sei das ganze Leben der Betroffenen infolge der Taten beeinträchtigt worden.

An der Studie wirken auch Betroffene mit, die diese Möglichkeit als Befreiung empfinden, wie aus ihren Reihen zu hören ist. Sie seien nur unzureichend mit Geld entschädigt worden, ist zu erfahren, das Bistum habe sich »knauserig« gezeigt.

Die Studie, die rund 1,3 Millionen Euro kostet, ist noch nicht am Ende. Sie ist auf drei Jahre angelegt, befasst sich nun mit ihrem zweiten Teil. Es soll das gesamte Ausmaß sexualisierter Gewalt im Bereich des Bistums seit 1945 aufgearbeitet werden. Seit jenem Jahr waren im Bistum rund 2800 Kleriker beschäftigt. Akten sollen dazu herangezogen werden, Gespräche mit Zeitzeugen und Betroffenen sind geplant. Eine der wesentlichen Fragen dabei lautet: »Warum wurde verschwiegen, geschützt und vertuscht?«

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