Netzwerk unter Wasser

Die kritische Infrastruktur auf hoher See ist für die Wirtschaft an Land überlebenswichtig

  • Von Hermannus Pfeiffer
  • Lesedauer: 4 Min.

Christine Lambrecht macht sich Sorgen. »Der mutmaßliche Sabotageakt an den Ostsee-Pipelines führt uns erneut vor Augen, dass wir auf kritische Infrastruktur angewiesen sind – auch unter Wasser«, twitterte kürzlich die Bundesverteidigungsministerin. Auch EU-Staaten und Nato reagierten verschreckt auf die Löcher in Nord Stream 1 und 2. »Jeder vorsätzliche Angriff auf die kritische Infrastruktur der Bündnispartner würde mit einer gemeinsamen und entschlossenen Reaktion beantwortet«, drohten die 30 Nato-Mitgliedsstaaten. Tatsächlich liegen in den Weltmeeren unzählige Rohrleitungen und Kabel verstreut. Durch sie fließen nicht allein Gas und Erdöl, sondern auch Strom und Daten. Die Verlegung solcher Unterseekabel hatte in den letzten Jahren Hochkonjunktur.

Nahezu zeitgleich zu den Explosionen, die mehrere Lecks in die russisch-deutschen Rohrleitungen in der Ostsee rissen, weihten Regierungsvertreter aus Polen, Dänemark und Norwegen die »Baltic Pipe« mit großen Worten ein. Aus Sicht der dänischen Ministerpräsidentin Mette Frederiksen markiere dieser Tag »einen entscheidenden geopolitischen Schritt für uns alle«. Man müsse tun, was man könne, »um Energie als Instrument russischer Macht zu beseitigen«.

»Baltic Pipe« ist lediglich ein rund 900 Kilometer langer Abzweig der bereits bestehenden Trasse »Europipe II«, die von Norwegen nach Niedersachsen führt. Die neue Pipeline schließt westlich von Dänemark an die bestehende Leitung an, führt dann zum dänischen Festland und weiter durch die Ostsee nach Polen. Bis auf Weiteres bleibe die Rohrleitung allerdings leer, meldet der Fachinformationsdienst Heise. Die Regierung von Mateusz Morawiecki in Warschau habe es versäumt, rechtzeitig Lieferverträge abzuschließen.

Doch nicht allein Polen oder Deutschland schauen in die Röhre. Ganz Europa ist gefangen in einem Netz aus Pipelines für Gas und Erdöl. So laufen beispielsweise von Norwegen Rohrleitungen durch die Nordsee bis nach England, Frankreich, Belgien und den Niederlanden. Von Algerien laufen Exportleitungen nach Spanien und Italien; Aserbaidschan liefert über das Schwarze Meer und die Türkei nach Europa.

Auch Strom wird unter Wasser transportiert. So ist nach Schweden seit gut einem Jahr auch Norwegen über ein Unterseekabel direkt mit Deutschland verbunden. Eingehüllt in Kupfer, über das der Strom fließen kann, wird die Leitung noch durch Teer, Kunststoff und Stahl verstärkt. Felsstürze unter Wasser oder starke Strömungen können der Stromleitung deshalb nichts anhaben. Anders ist dies mit schweren Fischereinetzen, autonomen Unterwasserfahrzeugen oder U-Booten.

Im Jahresbericht des Marinekommandos in Rostock findet sich erstaunlicherweise dennoch kein Wort zu dieser kritischen Infrastruktur auf hoher See. Die Strategen der deutschen Marine sorgen sich – anders als etwa die britischen – allein um Häfen, Schiffe und weltweite Handelswege. Dabei enden die Befugnisse und polizeilichen Möglichkeiten des Bundesinnenministeriums in den Küstengewässern. Das offensichtliche Desinteresse der Marine ist auch deswegen erstaunlich, weil Windparks auf hoher See in Wirtschaft und Politik zunehmend als große Hoffnungsträger in der globalen Energiewende gelten. Stationäre Plattformen – wie zukünftig schwimmende Anlagen – benötigen jedoch eine Netzinfrastruktur auf See und sind per Stromleitung über weite Strecken mit dem Land verbunden.

Ein Vulkanausbruch auf Tonga deckte eine weitere Schwachstelle der globalen maritimen Infrastruktur auf: Wochenlang war die Südseeinsel vom Internet abgeschnitten, weil ein Unterseekabel gebrochen war. Unterwasserglasfaserkabel besitzen eine etwa 200-mal höhere Datenübertragungskapazität als Satelliten und gelten daher für die weltweite Kommunikation als unverzichtbar.

Für die Reparatur musste erst das Spezialschiff »Reliance« aus Australien herbeigeschafft werden. Das Schiff gehört der US-Firma Subcom, einem Hersteller von Unterwasserkabeln, der für die Wartung und Reparatur von mehr als 50 000 Kilometern Kabel allein im Südpazifik verantwortlich zeichnet.

Doch nicht allein entlegene Inseln sind über Kabel mit der Welt verbunden. Dies zeigt die öffentlich zugängliche Internetseite »Submarine Cable Map«. Die Verlegung solcher Unterseekabel hatte in den letzten Jahren Hochkonjunktur, weil Firmen noch die letzten unberührten Flecken der Erde über eigene Leitungen an das Internet anbinden wollen. Auch Amazon, Google und Co. haben mittlerweile sowohl die technischen als auch die finanziellen Voraussetzungen, eigene Kabelnetze zu errichten.

So wurde Ende 2021 Googles neues Unterwasserkabel verlegt, das die USA mit einigen Teilen Europas verbindet. Auch China baut derzeit an einem »Peace Cable« unter Wasser, welches das eigene Festland mit Asien, Europa und Afrika verbinden soll. Eigentümer ist der chinesische Strom- und Glasfaserkabelhersteller Hengtong. Im Ergebnis wächst der Kreis der Akteure mit jeweils eigenen Interessen.

Über 90 Prozent des weltweiten grenzüberschreitenden Datenverkehrs wird nach Expertenschätzungen bereits über ein Netz von über 500 Unterseekabeln mit einer Länge von mehr als einer Million Kilometern abgewickelt. Das Fachblatt »Marineforum« schätzt den Anteil sogar auf 99 Prozent. Militärs und Sicherheitsexperten von Firmen in Ost wie West weisen daher seit langem auf die Gefährdung technischer Infrastrukturen zum Transport von Daten und Energie auf dem Meeresboden hin.

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