• Kultur
  • Literaturbeilage zur Frankfurrter Buchmesse

Botschaften für heute

Peter Brandt und Gert Weisskirchen würdigen den »Prager Frühling«

  • Heinz Niemann
  • Lesedauer: 3 Min.

Das Anliegen der Herausgeber des hier anzuzeigenden Bandes, 50 Jahre nach dem in West wie Ost herausragenden Jahr 1968 einen durch die Erfahrungen des jüngsten Epochenbruchs bereicherten Blick zurückzuwagen, ist allein schon deshalb zu begrüßen, weil unsere Welt mit ihren vielfältigen Krisen und Kriegen vor ähnlichen Herausforderungen wie damals steht. Bedauerlicherweise aber keinen ähnlichen geistigen Aufschwung und rebellischen Aufbruch, etwa der studentischen Jugend und jungen Intelligenz, wie damals erlebt. Zumindest ist solches noch nicht zu erkennen, sieht man einmal von der ebenso sympathischen wie harmlosen Gymnasiasten-Bewegung Fridays for Futur ab.

Zwölf Autoren, unter ihnen Michael Reiman, Jahrgang 1930, einst Dozent an der Parteihochschule der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei, und Luciana Castellina, Jahrgang 1929, KPI-Journalistin und 1969 Mitbegründerin der legendären Zeitschrift »Il Manifesto«, untersuchen die Bedeutung und Ausstrahlungskraft des »Prager Frühlings«, wollen den Wert des tschechoslowakischen Reformansatzes zu einem »Sozialismus mit menschlichem Antlitz« für heutige Bewegungen sichtbar machen.

Peter Brandt, geboren 1948, Juraprofessor und Sohn des ersten sozialdemokratischen Bundeskanzlers Willy Brandt, befasst sich in zwei Beiträgen mit Verlauf und Beendigung des Anlaufes zu mehr Demokratie auf globaler Ebene. Gert Weisskirchen, geboren 1944, zehn Jahre außenpolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, schöpft aus eigenen Erinnerungen an westdeutsche Ereignisse, die weiterreichende Intentionen sehr unterschiedlicher 68er tangierten. So würdigt er in einem Atemzug Rudi Dutschke, Daniel Cohn-Bendit, Willy Brandt, Martin Luther King und Robert Kennedy.

Bedauerlich ist das Fehlen eines wissenschaftlichen Ansprüchen genügenden Beitrags über die Auseinandersetzungen innerhalb der SED und der Intelligenz der DDR 1968. Dürftige Zitate aus Berichten des MfS, des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR (wie im Beitrag der seit 2001 der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur vorsitzenden Anna Kaminsky) sind mehr als unbefriedigend.

Auffällig ist, dass auch in diesem Band die Frage nach der Hauptursache des Scheiterns des Reformansatzes für die Fortentwicklung eines noch embryonalen Sozialismus umgangen wird. Es waren sowohl die vom Westen ausgehenden vielschichtigen Bedrohungen sowie die verfehlten Antworten der verbürokratisierten Machteliten, die 20 Jahre später den Zusammenbruch des Staatssozismus einleiteten. Ob dieser tatsächlich, wie von interessierter Seite gern behauptet, eine wesensbedingte Unreformierbarkeit des Systems bestätigte, dürfte fraglich sein.

Unbestritten ist, dass die Furcht der staatssozialistischen Führungen vor einer bedingungslosen Öffnung zu einem radikal-demokratischen Reformsozialismus im Wettstreit mit einem im Lebensstandard hoch überlegenen Westen berechtigt war. Glasnost und Perestroika ohne Konzept und vor allem ohne ausreichend Zeit konnten nicht funktionieren.

Zu diesen und vielen weiteren Fragen regt das Buch verdienstvollerweise an. Es ermuntert zum Nachdenken und zum Diskurs darüber, was 1968 mit 1989 verbindet und warum keines der die Menschheit und den Planeten bedrohenden Probleme und Widersprüche gelöst ist.

Der große, alles vernichtende Weltkrieg ist nach dem Wegfall des Gleichgewichts der zwei Weltmächte wieder im Bereich des Möglichen. Die Bipolarität, die Europa die längste Friedensperiode der jüngeren Geschichte bescherte, wurde nicht durch eine multipolare Politik gemeinsamer Sicherheit und globaler Kooperation abgelöst. Die schon von den tschechoslowakischen Vordenkern eines Sozialismus mit menschlichem Antlitz angesprochenen Probleme einer globalen Klimakrise stellen sich in neuer Dimension, ebenso Abrüstung weltweit als eine Überlebensfrage.

Die Herausgeber hoffen: »Vielleicht können uns sowohl der Inhalt des Programms der tschechischen und slowakischen Reformer von 1968 für einen ›Sozialismus mit menschlichem Antlitz‹, der lebensfähig und befreiend sein sollte, als auch Formen der Umgestaltung des Zusammenwirkens einer kühlen und klugen Führung mit einer aufgeweckten, drängenden, demokratischen Massenbewegung Botschaften darüber vermitteln, wie wir die heutigen Aufgaben angehen könnten.«

Peter Brandt/Gert Weisskirchen (Hg.):
Sozialismus mit menschlichem Antlitz.
Der Aufbruch in der Tschechoslowakei 1968
in seinem historischen Umfeld.
J. H. W. Dietz, 288 S., br., 26 €.

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