»Häst god mokt, mien Diern«

Michael Herms hat sich auf eine Spurensuche nach seinen Vorfahren Anfang des 20. Jahrhunderts begeben

Ich bedauere es sehr, dass meiner Tante eine bewusste Lektüre dieses Textes nicht mehr vergönnt ist», schreibt Michael Herms. Man darf davon ausgehen, dass sie sich über dieses sehr persönliche, mit viel Emotionen, Sachverstand und Akribie verfasste Buch tatsächlich gefreut hätte. Der Historiker, in den 90er-Jahren wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für zeitgeschichtliche Jugendforschung in Berlin und 2003 bis 2018 Geschäftsführer der Rosa-Luxemburg-Stiftung Mecklenburg-Vorpommern, hat sich einen Namen in der Biografik gemacht. Er forschte vor allem zum Leben umstrittener Persönlichkeiten wie Heinz Lippmann, Stellvertreter von Erich Honecker als FDJ-Vorsitzender, nach dem 17. Juni 1953 in den Westen geflohen, wobei er über 300 000 Mark aus der Kasse der Jugendorganisation mitnahm und fortan in der DDR als Dieb und Verräter galt. Oder zu Robert Bialek, der im selben Jahr der DDR den Rücken kehrte, drohender Verhaftung zuvorkommend. Der anfangs hoffnungsvolle Kader im Ministerium des Inneren hatte sich zu oft mit Erich Mielke, dem späteren Chef des Ministeriums für Staatssicherheit, sowie Partei- und Staatschef Walter Ulbricht angelegt. Dem Widerstandskämpfer Bialek, der unter Hitler sechs Jahre in Haft saß, war die Einstellung kleiner Alt-Nazis in just jenem Staat, der den Antifaschismus zur Staatsdoktrin erklärt hatte, ein Dorn im Auge.

Nun also hat sich Herms eigener Familiengeschichte zugewandt. Nicht minder spannend und erkenntnisreich, wenn auch nicht so spektakulär. Hintergrund ist die «Urkatastrophe» des 20. Jahrhunderts, der Erste Weltkrieg. Heldin der Geschichte ist die Häuslertochter Anna aus Groß Laasch, deren Verlobter 1914 vom Wehrdienst in den Kriegsdienst geschickt wird. Auch vier von Annas Brüdern müssen einrücken, Kanonenfutter für «Kaiser, Gott und Vaterland». Als Bruder Ludwig fällt, folgt Anna den öffentlichen Aufrufen zur Zeichnung einer Kriegsanleihe, in der Hoffnung, damit den Krieg verkürzen zu helfen und ihren Geliebten sowie ihre anderen Brüder recht bald wiederzusehen. Doch die Kriegsspenden verkürzen keineswegs den Krieg. Ebenso nicht das Einschmelzen von Kirchenglocken.

1911 war die Welt noch heil, als Anna ihren Hermann, einen angehenden Ingenieur, trifft – auf einem Fest in Neustadt, «die kleinste Stadt im Großherzogtum Mecklenburg-Schwerin», wie Herms informiert. Es funkt zwischen beiden sofort, während sie ihre Tanzbeine schwingen. Die 20-Jährige hat es zufällig in die Ackerbürgerstadt verschlagen. Berührend, wie Herms die Begegnung der beiden nachfühlt. Auch die Schilderungen nachfolgender Ereignisse erklimmen ein literarisches Niveau, das in der Geschichtsschreibung eher selten ist.

Nach Studienabschluss 1912 mit der Note «Gut» erhält Hermann Herms Arbeit in Schweidnitz, mit 18 000 Einwohnern weitaus größer als Neustadt. Er findet Unterkunft bei der Witwe eines Artilleriefeldwebels, die ihm kurz und knapp das Untermieterreglement erklärt: «Keine Unordnung, keinen Lärm! Kein Frauenzimmer!! Und die Miete wöchentlich im Voraus!!!» Der Mietvertrag erfolgt per Handschlag. Alsbald muss Hermann seinen Wehrdienst antreten, in einer Kaserne in Schöneberg, damals noch nicht zu Berlin gehörig. Nach seiner Entlassung will er sich um eine Anstellung in Ludwigslust bemühen und bei Christian Lendt um die Hand von dessen Tochter Anna anhalten. Der Vater hat nichts gegen die Liaison einzuwenden. Im Gegenteil, er ist froh, wenn seine «Anni» eine so gute Partie mit einem Studierten macht. Doch der muss nun, im August 1914, erst einmal ins Feld ziehen: «Schingderassabum!»

Postbote Christian Lendt, dessen Frau Anna Marie Sophia Dorothea bereits 1908 verstorben ist, ausgelaugt von den vielen Geburten, hat einen traurigen Job zu verrichten. Die Todesnachrichten, die er Müttern, Vätern und Geschwistern überbringen muss, mehren sich. An einem Septembertag 1915 steht er mit seiner Anna geduldig in einer langen Schlange vor der Sparkasse von Ludwigslust, um seinen Beitrag für den «Sieg der deutschen Waffen» zu leisten. Lendts Gehalt als Unterbeamter der Landbriefträgerklasse beträgt an die 100 Mark, nicht genug, um großzügig den Eliten ihren Krieg zu finanzieren. Mit zitternder Hand unterschreibt Anna die Kriegsanleihe, auf die fünf Prozent Zinsen versprochen werden. Pustekuchen, wie sich nach dem Krieg erweisen wird. Das können Anna und ihr Vater 1915 noch nicht ahnen. «Häst god mokt, mien Diern», lobt Lendt seine Tochter. Drei Monate später, zu Weihnachten, kommt Hermann zu seinem ersten Heimaturlaub nach Ludwigslust. Wenn Anna sich vorab nicht umtriebig nach Mehl, Eiern, Butter, Speck, Wurst umgetan hätte, wäre es ein betrübliches Fest geworden.

Ohne großes Aufgebot wird mitten im Krieg, am 15. Mai 1917, Hochzeit gefeiert. Nach fünf Tagen muss Hermann zu seiner Einheit zurück, ausgerechnet an Christi Himmelfahrt. «Ist es ein gutes oder ein böses Omen, Hermann?», fragt Anna ihren Mann. «Mach dir keine Sorgen, Anni. Ich komme wieder.» Er hält sein Wort. Auch wenn es freilich nicht in seiner Macht gelegen hatte, er hatte halt Glück im Unglück. Zum Glück für Anna.

Herms verfolgt der beiden weiteren Lebensweg, eingebettet in die Beschreibung großer historischer Ereignisse: Revolution, Inflation, Machtantritt der Nazis. Abschließend berichtet er, wie er an die Dokumente und Briefe von Anna, die 1946 starb, gelangte. Seine 90-jährige Tante übergab sie ihm: «Das war alles mal von Wichtigkeit, jetzt ist es nur noch altes Papier. Aber ich kann es einfach nicht übers Herz bringen, alles in die Papiertonne zu werfen. Dich als studierten Historiker mag das eine oder andere Papier interessieren?» Herms sei durch den «mitleiderregenden Klang ihrer Stimme» sowie den Appell an seine Berufsehre überwältigt worden. Zudem tat er somit etwas fürs Familiengedächtnis. Dankenswerterweise, denn nur im Wissen solcher kleinen Geschichten lässt sich authentisch die große Geschichte erzählen.

Michael Herms: Annas Kriegsanleihe. Spurensuche in Mecklenburg. Edition Temmen, 192 S., br., 17,90 €.

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