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Helga – allein zu Haus

Im Film »Da kommt noch was« muss sich die vom Ehemann verlassene Protagonistin mit 62 emanzipieren

Unbequeme Zwangslage: Helga (Ulrike Willenbacher) ist bei der Spinnenjagd in den Boden eingebrochen.
Unbequeme Zwangslage: Helga (Ulrike Willenbacher) ist bei der Spinnenjagd in den Boden eingebrochen.

Allein zu leben birgt Gefahren, dafür muss man nicht einmal alt sein. Das ist Helga (Ulrike Willenbacher), die Protagonistin in Mareille Kleins Film »Da kommt noch was«, mit 62 Jahren auch noch nicht. Vor zwei Jahren hat ihr Mann sie verlassen. Er ist Arzt und lebt jetzt mit seiner Sprechstundenhilfe zusammen. Das ist bitter für Helga, die sich immer als ideale Gattin gefühlt hatte.

Nun bewohnt sie allein das Eigenheim der Familie. Sie versucht, nach außen den Schein zu wahren. Haltung zeigen bei den üblichen Freizeitbeschäftigungen bürgerlicher Ehefrauen, deren Männer immer das Geld verdient haben. Eigentlich fühlt sie sich ziemlich überflüssig. Sie spielt Karten mit gleichaltrigen Freundinnen, immer mit viel Weißwein, besucht ab und an ein Konzert oder telefoniert mit ihrer Tochter (Franziska Machens), die aber nicht gern angerufen wird, jedenfalls nicht so oft. Oder sie führt Unterweisungsgespräche mit ihrer Haushaltshilfe. Irgendwann und irgendwo will schließlich jeder mal Chef oder Chefin sein – und sei es bei der Putzfrau, die stundenweise kommt.

Doch zunächst ist Helga völlig hilflos. So ist das, wenn man allein lebt und die Heizungsabdeckung im Boden einbricht, während man, auf einem Hocker balancierend, eine Spinne jagt. Jetzt steckt Helga in einem schmalen Schacht fest – einen Nachmittag und eine Nacht lang –, und es gibt niemanden weit und breit, der sie da unter Erhaltung eines Restes von Würde herausholen könnte. Der Fuß ist gebrochen und Wasser lassen muss sie schließlich auch irgendwann. Dann endlich kommt die Putzfrau mit eigenem Schlüssel und holt die Feuerwehr. Eindeutig haben jene Alleinstehenden, die sich eine Haushaltshilfe leisten können – und nicht eine, die nur einmal im Monat kommt – bessere Überlebenschancen bei Haushaltsunfällen als andere. Helga wird gerettet aus ihrer im doppelten Sinne peinlichen Lage und kommt mit einem Gipsfuß davon.

Dann aber fährt die Putzfrau in den Urlaub und sorgt für Ersatz: einen Mann, Ryszard (Zbigniew Zamachowski), ebenfalls aus Polen. Das ist Helga nicht geheuer – ein fremder Mann im Haushalt! Weiß er, dass man teure Kaschmirpullover immer bei einer bestimmten Temperatur waschen muss?

Es hat Helga gekränkt, dass ihr Ex-Mann einfach, ohne bei ihr zu klingeln, die beiden erbetenen Krücken vor der Haustür abgestellt hat. Ist sie nun wirklich ganz und gar allein? Diese und andere Fragen stellt sie sich – und weiß, dass sie die Fassade ihres früheren Lebens in Zukunft nicht mehr aufrechterhalten kann.

Klein, die auch das Drehbuch zum Film schrieb, hat mit Ulrike Willenbacher die ideale Besetzung für ihre Hauptrolle gefunden. Die Münchner Theaterschauspielerin vermag es, Helga bis in die Fingerspitzen hinein jene Mischung aus Überheblichkeit und Hilflosigkeit zu geben, die den Habitus dieser aus ihrem sozialen Zusammenhang gefallenen Figur prägt.

Was folgt, ist der Selbstbefreiungsversuch einer Frau, die sich stets nur über den Mann an ihrer Seite definiert hat. Fortan will, kann und muss sie allein für sich sorgen, das steht für sie fest. Was die Nachbarn denken, sollte nebensächlich sein. Also warum nicht mit der männlichen Putzhilfe Ryszard ins Konzert gehen? Ryszard kann kein Wort Deutsch und hat eigentlich auf die Rolle des Begleiters sich allein fühlender Damen keine Lust. Er ist ein handfester Typ, ältlich und bereits etwas rundlich. Sein Leben lang hat er hart gearbeitet, ohne Rücksicht zu nehmen auf Feinheiten wie die Temperaturen, bei denen Kaschmirpullover gewaschen werden.

Helga blickt nun anders auf Ryszard, der da ist, wenn man ihn braucht, auch wenn es ihm seine Würde als Mann verbietet, sich von Helga aushalten zu lassen. Es beginnt so etwas wie eine zarte Altersromanze, in der sich beide zwar Hoffnungen, aber keine Versprechungen machen. Während Ryszard also sein Selbstbild verteidigt, kämpft Helga mit dem ihren. Als sie ihren Ex-Ehemann mit neuer Frau im Konzertpublikum entdeckt, kann sie nur panisch fliehen. Sie weiß, dass sie das unbeherrscht wirken lässt – und beschließt, dass ihr so etwas nicht wieder passieren darf. Wir haben nun Teil an Helgas Beginn eines zweiten Lebens, mit oder ohne Mann, jedenfalls mit sich selbst.

Kommt da also noch was? Ja, aber das Schöne ist, dass man nicht genau weiß, was es ist. Helga beschließt, das Haus zu verkaufen, für sie reicht eine kleinere Wohnung. Die alten Sachen können alle weg. Jetzt wachen Ex-Ehemann und Tochter plötzlich auf: Was ist mit Helga los? Sie hält sich nicht mehr an unausgesprochene Regeln des bürgerlichen Lebens!

Die Freundinnen der Protagonistin entpuppen sich nun als unerbittliche Inquisitorinnen – eine derartige Aufkündigung von Konventionen, wie Helga sie vollzieht, dulden sie nicht. Einen Geliebten, noch dazu einen polnischen Arbeiter, hält man sich heimlich und geht nicht mit ihm in Gesellschaft! Großartig ist Imogen Kogge als Inbegriff des Bestiariums der bürgerlichen Tugend, die die Fassaden heiler Welt mit aller Bosheit und Tücke verteidigt.

Helga geht ihren Weg. Das ist mühsam, und immer wieder geht auch etwas schief. Und doch trotzt sie dem Alltag kleine Triumphe ab. Diese alltägliche Emanzipationsgeschichte ist auf wundersame Weise ein Kinokleinod geworden. Man muss nur genau hinschauen.

»Da kommt noch was«: Deutschland/Schweiz 2022; Regie und Drehbuch: Mareille Klein. Mit: Ulrike Willenbacher, Zbigniew Zamachowski, Franziska Machens, Imogen Kogge, Leni Wesselmann. 98 Min. Jetzt im Kino.

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