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  • Netflix-Serie »Kleo«

Erich Mielke stirbt zehn Jahre früher

Eine Tschekistin, unabhängig, liebenswert und äußerst brutal, auf der Suche nach der Wahrheit: Die Netflix-Serie »Kleo« ist eine gelungene Mischung aus Alternativgeschichte und Karikatur

Kleo will herausfinden, von wem und warum sie hinter Gitter gebracht wurde.
Kleo will herausfinden, von wem und warum sie hinter Gitter gebracht wurde.

Deutsche Filme und Serien über die DDR sind zu 95 Prozent schrecklich: aufgesetzt lustig, gutmütig-bieder mit »Message«, denunziatorisch, kitschig und anstrengend. Oder Lars Eidinger spielt mit. Irgendwas ist immer.

Jetzt aber gibt es »Kleo« – eine achtteilige Serie, die ausgerechnet auf Netflix die Freudlosigkeit der filmischen DDR-Aufarbeitung überwindet. Die Story ist simpel. Kleo Straub (Jella Haase) ist eine top ausgebildete Tschekistin, Auftragskillerin im Dienst der DDR-Staatssicherheit. Im Jahr 1987 tötet sie in dem Westberliner Nachtclub »Big Eden« einen Mann – kurz darauf wandert Kleo, im ersten Trimester schwanger, wegen angeblichen Geheimnisverrats in den Stasi-Knast. Dort verliert sie ihr Kind und schmort drei lange Jahre, bis im Zuge der Wende 1990 alle politischen Gefangenen amnestiert werden.

Kleo begibt sich ohne Umwege auf einen Rachefeldzug und gleichzeitig und auf die Suche nach der Wahrheit, was ästhetisch an »Kill Bill« von Quentin Tarantino erinnert. Kleo will herausfinden, von wem und warum sie hinter Gitter gebracht wurde. Die Verantwortlichen sollen sterben. Dabei wird die junge Frau – patent-stilvoll mit kurzem Pony und Trainingsjacke unterm Jacket – vom Bundesnachrichtendienst, einer Geheimorganisation von Stasi-Mitarbeitern, der KGB-Spionin Ramona Brandt (einst die tüchtigste »Botschafterin des Friedens« in der DDR, dann zu den Russen gewechselt) und einem Westberliner Polizisten verfolgt. Letzterer heißt Sven (gespielt von Dimitrij Schaad) und war 1987 zufällig auch im »Big Eden«, doch seine Vorgesetzten glauben ihm kein Wort, weshalb er in eigenem Auftrag unterwegs ist. Habituell ist dieser Sven eine Mischung aus »Miami Vice« und Jan Böhmermann, einer der wenigen Wermutstropfen dieser Serie.

Etwa ab Serienmitte verbünden sich Sven und Kleo, er hilft ihr mit seinen bescheidenen Mitteln. Statt Rache sucht sie nun einen mysteriösen roten Koffer, dessen mutmaßlich brisanter Inhalt der Grund dafür zu sein scheint, dass Kleo von den eigenen Leuten geopfert wurde.

Aber Kleo ist kein Opfer. Sie ist unabhängig, liebenswert und äußerst brutal, spricht einwandfrei Russisch, Spanisch und tadelnd-freundlich wie eine Krippenerzieherin mit den Apparatschiks, die ihren Weg kreuzen und das selten überleben. Sie ballert und brummstöhnt sich zielstrebig durch die kurze Zeit, als es die DDR noch gab, aber schon alles anders war, zu einem sorgfältig aus Gaby Rückert, Laibach und den Scorpions abgemischten Soundtrack.

Dabei setzen die Drehbuchautor*innen Hanno Hackfort, Bob Konrad und Richard Kropf (»4 Blocks«) sowie Elena Senft auf Verfremdung: einerseits durch die Entwicklung einer Alternativgeschichte, andererseits durch Überspitzung der tatsächlichen Gegebenheiten sowie, an den richtigen Stellen, durch das Körnchen Wahrheit, das die Serie davor bewahrt, albern zu werden. Etwa wenn Kleo auf Mallorca einen ehemals ranghohen Stasi-Ofizier (Alexander Hörbe) aufspürt, der seinen eigenen Tod vorgetäuscht hat, um nun unter falschem Namen »hauptberuflich Opfer der DDR« zu sein und ordentlich daran mitzuverdienen, das Volkseigentum zu verscherbeln. Zudem plant er solche sinnlosen Projekte wie den Bau einer künstlichen Skipiste auf Rügen. Hätte so sein können, ist so ähnlich vielfach geschehen, aber natürlich komplett ausgedacht und auch ein bisschen übertrieben.

Das Kontrafaktische schafft ausreichend Distanz zur echten DDR und der Wendezeit. Zugleich bleibt die Erzählung immer gerade noch nah genug an der Historie. Im Prolog erklären die Serienmacher*innen ihr Programm so: »Dies ist eine wahre Geschichte. Nichts davon ist wirklich passiert.«

Eine eher dick aufgetragene Karikatur ist die mehrfach auftauchende Margot Honecker, grandios gespielt von Steffi Kühnert, mit lila Perücke; aber so richtig lila-lila, nicht nur Silbershampoo-leuchtend. Die Honecker ist, wie sich herausstellt, auch auf der Jagd nach dem roten Koffer, während Erich Mielke (Gunnar Helm), alsbald von Kleo zur Strecke gebracht, zehn Jahre vor seinem eigentlichen Tod (im Jahr 2000) den Serien-Abgang macht.

Was Kleo eigentlich an ihrer DDR lag, über die sie nicht ein schlechtes Wort verliert, bleibt ähnlich mystisch wie die zusammenhangslos eingestreute Ufo-Szene, in der der verstrahlte Techno-Pionier Thilo, den Kleo nach der Entlassung aus dem Knast in ihrer Wohnung vorfindet, vermutlich von Aliens abgeholt wird. Das ist aber egal: In der Parallelwelt dieser Serie gibt es nun einmal Ufos, und Kleo muss sich nicht dafür rechtfertigen, an die DDR geglaubt zu haben, genauso wenig wie ihre Mutti nicht dafür, dass sie dieses Land und ihre kleine Tochter einst verlassen hat. Manch einer mag das unangemessen finden und die Nase rümpfen, aber eben deswegen ist »Kleo« nicht anstrengend oder bemüht, sondern saugute Unterhaltung.

»Kleo«, acht Folgen, auf Netflix zu sehen.

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