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Akut Schwerkranke zuerst

Orthopäden und Unfallchirurgen mahnen dringend Reform der ambulanten Notfallversorgung an

Schwer verletzte Patienten, die mit dem Rettungswagen eingeliefert werden, haben in Notaufnahmen absolute Priorität.
Schwer verletzte Patienten, die mit dem Rettungswagen eingeliefert werden, haben in Notaufnahmen absolute Priorität.

Die ambulante Notfallversorgung gehört zu den Themen, die in Sachen Reformen im Gesundheitswesen schon lange auf der politischen Agenda stehen. Getan hat sich aber noch nicht viel. Noch immer scheint eine sinnvolle Patientensteuerung schwer möglich: Zu viele Menschen suchen die Notaufnahmen auf und erwarten sofortige Hilfe für Beschwerden, die sie schon Tage oder Wochen drücken oder bei denen es sich auch mal nur um Lappalien handelt, wie die Entfernung einer Zecke. Diese Personen verstopfen das System zulasten derer, die sofort versorgt werden müssen.

Das Thema treibt aktuell auch die Orthopäden und Unfallchirurgen um, deren Jahreskongress in der nächsten Woche in Berlin stattfindet. Vorab wiesen die entsprechenden medizinischen Fachverbände darauf hin, dass die Hälfte aller Patienten, die in der Notfallversorgung auch eine Diagnose erhalten, aus ihrem Bereich kommt. Akute Verletzungen zählen danach zu den Top Ten aller Diagnosen in den Notaufnahmen der Krankenhäuser. Immer häufiger geschieht es, dass sich einzelne Notaufnahmen sogar aus dem System abmelden, in dem Rettungsfahrzeuge dringend zu versorgende Patienten bringen – weil sie überlastet sind. Die Ambulanzen müssen dann weitere Wege fahren, bis zum Beispiel Verletzte endlich eine angemessene Versorgung erhalten.

Noch fehle ein standardisiertes Ersteinschätzungsverfahren, erklärt etwa Burkhard Lembeck, Präsident des Berufsverbandes Orthopädie und Unfallchirurgie. »Vorschläge dafür liegen seit Langem in der Schublade, aber die müssten endlich umgesetzt werden.« Andere Länder zeigten, dass solche Entscheidungen durchaus telefonisch, aber auch digital oder persönlich von geschultem Personal getroffen werden können. Minutenlange Warteschleifen solle es hier nicht geben. In Deutschland funktioniere das telefonisch nur hier und da. Eine solche Priorisierung schließe jedoch auch ein, dass die weitere Versorgung in weniger dringlichen Fällen im Regelbetrieb etwa von Haus- oder Facharztpraxen am nächsten Tag oder am folgenden Montag nahtlos organisiert werden müsse, erläutert der Orthopäde und Chirurg Lembeck, der als niedergelassener Arzt in Ostfildern tätig ist.

Die Fachärzte beziehen sich durchaus positiv auf ein Konzept zur Notfallversorgung, das vom Gemeinsamen Ausschuss des Gesundheitswesens schon für die letzte Bundesregierung erarbeitet wurde. Für die Kernprobleme Fehlsteuerung, Wartezeiten und Unterfinanzierung empfehlen sie weitere Maßnahmen. Der letzte Punkt ist Lembeck wichtig: Rettungsstellen sollten fallzahlenunabhängig abgesichert werden – im Rahmen der Dasesinsvorsorge. Das Ersteinschätzungsverfahren dürfe nicht aus den ärztlichen Honoraren finanziert werden, »so kommen wir nicht weiter«.

Auch beim Geld müssten sich die Beteiligten einigen, erklärt der Mediziner und meint damit vor allem die gesetzlichen Krankenversicherungen. Gebe es hier weiterhin Stillstand, würde das System früher oder später kollabieren. Es drohten dann britische Verhältnisse, wo aktuell in Nottingham ein 95-jähriger gebrechlicher Mann 26 Stunden auf ein Krankenhausbett warten musste. In dieser Zeit versuchten nach Angaben von Angehörigen zeitweise mindestens 20 Rettungskräfte, Patienten in das Krankenhaus einzuliefern. In Sachen Finanzierung haben die Ärzte hierzulande noch einen Vorschlag: Sie wollen zur Vermeidung von Wartezeiten ein Ticket-System in der Ersteinschätzung einführen. Patienten erhalten je nach Dringlichkeit früher oder später Zugang. Wenn sie sich nicht daran halten, droht eine höhere Zuzahlung.

Gravierende Einschränkungen in der Versorgung von Patienten werden aber nicht nur durch überlastete Notaufnahmen verursacht. Sorgen macht insbesondere den Orthopäden die jetzt in Kraft tretende neue EU-Medizinprodukteverordnung. Damit wird die Zulassung von fast einer halben Million Medizinprodukten in Europa geregelt, angefangen von Gehhilfen bis hin zu Defibrillatoren, mit denen ein plötzlich zu schnell schlagendes Herz behandelt werden kann. Ausgelöst wurde die Neuregelung von einem Fall gefälschte Brusttransplantate.

Die Fachärzte kritisieren an der EU-Verordnung, dass hier alles über einen Kamm geschoren wird, wie der Unfallchirurg Dietmar Penig erklärte. »Jetzt müssen auch schon lange im Einsatz befindliche und bestens bekannte Implantate neu zugelassen werden.« Die dafür Benannten Stellen, TÜV-ähnliche Einrichtungen, kämen aber mit der Rezertifizierung nicht nach. »Es besteht ein enormer Rückstau.« Zudem stehe für die Hersteller der Aufwand für diesen Prozess in keinem Verhältnis zum Verkaufserlös älterer Produkte. »Es gibt auch gar keinen inhaltlichen Grund, für bewährte Produkte neue Studien aufzulegen.«

In der Folge könnte die Versorgung von Patienten mit Gelenkersatz nicht mehr auf dem bisherigen Niveau erbracht werden. »Denn Operateure werden andere Implantate als bisher verwenden müssen, mit denen sie weniger Erfahrung haben und für die keine Langzeitergebnisse vorliegen.« Die Fachärzte fordern deshalb, die umfassenden Qualitätsdaten aus bestehenden Endoprothesen- und Traumaregistern für eine erleichterte Freigabe älterer Produkte zu nutzen. In diese Register, die in Regie der Fachverbände geführt werden, würden pro Jahr die Daten von einer halben Million Patienten eingespeist.

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