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Wissen, was Armut heißt

Linke-Kandidatin Jessica Kaußen kämpft für den Einzug ihrer Partei in den Niedersächsischen Landtag

Noch vor der Landtagswahl, so die Meinung von Jessica Kaußen, hätte das Parlament das von Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) versprochene eine Milliarde Euro umfassende Rettungspaket auf den Weg bringen sollen. Für den Fall seiner Wiederwahl kündigte der Regierungschef angesichts der Energiekrise kürzlich umfangreiche Entlastungen für öffentliche Einrichtungen, Vereine, Firmen und die Bevölkerung an. »Warum erst dann?«, fragt Kaußen, denn solch ein sozialer Härtefonds werde jetzt gebraucht. »Jetzt muss eine Lösung her, jetzt wissen die Menschen nicht, wie sie ihre Lebensmittel, wie sie ihre Rechnungen für Gas und Strom bezahlen sollen«, gibt die Spitzenkandidatin der Linkspartei zur Landtagswahl in Niedersachsen zu bedenken. Sie warnt vor einem Aufschieben des Hilfsprogramms. Nach der Wahl gebe es »wegen irgendeiner Koalitions-Konstellation« vielleicht die Nachricht, dass es doch nicht klappt mit der Milliarde, fürchtet Kaußen.

Die alleinerziehende Mutter einer achtjährigen Tochter blickt der Wahl optimistisch entgegen. Die Umfragen haben sich in den vergangenen zwei Wochen bei einem Ergebnis von vier Prozent der Wählerstimmen eingependelt. Spitzenkandidatin Kaußen wünscht sich jedoch, dass sie sich mit ihren Genossinnen und Genossen am Wahlabend über ein Ergebnis freuen kann, das den Sprung über die Fünf-Prozent-Hürde zulässt. Dann könnten Abgeordnete der Linkspartei erstmals wieder durch jene Tür gehen, die ihnen zwei Legislaturperioden lang verschlossen blieb. Nur 2008, damals hatten sich sieben Prozent der Wählenden für Die Linke entschieden, war fünf Männern und sechs Frauen der Partei der Einzug ins Parlament vergönnt gewesen.

Auch für Kaußen steht derzeit die Energiekrise im Fokus, ist dies doch ein Thema, das immer wieder aufkommt in Gesprächen, die sie im Wahlkampf führt. Die Linkspartei, so erläutert die 32-jährige Maschinenbau-Ingenieurin dann deren Position, fordere einen Energiepreisdeckel und eine Übergewinnsteuer. Es könne nicht sein, unterstreicht sie gegenüber »nd.derTag«, dass Großkonzerne in der aktuellen Krise maximale Gewinne einfahren, während unzählige Menschen von Existenzsorgen gedrückt werden.

Kaußen hört von Sorgen, die zurzeit viele Protestierende im Osten Deutschlands auf die Straße treiben. Das wäre auch im Westen anzuraten, meint Jessica Kaußen, warnt allerdings vor einem »Mitlaufen« im Kreis rechtslastiger Kräfte. »Das Demonstrieren ist berechtigt«, hebt die Kandidatin hervor: »Und wir als Linke müssen Anlaufstelle sein für diesen Unmut, und wir müssen den Menschen vermitteln: Wir nehmen eure Existenzängste ernst, wir sind Protestpartei und wir kämpfen für euch«.

Gekämpft bei Wahlen hat Kaußen schon mehrfach – und mit Erfolg. Sie errang einen Sitz in der Regionsversammlung Hannover, in der sie seit 2016 als Vorsitzende der Linksfraktion fungiert. Im gleichen Jahr wurde sie Vorsitzende der Linken im Rat der Stadt Laatzen, jenem Ort unmittelbar neben der Landeshauptstadt gelegen, in dem sich auch das Gelände der Hannover-Messe befindet.

In diesen beiden Gremien hat Kaußen mannigfaltige kommunalpolitische Erfahrungen gesammelt. Ihr Resümee zu Städten, Kreisen und Gemeinden dieser Tage: »Die Kommunen liegen brach, sie können nicht mehr und diese prekäre Lage hat sich durch die Corona-Pandemie noch verschlimmert«. Sie fordert daher eine Vermögenssteuer, damit Land und Kommunen vernünftig finanziell ausgestattet werden. »Bund und Land delegieren immer mehr Aufgaben an die Kommunen, lassen sie aber wirtschaftlich im Stich, die Zuweisungen sind viel zu gering im Verhältnis zu den Leistungen, die von der kommunalen Ebene erwartet werden. In ganz Niedersachsen sind nur zwölf Kommunen schuldenfrei«, stellt die Politikerin fest. Sollte ihre Kandidatur für einen Platz im Leineschloss, dem Sitz des Landtages, erfolgreich sein, wird der Einsatz für die Kommunen ein Schwerpunkt ihrer Arbeit sein.

Kaußen hofft sehr auf den Wiedereinzug ihrer Partei ins Parlament. Aber: Könnten die Querelen um Sahra Wagenknecht, die in der Linken für heftige Debatten sorgen, das Wahlergebnis in Niedersachsen trüben? »Ich glaube nicht, dass sich das negativ auf uns hier auswirkt«, hofft Kaußen. An den Infoständen im Wahlkampf sei sie noch nie auf die Vorfälle in Berlin angesprochen worden. »Die Menschen haben Existenzängste, die haben ganz andere Sorgen, die interessiert gar nicht, was Sahra Wagenknecht gesagt hat – sie ist ja auch nicht der Nabel der Welt«, konstatiert die Spitzenkandidatin.

In ihrer Partei ist Kaußen in führenden Positionen engagiert, sie gehört mehreren Gewerkschaften an, liebt die klare Sprache, Drumherumreden, geschliffene und feinsinnige Formulierungen sind nicht ihr Ding. Und so nennt sie auch das, was auf manchen Wahlplakaten der Linkspartei steht, »eine klare, deutliche Sprache, die jeder versteht«. Zu lesen ist da beispielsweise die Feststellung »Mal ehrlich, beschissener als das Schulklo ist nur das Bildungssystem« oder »Mal ehrlich, die scheiß Miete ist zu hoch«.

Wie sehr finanzieller Druck belasten kann, hat die Spitzenkandidatin selbst erlebt. »Als Studentin aus einem Arbeiterhaushalt, die sich das Studium an der Kasse im Supermarkt finanziert hat, kenne ich sehr wohl die berühmten Nudeln mit Ketchup am Ende des Monats. Weil es für mehr nicht reicht«, blickt sie zurück. Wie sehr wirtschaftliche Schwäche schmerzen kann, hat Kaußen schon früh in Begegnungen mit Menschen erfahren, denen jede Ausgabe wehtut. In einem Interview, vor etlichen Jahren entstanden, als sie noch jobben musste, war die junge Frau gefragt worden, was sie besonders bewege. Ihre Antwort: »Wenn ich an der Kasse sitze und ein kleines Kind an der Hand von Mama und Papa mit ganz großen Kulleraugen fragt, ob es ein Überraschungsei haben darf und Mama und Papa erklären müssen, dass sie dafür kein Geld hätten.«

Die Schere zwischen denen, die Geld haben, die reich sind, und den Menschen mit wenig Geld klaffe immer weiter auseinander, warnt Kaußen. Es gehe vielfach ungerecht zu und das belege: Die Linke werde gebraucht. Wenn sie es schaffe, diese Botschaft glaubhaft zu vermitteln, dann habe sie auch die Berechtigung zum Einzug in den Landtag nach der Wahl am 9. Oktober.

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