»Dahinter lauert die Systemfrage, klar«

Ein Albtraum aus der Asylpolitik 2030: Ein Gespräch mit Steffen Mensching über seinen neuen Roman »Hausers Ausflug«

  • Von Achim Engelberg
  • Lesedauer: 4 Min.

Ihr neuer Roman »Hausers Ausflug« verhandelt eine neuartige Form der Abschiebung von nicht anerkannten Asylbewerbern: In einem ansonsten unbemannten Fluggerät werden die Ausgestoßenen, medikamentös ruhiggestellt und angeschnallt, in Krisen- und Kriegsgebieten abgesetzt. Die Titelfigur Hauser, der mit dem Verkauf dieser Apparate reich geworden ist, gerät gegen seinen Willen in eines davon und wird in einer unwirtlichen Gegend abgesetzt. Er weiß nicht, wo er sich befindet. Wie kamen Sie auf diese Idee? Und haben Sie viel dafür recherchiert?

Für dieses Buch war die Recherche nicht so entscheidend wie für viele meiner anderen, es kam mehr darauf an, dem Lauf der Geschichte mit Fantasie und einer gewissen psychologischen Anteilnahme zu folgen. Die Idee kam mir während eines Urlaubs in Albanien. Auf dem Flug nach Tirana hatte ein schweigsamer Passagier neben mir in der letzten Reihe der überbuchten Maschine gesessen, der dann auf dem Flugfeld von der Polizei übernommen wurde, noch bevor alle anderen Reisenden ihre Plätze verlassen durften. Diese Begegnung war eindrücklich. Die Recherche umfasste Fragen der Flugzeugtechnik, Fallschirmtechnologie, Flora und Fauna in der südöstlichen Türkei, kurdische Geschichte.

Gerade gab es ein vielgestaltiges Gedenken an den 30. Jahrestag des Pogroms in Rostock-Lichtenhagen. Die damalige Antwort des Staates war die Verschärfung des Asylrechts. Das Mittelmeer war wie heute die gefährlichste Grenze der Welt. Im Duo mit Wenzel sangen Sie: »Sie werden kommen«. Heute sind über 100 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht. Ähneln die Verbesserungen, etwa im Staatsbürgerrecht, dem, was Karl Kraus als verzweifelten Entschluss bezeichnete, an einem Krebskranken eine Hühneraugenoperation vorzunehmen?

Man kann es so sehen, doch die Verteidigung des Asylrechts ist trotzdem absolut notwendig, nicht nur für die Schutz suchenden Flüchtlinge, auch für die Zivilgesellschaft hier. Klar ist, dass die drohenden Migrationsbewegungen nicht mit logistischen Taschenspielertricks aufzufangen sein werden, wir stehen heute in vielen Bereichen (Aufrüstung, Energie, Ökologie, Migration) vor Grundsatzentscheidungen. Eigentlich ist der Mehrheit längst klar, dass dahinter die Systemfrage lauert. Man traut sich nur nicht, die eigene Erkenntnis laut auszusprechen.

Während die Flüchtlinge aus der Ukraine aufgenommen werden, was zu begrüßen ist, werden die aus Weltgegenden, in die Hauser wider seinen Willen deportiert wird, abgedrängt. Zeigt sich in diesem offensichtlichen Widerspruch, indem täglich Menschen sterben, dass wir eine neue kulturelle Ordnung brauchen, um mit der zunehmenden Zahl von Migranten und Fliehenden umzugehen?

Kultur ist nach Wilhelm Stekel – ich zitiere das in meinem letzten Roman »Schermanns Augen« – gut funktionierende Hemmung. Es ist also ein Mittel, bestimmte Konflikte zu isolieren, zu begrenzen, in zivilisierte Bahnen zu lenken, ohne dass der Grund des Konfliktes angefasst wird. Wir investieren in die Feuerwehr, bekämpfen aber nicht die Brandursachen.

Warum haben Sie den Roman, in dem auch der Krieg in und um die Ukraine auftaucht, genau zehn Jahre nach dem Terrorakt in Hanau, also im Jahre 2030, angesiedelt und nicht in einer unbestimmten nahen Zukunft?

Es war an einem bestimmten Punkt nötig, mit konkreten Daten zu operieren, denn im Bereich von Flucht und Asyl sind Daten der Einreise, der Aufenthaltsdauer usw. absolut entscheidend. Die Geschichte spielt ja in einer konkreten Zeit, nicht im luftleeren Raum. Auch Orwell brauchte eine Jahreszahl: 1984. Mir war wichtig, dass der Text in naher Zukunft spielt, also quasi übermorgen. Als ich mich für das Jahr 2029/2030 entschied, wusste ich noch nicht, dass Hanau eine Schlüsselrolle im Roman erhalten würde. Dort, im Ortsteil Kesselstadt, habe ich natürlich auch recherchiert.

Könnten Sie sich vorstellen, eine Fortsetzung zu schreiben? Sozusagen die zweite Staffel von »Hausers Ausflug«?

Mein großer Sohn Heiner hat diesen Wunsch ebenfalls geäußert, aber ich glaube, es ist besser, das weitere Schicksal des Helden der Fantasie des Lesers zu überlassen.

In einer Schlüsselszene erfindet sich Hauser eine Familie. Und von dieser träumt er später. Kann man »Hausers Ausflug« auch als Traum lesen? Wie in den letzten Zeilen Ihres Gedichts »In der Brandung des Traums«: »um schreiend zu erwachen und nach dem Wesen zu / tasten, das neben Dir liegt«?

Eine sehr gute Frage, für die ich herzlich danke. In der Tat, ich habe eine gewisse Zeit darüber nachgedacht, Hauser am Ende erwachen zu lassen. Das Ganze erinnert nicht von ungefähr an einen Albtraum.

Steffen Mensching: Hausers Ausflug. Wallstein, 249 S., geb., 22€

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