Führ mich zum Schotter

Mit dem Gravel Bike durch das Seefelder Hochplateau in Tirol

Gigantische Ausblicke bei rasanter Abfahrt mit dem Gravel Bike
Gigantische Ausblicke bei rasanter Abfahrt mit dem Gravel Bike

Irgendwann ist einfach Schluss. Der Tritt bleibt stecken, die Steigung ist schlicht zu steil für den eingestellten Gang, der Schotter zu grob, die Reifen drehen durch. Tage zuvor hatte es auch noch geregnet, der Boden glitschig. Bumm, das Rad, mehrere tausend Euro wert, kippt langsam wie in Zeitlupe nach links. In den Klickpedalen gefangen, bleibt einem nichts anderes übrig, als sich dem Fatalismus des eigenen Sturzes zu fügen, ihm fast genüsslich, da nicht gefährlich, zuzusehen und es mit Humor zu nehmen. Klassischer Anfängerfehler. Egal ob Rennrad oder Gravel Bike, jeder, der das erste Mal mit »Klickies« fährt, kennt dieses unbehagliche Gefühl, wenn man mit den Schuhen an der Pedale kleben bleibt, obwohl die Füße zappeln und rauswollen, weil sie dringend einen Standplatz brauchen. Gefesselt am eigenen Fahrrad. Umzukippen wie ein Sack Kartoffeln ist noch schöner mit Publikum. »Das passiert dir einmal und nie wieder, weil’s so peinlich ist«, sagt ein Kollege, rennraderfahren, der ebenfalls zu dieser Gravel-Tour durch das Seefelder Hochplateau eingeladen ist. Er stürzte einmal an einer Kreuzung in Tübingen mit seinem Rennrad an einer Ampel, seitdem nie wieder.

Der Tag begann so gut. Das Wetter ist bestens. Die Sonne strahlt, knallt aber noch nicht unerbittlich, dafür sind wir zu früh aufgebrochen. Die Luft ist klar, das Licht setzt Wetterstein- und Karwendelgebirge in Szene, wie pompöse Diven, die Seefeld, dieses 3500 Einwohner*innen-Dorf mit Olympia-Ruhm, einkesseln.

Das ausgeliehene Gravel Bike, ein Mix aus Rennrad und Mountainbike, schnurrt beruhigend monoton auf dem Weg zum ersten Halt, der Heiligkreuzkirche. Ein monstermäßig kitschiges Postkartenmotiv, aber dafür kann die Kirche nichts. Das erste Mal bremsen, gefangen in den Klickpedalen, klappt super, vielleicht auch zu gut, der schöne Schein von Sicherheit.

Das Seefelder Hochplateau, zu dem die Orte Seefeld, Leutasch, Mösern, Reith und Scharnitz gehören, ist auf 1200 Metern über dem Meer mitten in Tirol gelegen und ein beeindruckendes Phänomen, das wohl die Gletschererosion geschaffen hat. Schon die Zugfahrt von Innsbruck mit der S-Bahn entlang der Karwendelausläufer ist abenteuerlich, und man fragt sich unweigerlich, wie viele tapfere Gleisbauer hier wohl vor Jahrhunderten ums Leben kamen. Denn die Bahn schlängelt sich immer an der Abbruchkante zum Inntal durch Fels und Wald bis zur Endstation Seefeld.

Wenn im Frühjahr der Schnee geschmolzen ist, legt dieser 650 Kilometer Wanderwege, 260 Kilometer Routen für Jogging und Nordic Walking sowie 570 Kilometer Fahrrad- und Mountainbike-Strecken frei. Im Winter sieht es ähnlich großzügig aus: rund 245 Loipenkilometer, in allen Schwierigkeitsgraden, rund 30 alpine Pistenkilometer, 142 Kilometer geräumte Winterwanderwege und 35 Kilometer auf sieben Routen zum Schneeschuhwandern. »Bei uns verteilt sich der Andrang gleichmäßig auf Winter und Sommer«, erzählt Tessa Mellinger vom Tourismusverband Seefeld. Mit Overtourism, also offen ausgetragenen Konflikten zwischen Besucher*innen und Einheimischen, habe man daher in Seefeld kein Problem, sagt sie.

Daher kann es sich die Region auch erlauben, neben Wanderern, Skifahrer*innen und Langläufer*innen, verstärkt Radfahrer*innen zu sich zu locken. Für waghalsige Mountainbike-Trails, steile, schwierige unasphaltierte Wege, die gleichzeitig auch von Wanderern genutzt werden (Konfliktpotenzial hoch) ist es auf Seefelds Hochplateau zu flach. Und sowohl das angrenzende Wetterstein- als auch das Karwendelgebirge sind zu karg und zu steil fürs Radfahren, da bieten sich die mäßigen Anstiege in Seefeld für das Gravelbiken geradezu an.

Gravelbiken gibt es als Radfahr-Subkultur schon seit Ende der 70er Jahre, hat sich seitdem kontinuierlich weiterentwickelt und entstand in den USA. In der DACH-Region (Deutschland, Österreich, Schweiz) ist es allerdings erst in den letzten fünf Jahren richtig beliebt geworden. Das Gravel Bike (gravel, englisch: Schotter) ist ein Hybrid aus mehreren Rädertypen. Es hat in etwa den Rahmen eines Rennrades, ist allerdings etwas gestreckter – damit auch für längere Touren geeignet – und besitzt ebenfalls den typischen Dropbar-Lenker, der mehrere Griffpositionen ermöglicht. An den Reifen ist das Gravel Bike wohl am deutlichsten vom Rennrad zu unterscheiden, denn im Gegensatz zum Rennrad sind die Gravel-Reifen etwas breiter und haben ein Profil, das es möglich macht, auch abseits des Straßenasphalts auf Waldboden oder feinen Schotterpisten zu fahren. Ein Alleskönner sozusagen, weshalb es vor allem in der urbanen Mittelschicht zu einem Statussymbol geworden ist, weil man damit sowohl schnell ins Büro düsen als auch am Wochenende ins Umland abhauen kann.

Der Preis eines Rades gibt dann auch den Altersdurchschnitt (der Gravel-Einsteiger ist um die 40) vor. Wer ein gutes Anfänger*innen-Rad will, kommt vielleicht mit knapp 1000 bis 2000 Euro aus. Wenn es ein sehr leichter Carbonrahmen oder eine elektrische Schaltung sein muss, landet man fürs Highend-Produkt bei rund 10 000 Euro. Inzwischen haben alle großen Marken auch Gravel Bikes und die passenden Klamotten im Angebot. Ein teures Hobby. Aber was für ein Gefühl, den Übergang vom schwerfälligen Cityrad aufs Gravel Bike zu machen. Die Schaltung schnurrt gleichförmig, der leichte Rahmen beschleunigt schon mit wenig Muskelkraft wie eine Mini-Rakete. So muss sich damals der Wechsel vom Trabi auf Audi 80 angefühlt haben.

Unsere Tour übers Hochplateau führt uns nach dem kurzen Stopp an der Heiligkreuzkirche raus aus dem Ort Seefeld hinein in die Wälder. Nun kommen auch die ersten Anstiege. Für alpin geschulte Radfahrer*innen ein Klacks, für Radler*innen aus der Ebene schon eine Herausforderung. Am Ende der Strecke werden wir knapp 1000 Höhenmeter geschafft haben.

Wer schon lange nicht mehr oder noch nie mit Brems-Schalthebel gefahren ist, bei denen der Schalthebel und die Bremse in einer Einheit stecken, bekommt spätestens jetzt erste Koordinierungsschwierigkeiten, die sich aber nach ein paar Minuten eingespielt haben. Es riecht nach Kiefern, die Luft erwärmt sich langsam, und tatsächlich sind verhältnismäßig wenige Biker und Wanderer auf derselben Strecke unterwegs.

Jetzt wird es allerdings wirklich steil, jedenfalls für norddeutsches Empfinden. Der Anstieg zur Aussichtsplattform Brunschkopf treibt den Puls gewaltig nach oben. Auf knapp 1500 Metern eröffnet sich hier als Belohnung ein gewaltiges Panorama aus Wetterstein- und Karwendelgebirge mit Blick bis zu den Stubaier Alpen. Zur Entspannung radeln wir ein Stück bergab vorbei an Lotten- und Wildmoos See, beide ein Phänomen für sich. Verschwinden sie doch periodisch immer wieder und tauchen erst nach der Schneeschmelze wieder auf, weil sich während des Tauwetters unterirdische Mulden mit Wasser füllen. Niemand aber kann exakt vorhersehen, wann sie entstehen.

Inzwischen hat man sich auf dem Gravel Bike eingerichtet, das Bremsen und Absteigen mit den Klickpedalen hat sich automatisiert. Jetzt ist die Ruhe da, sich an den verschiedenen Arten von Grün auf den Almen und dem Wildmoos sattzusehen. Nachdem wir die Orte Weidach und Emmat hinter uns gelassen haben, führt die Strecke eine ganze Weile entlang der Leutascher Ache. Neben dem Fluss ragen die Gehrenspitze und das Wettersteinmassiv empor. Ein bisschen sieht es aus wie bei Winnetou, nur dass wir auf mechanischen Pferden durch die Prärie düsen.

Nach etwa drei Stunden pausiert unsere Gruppe an der Leutascher Geisterklamm. Das Klammstüberl gleich am Eingang ist nur eine von vielen Einkehrmöglichkeiten auf der Strecke.

Die Klamm ist zwar ein Familienevent mit zahlreichen Gespensterspielchen, aber es ist deswegen ein nicht weniger beeindruckendes Getöse, das die Leutasch hier vollbringt. Etwa 3000 Meter Weg führen auf schmalen Stegen hinein in die bis zu 75 Meter tiefen Schluchten des Flusses.

Am Ende geht es über Mittenwald und Scharnitz wieder zurück nach Seefeld. Dabei wird der knallharte Anstieg nun mit einer super zügigen Abfahrt in den Ort belohnt. Wer mutig ist und wenig Verkehr auf den Straßen hat, kann auf der Bergstraßenabfahrt bis zu 65 Stundenkilometer erreichen.

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